Darknet von

Die dunkle Seite des Internets

Warum das Darknet mehr ist als ein illegales Amazon voller Auftragskiller

 Darknet - Die dunkle Seite des Internets © Bild: shuttertsock

Ein geheimer Ort in den Untiefen des Internets, eine digitale Schattenwelt, ein rechtsfreier Raum, der als krimineller Umschlagplatz für Dinge wie Drogen oder Waffen gilt. Doch was steckt wirklich dahinter? Ist die dunkle Schattenwelt nur für Hacker und Mafia-Drogenbosse zugänglich? Oder kann sich theoretisch jeder, der über einen Computer mit Internetverbindung verfügt, anonym Zugang verschaffen?

Kiloweise Koks statt süßen Katzenbabys, Bastelanleitungen für Sprengstoffe statt für Paletten-Möbel und gefälschte Pässe statt Öffi-Tickets. All das soll es hier geben, an diesem geheimen Ort, der zwielichtig anmutend das Darknet genannt wird und dem normalen Internet-User verborgen bleibt. Außer, man kennt das Tor in diese dunkle Parallelwelt, das zufälligerweise auch genau so heißt, nämlich TOR. Die Bezeichnung steht für „The Onion Router“, einem speziellen Web-Browser, der das anonyme Surfen im Darknet ermöglicht. Das Erstaunliche dabei: Die Software ist für jeden frei zugänglich und lässt sich auf der Website torproject.org gratis downloaden. Der Unterschied zu anderen Browsern wie Internet Explorer oder Firefox ist, dass hier die Verbindung zu Internetseiten nicht direkt, sondern schichtartig immer über mehrere Zwischenstationen aufgebaut wird, deshalb auch der Name „Zwiebel-Router“.

»„Wenn man Tor verwendet, betritt man das Internet so, als würde man einen Fluss überqueren, indem man über die Rücken verschiedener Krokodile springt."«

Der österreichische Schriftsteller Clemens Setz beschreibt TOR folgendermaßen: „Wenn man Tor verwendet, betritt man das Internet so, als würde man einen Fluss überqueren, indem man über die Rücken verschiedener Krokodile springt. Innerhalb kurzer Zeit ändert sich die Reihe der Krokodilrücken, und der Datenstrom zwischen dir und der angewählten Seite nimmt einen neuen Riesenumweg. Bei herkömmlichem Internetgebrauch setzt man sich einfach in das vom jeweiligen Provider eigens bereitgestellte Boot, das, für alle gut sichtbar, den Namen des Kunden trägt, und fährt in ihm, wohin man will.“Auf diese Art bleibt die IP-Adresse verborgen und somit auch die wahre Identität des Nutzers. Um diese zusätzlich zu schützen, wird im Darknet auch mit Bitcoins, einer sogenannten Kryptowährung gehandelt. Dabei handelt es sich um digitale Zahlungsmittel, bei denen Prinzipien der Kryptografie, also der Verschlüsselung, angewandt werden. So eröffnet sich die absolute Anonymität. Und mit ihr menschlichen Abgründe.

Das Amazon der Illegalität

Wer in die Tiefen des Darknets abtaucht, stößt schnell auf allerlei illegale Waren und Dienstleistungen. So kann man sich per Post Drogen oder Waffen zuschicken lassen, einen Auftragskiller oder Computerhacker engagieren, Geld waschen lassen oder sich eine neue Identität verschaffen. Was sonst als verboten gilt, ist hier nur einen Mausklick entfernt. Der bekannteste Online-Schwarzmarkt war „Silkroad“, von vielen auch als „Amazon für Drogen“ bezeichnet. Dieser zählte laut US Justizbehörden zu einem der ausgeklügeltsten und umfangsreichsten kriminellen Marktplätzen im Darknet. Über diese Plattform sollen illegale bewusstseinserweiternde Substanzen im Wert von 1,2 Milliarden Dollar umgesetzt worden sein – bis sie von US-Ermittlungsbehörden geschlossen wurde.

Cyber-Angriffe auf österreichische Unternehmen

In der letzten Zeit hat sich im Darknet vor allem ein Trend abgezeichnet: „Crime as a Service“, also das Angebot krimineller Dienstleistungen im Internet. Die Palette erstreckt sich von Kinderprostitution über Menschenhandel bis hin zu Auftragskillern. Österreichische Unternehmen sind hingegen immer öfter von Ransomware-Erpressungen betroffen. Dabei handelt es sich um Schadprogramme, die den Computer sperren und nur gegen Lösegeld wieder freischalten. Die Österreichische Nationalbank ist laut ihres Sprechers jede Woche von Cyber-Angriffen betroffen, durch Sicherheitsmaßnahmen jedoch gut gegen diese geschützt. Auch der Flughafen Wien wurde kürzlich von einem Hackerkollektiv angegriffen, das in das Computersystem eindringen wollte. Doch auch diese Attacke konnte aufgrund ausgeklügelter Sicherheitssysteme erfolgreich abgewehrt werden.

Ein Fall für Interpol

Weltweit sind täglich zahlreiche Menschen am Kampf gegen Internetkriminalität beteiligt –auch in Österreich. Hierzulande wurde dafür eigens eine nationale Koordinierungs- und Meldestelle namens Cyber Crime Competence Center eingerichtet, wo ein hochqualifiziertes Expertenteam in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt gegen komplexe Cybercrime-Delikte ermittelt. Die Anonymität der User sowie die virtuellen Zahlungsmittel erschweren die Ermittlungen jedoch ungemein und stellen die Sicherheitsorganisationen vor große Herausforderungen. Um wirklich etwas bewirken zu können, müssen sämtliche Einrichtungen auf nationaler und internationaler Ebene zusammenarbeiten, daher agiert auch Interpol aktiv im Darknet.

Die helle Seite des Darknets

Doch wo Schatten ist, ist immer auch Licht. Und zwischen Koks, Kinderpornografie und gehackten Kreditkartendaten verstecken sich auch die guten Seiten des Darknet. So ist das anonyme Netzwerk gerade für Aktivisten und Journalisten eine wichtige „Safe-Zone“, in der sie Zeitungen und Magazinen geheime Informationen, die sonst der Öffentlichkeit verborgen blieben, anonym zuspielen können. Whistleblower Edward Snowden beispielsweise soll durch das Darknet Kontakt mit Journalisten aufgenommen haben, um die Überwachungs- und Spionageaktivitäten von Geheimdiensten zu enthüllen. Das US-Magazin The New Yorker, die Washington Post oder der Guardian haben deshalb sogar digitale Briefkästen im Darknet eingerichtet, um so zu geheimen Informationen kommen zu können. Aber auch legale Webseiten wie beispielsweise Facebook sind im Darknet vertreten. Dadurch ist es möglich, in einem Land, das von einem totalitären Regime unterdrückt wird, eine verschlüsselte Version des sozialen Netzwerkes aufzurufen – selbst, wenn diese durch die Regierung im „normalen“ Internet gesperrt wurde. So können Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten sogar aus Krisengebieten oder Ländern ohne Presse- oder Meinungsfreiheit offen berichten und die restliche Welt mit Informationen versorgen. Selbst im Darknet gibt es also nicht nur Schwarz oder Weiß.

Kommentare