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Wer sind die Freimaurer?

Im "Dschungelbuch" wurden Freimaurer-Codes versteckt. Worum es dabei geht.

Freimaurer © Bild: istockphoto

Der Freimaurer Rudyard Kipling verbarg in seinem "Dschungelbuch" Codewörter, Rituale und Symbole. Nun läuft eine opulente Neuverfilmung an. News-Kulturchef Heinz Sichrovsky erklärt, was Freimaurer eigentlich sind.*

Bis heute pflegt die Freimaurerei – auch „der Bund“, „die Bruderkette“ oder „die königliche Kunst“ genannt – in ihrem weltweiten Erscheinungsbild verschiedene, ja gegensätzliche Prioritäten: In den katholisch beherrschten Ländern etwa des romanischen und des lateinamerikanischen Raums verstand sie sich stets als republikanische und antiklerikale Reformbewegung, war verboten und stand unter Kirchenbann. In protestantischen Ländern wie Deutschland, England, Schweden oder den USA agierte sie legitimistisch und religionstreu, zählte Könige, Bischöfe und Präsidenten zu ihren Mitgliedern.

So waren Friedrich der Große von Preußen, fünf englische und zehn schwedische Könige den französischen Revolutionsführern Danton, Marat und Desmoulins theoretisch bis über das Grab in Bruderliebe verbunden. Fünfzehn amerikanische Präsidenten, von George Washington bis Gerald Ford, und der FBI-Gründer J. Edgar Hoover pflogen die prinzipiell gleichen Rituale wie die lateinamerikanischen Freiheitshelden Benito Juarez, Simon Bolivar, Che Guevara und Salvador Allende oder der italienische Revolutionär Giuseppe Garibaldi.

Im katholisch sozialisierten Österreich herrscht das Prinzip der Abgeschlossenheit: Zweieinhalb Jahrhunderte Kirchenbann – er wurde noch 1983 vom damaligen Kardinal Ratzinger bekräftigt, ist heute aber de facto außer Kraft – als Resultat eines Machtkampfs im 18. Jahrhundert waren Argument genug. Dabei wählte die österreichische Freimaurerei zeit ihres Bestehens den dritten Weg: aus der „Deckung“ (so nennt man die Geheimhaltung) verändernd in die Gesellschaft zu wirken.

Erklärterweise ist allen das Ziel gemeinsam: die Veredelung des Einzelnen vom „rauen“ zum „behauenen Stein“, der sich in den „Tempel der allgemeinen Menschenliebe“ fügt und die Welt so den Idealen von Freiheit und Mitmenschlichkeit näher bringt. Übergeordnetes Symbol dieses Vorganges ist der Bau des ersten Salomonischen Tempels etwa 950 vor Christus.

Was ist eine Loge?

Etwa 2,5 Millionen Freimaurer insgesamt arbeiten in allen Teilen der Welt. In einigen Ländern – etwa im Iran – steht die Mitgliedschaft unter Todesdrohung.In jedem Land wirkt mindestens eine Großloge als übergeordnete legislative und organisatorische Instanz. Unter ihrem Dach genießen die Logen (von englisch: „lodge“, Behausung) weitgehende Autonomie. Als Reminiszenz an die handwerkliche Vergangenheit der Freimaurerei, auf die noch zurückzukommen ist, werden die Logen auch „Bauhütten“ genannt.

Die Logen – in Österreich etwa 70 mit durchschnittlich je 40 Mitgliedern – sind kleine Einheiten mit Vereinsstruktur und gewähltem Vorstand, die einander an einem Abend pro Woche zur rituellen Tempelarbeit und zum anschließenden Brudermahl treffen. Der Großloge steht der von allen Logen gewählte Großmeister vor. Sein Amt ist befristet, er wird regelmäßig neu gewählt wie auch die so genannten „Beamten“ der einzelnen Logen, an ihrer Spitze der Meister vom Stuhl.

Wer Freimaurer werden will, braucht einen Bürgen, der ihn seiner eigenen Loge zuführt. Deshalb rekrutieren sich Neuzugänge vorwiegend aus dem Bekanntenkreis schon aktiver Freimaurer. Sämtliche Brüder des jeweiligen Landes werden über das Aufnahmebegehren informiert. Erheben sich keine Einwände, wird innerhalb der Loge abgestimmt. Sind alle Voraussetzungen erfüllt , wird der Suchende in einer feierlichen rituellen Zeremonie in den Bund aufgenommen. Zuvor meditiert er in der „dunklen Kammer des stillen Nachdenkens“. Dann wird er im Tempel mit verbundenen Augen durch drei Erkenntnisstufen geführt. Am Ende dieser drei „Reisen“ wird ihm, in Anwesenheit zahlreicher festlich gekleideter Brüder, durch Abnehmen der Binde das „Große Licht“ erteilt.

Nun ist er als Lehrling gleichberechtigtes Vollmitglied der Loge. Das Ziel dieses ersten Grades ist die Selbstdefinition, die Grundanforderung lautet „Erkenne dich selbst“. Nach mindestens einem Jahr wird der Lehrling rituell zum Gesellen befördert. Nun geht es um seine Sozialisierung, sein Verhältnis zur Welt, im besonderen zu den Brüdern. „Beherrsche dich selbst“ lautet hier der Auftrag. Mindestens ein weiteres Jahr später wird der Geselle in den dritten Grad, zum Meister, erhoben. „Veredle dich selbst“ lautet hier die Erfordernis, und das Ziel wird durch das Goethe’sche „Stirb und Werde“ vorgegeben: Der Freimaurer überwindet symbolisch den eigenen Tod, um als neuer Mensch weiterzuleben und zu –arbeiten.

Was ist ein Tempel?

Die verbindlich festgelegte rituelle Arbeit findet im Tempel statt, einem rechteckiger Raum mit vier angenommenen Himmelsrichtungen, in dessen Mitte der so genannte „Tapis“ liegt: ein kunstvoll gefertigter Teppich, auf dem sich die Symbole des freimaurerischen Lebens konzentrieren. Der Meister vom Stuhl und die mit ihm für das Ritual verantwortlichen beiden Aufseher entzünden die Kerzen der Weisheit, der Stärke und der Schönheit. In mehreren Ländern – auch in Österreich – folgt das „Baustück“, ein Vortrag zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Parteipolitische Debatten und konfessioneller Hader sind bei Androhung der Unterbrechung untersagt.

Woher kommt die Freimaurerei?

In den englischen Dombauhütten des Mittelalters arbeiteten die für Architektur und Steinbildhauerei zuständigen „freestone masons“. Sie trugen das Licht der Kunst und der Wissenschaft in eine der dunkelsten Epochen der Geschichte, doch ihr Auftraggeber – die Kirche – war Hauptverursacher des Dunkels. Also traf man einander im Geheimen, um das gemeinsame bessere Wissen brüderlich zu pflegen. Bald sah man sich nach „angenommenen“ Mitgliedern um, das heißt: Man akzeptierte auch Nicht-Handwerker, um den Bestand der Bruderschaft zu sichern. So entstand die symbolische Freimaurerei, in der einander Adel, Bürgertum und Werktätige gleichberechtigt begegneten. Am Ende waren die Nicht-Steinmetze in der Überzahl. Die Freimaurerei begann sich rasch auszubreiten. 1737 wurde in Hamburg die erste deutsche Loge begründet. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind ein wesentlich von den Freimaurern um George Washington und Benjamin Franklin geschaffenes Gebilde. Dabei ging es um die konstante Verbesserung der Welt, nicht um gewaltsame Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Spaltung in „Engländer“ und „Franzosen“

Von Frankreich ausgehend aber formierte sich im romanischen Raum eine radikal laizistisch und revolutionär agierende Gegenmacht zur englisch geordneten Freimaurerwelt. Wesentliche Häupter der Französische Revolution – Danton, Marat, Desmoulins – waren Freimaurer.Seither ist die freimaurerische Welt in eine englisch und eine französisch dominierte Hälfte gespalten, als deren oberste, gesetzgebende Instanzen die Großloge von England bzw. der Grand Orient de France firmieren.
Auch in Österreich arbeiten Logen beider Richtungen, die einander gegenseitig nicht anerkennen. Die gemeinhin mit der Freimaurerei assoziierte „Großloge von Österreich“ ist englisch ausgerichtet. Sie akzeptiert traditionell keine weiblichen Mitglieder, um Balzverhalten und Zwist zwischen den Brüdern zu vorzubeugen. Frauen arbeiten im gemischten französischen Freimaurerorden „Droit Humain“ („Menschliches Recht“), der auch eine österreichische Zweigstelle betreibt.

Mehr über Rudyard Kipling, das "Dschungelbuch" und die darin versteckten Freimaurer-Codes lesen Sie im aktuellen News 14/2016.

Sichrovsky Buch
© Verlag

*Heinz Sichrovsky hat sich dem Thema in seinem Buch "Mozart, Mowgli, Sherlock Holmes" (erschienen im Löcker Verlag) ausführlich gewidmet. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das gekürzte Einleitungskapitel des Buchs.

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