Kritik von

Der Komponist aus dem Glashaus

Premiere von Carl Maria von Webers "Freischütz" an der Wiener Staatsoper

Kritik - Der Komponist aus dem Glashaus © Bild: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
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Es gibt einen Grund, diesen „Freischütz“ an der Wiener Staatsoper zu besuchen: den liefert der Tenor Andreas Schager. Welche Kraft, welches Timbre, welche Stimmführung! Wie er mit Leichtigkeit das „Durch die Wälder, durch die Auen anstimmte“, seiner Beklemmung in „Nein, länger ertrag ich nicht die Qualen“ Ausdruck verlieh, mühelos jede Höhe erreichte, war atemberaubend – ein Ereignis.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kein Wunder, dass der gebürtige Niederösterreicher einer der gefragtesten Heldentenöre der Welt ist, der die großen Wagner-Partien an den bedeutendsten Opernhäusern mit den größten Dirigenten, wie Daniel Barenboim, Christian Thielemann oder Franz Welser-Möst singt. Philippe Jordan, designierter Musikdirektor der Wiener Staatsoper, mit dem Schager vor wenigen Wochen an der Pariser Bastille Oper als Richard Wagners Parsifal reüssierte, erklärte im News-Interview: „Ich habe nur wenige Stimmen erlebt, die so frei, so unbeschwert und so menschlich sind“. Ein idealtypischer Max, dem mit Camilla Nylund als Agatha eine exzellente Partnerin zur Seite stand. Ihre Arie, in der sie „leise, leise“ den Wald besingt, brachte sie makellos zu Gehör, aber ihr Vortrag war in Christian Räths Inszenierung nicht mehr als eine Konzertarie.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Für Räth ist der Jäger Max, der vor der Hochzeit mit Agathe, mit einem „Probeschuss“ beweisen muss, dass er seiner Braut würdig ist, aus Angst seit Tagen nichts mehr trifft und Hilfe beim Teufel sucht, ein Komponist in der Schaffenskrise. In Gestalt Carl Maria von Webers erlebt Max seine Geschichte. Gary McCann hat dafür eine mit Glaswänden eingefasste Bühne geschaffen, die beliebig einsetzbar wäre. Max imaginiert vom Klavier aus seine Geschichte. Ansehnliche Vogelgestalten, wie sie Barry Kosky in seiner Inszenierung von Wagners „Lohengrin“ an der Staatsoper als Bürger von Brabant eingesetzt hat, behübschen das Geschehen. Der Rest bleibt Stückwerk. Die Dämonie des Werks spart diese Inszenierung aus. Da helfen auch Regieeinfälle wie ein Klavier, aus dem lodernde Flammen aufsteigen, oder Samiel (Hans Peter Kammerer), der kopfüber von der Decke gelassen wird, nichts. Am Ende wird auch noch der Eremit von einem Kristallluster herabgelassen.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Amerikaner Alan Held ist ein bewährter Wotan, aber als Caspar eine Fehlbesetzung. Daniela Fally ist stimmlich über die Partie des Ännchen längst hinaus, agiert aber mit Verve. Albert Dohmen überzeugt als Eremit, Adrian Eröd als Ottokar. Clemens Unterreiner ergänzt elegant als Cuno, Gabriel Bermudez komplettierte als Kilian. Fabelhaft intonierte der Chor der Wiener Staatsoper.

Tomas Netopil setzte bei seinem Dirigat auf eine Schwere, die auf Kosten feiner Differenzierung und vor allem vor der Pause auf die Balance zwischen Bühne und Graben ging. Das Premierenpublikum reagierte mit heftigen Buhrufen für den Regisseur und den Dirigenten und Jubel für Andreas Schager.