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Kirche in Aufruhr

Chronik - Kirche in Aufruhr © Bild: Hoeher Oskar/Kathpress

Mit Pomp verabschiedet sich Bischof Alois Schwarz aus Kärnten – die Spitzen des Klerus schweigen weiter zu umstrittenen Vorkommnissen während seiner 17-jährigen Amtszeit. Doch an der kirchlichen Basis gärt es. Die Empörung darüber, dass so getan wird, als sei nichts geschehen, ist groß

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Mit viel Pomp, Zeremoniell, Joseph Haydns „Mariazeller Messe“ und umgeben von kirchlichen Würdenträgern im feierlichen Ornat verabschiedete sich Bischof Alois Schwarz am vergangenen Sonntag im mit rund 350 Gläubigen eher schwach ­besetzten Klagenfurter Dom aus Kärnten. Rund die Hälfte der Anwesenden waren offizielle klerikale oder politische Vertreter. Etwa Landeshauptmann-Stellvertreterin Gaby Schaunig und Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz.

Auf die langjährigen Vorwürfe gegen ihn und sein Umfeld im Bistum, über die News in der Coverstory „Affären, Macht und ­Intrigen“ berichtet hatte, ging Schwarz in der Messe nicht ein. Auch in einem am selben Tag im ORF ausgestrahlten „Orientierung“-­Beitrag sagte er nur, Gerüchte nicht kommen­tieren zu wollen. Zu einem Missbrauchsfall in seiner Zeit verwies er auf die Opferschutzanwaltschaft und die Klasnic-­Kommission.

Auch die Kärntner Politik griff die ­Vorwürfe gegen Schwarz nicht auf. Viel schwerwiegender ist jedoch, dass sich die Spitzen des Klerus weiter nicht zur Causa äußern. Sie waren seit mehr als einem Jahrzehnt über die Vorkommnisse informiert, reagierten auf regelmäßige kircheninterne Schreiben bzw. Beschwerden aber nicht. Berichte über mögliche Zölibats­verletzungen, Machtmissbrauch, Mobbing und Bespitzelungen wurden unter den Teppich gekehrt.

Vatikan und Erzbischof mauern

Stattdessen wurde Schwarz versetzt. Seitens des Vatikans, der in die Versetzung eingebunden war, heißt es dazu auf An­frage nur: „Wir kommentieren diese Entscheidungen nicht.“ Stattdessen verwies ein Sprecher in Rom auf die Österreichische Bischofskonferenz. Deren Vorsitzender, Wiens Kardinal Christoph Schönborn, gibt sich jedoch ebenfalls zugeknöpft. Sein Sprecher verweist darauf, dass alle „Bischöfe auf derselben hierarchischen Ebene stehen“ würden: „Auch als Kardinal, als Erzbischof von Wien oder als Vorsitzender der Bischofskonferenz ist Kardinal Schönborn weder für die Amtsführung der anderen Bischöfe verantwortlich noch mit ihrer Beaufsichtigung betraut. Und er hat auch keinen Zugang zu näheren Informationen.“

Ein Interview mit dem Kardinal sei kurzfristig nicht möglich, da sich dieser „in der letzten Woche vor seinem Sommerurlaub“ befinde. Und in dieser müsse er auch noch zur Kür der neuen Kardinäle nach Rom. Wenn jemand „sozusagen die übergeordnete kirchliche Instanz“ repräsentiere, wäre das der Nuntius, so Schönborns Sprecher. Doch der päpstliche Nuntius ­Peter Zurbriggen schweigt beharrlich – und ließ Anfragen von News unbeantwortet. Am Dienstag verteidigte gar noch der scheidende Bischof von St. Pölten, Klaus Küng, seinen Nachfolger: Bischof Alois habe seine Qualitäten, „und es wird gut gehen, wenn alle zusammenstehen“.

Kritik von Gläubigen

An der kirchlichen Basis sorgt das Mauern der Amtskirche zu den Vorkommnissen in Diözese und Bistum jedoch für Empörung: Seit News rund um das System Schwarz berichtete, gehen bei den Katholiken die Wogen hoch. Das zeigen nicht nur Schreiben an die Redaktion, in denen „haarsträubende Details“ in einzelnen Pfarren geschildert werden. Ein Mesner aus Kärnten etwa erklärt: „So läuft es nämlich wirklich in der Kirche. Ich arbeite seit Jahren hier und weiß ein Lied davon zu singen.“

Auch auf dem bei Gläubigen stark genutzten Onlineportal des katholischen Nachrichtendienstes, kath.net, gibt es viele Kommentare zu den „erschütternden Ereignissen“, die in Rücktrittsaufforderungen an Bischof Schwarz gipfeln.

Die Katholische Aktion, die offizielle Laienorganisation der Kirche in Österreich, sieht ebenfalls eine Grenze überschritten. Deren Präsidentin, Gerda Schaffelhofer, kritisiert sozusagen als „oberste Katholikin“ des Landes das Verhalten von Bischof Schwarz sowie die Art und Weise, wie der Klerus damit umgeht. Sie sorgt sich um die „Glaubwürdigkeit der Kirche“, die „ihr höchstes Gut“ sei. Überall dort, wo ihre Vertreter glaubwürdig agieren, begegne man der Kirche mit Interesse und Zuspruch, anderenfalls wende man sich von ihr ab, sagt Schaffelhofer: „Die Glaubwürdigkeit kommt aus der Übereinstimmung von Wort und Tat. Wer Wasser predigt und Wein konsumiert, kann nie und nimmer glaubwürdig sein.“

Deshalb ringe Papst Franziskus wie kein anderer Papst zuvor darum, die Glaubwürdigkeit der Kirche nach vielen Krisen und Skandalen wieder zurückzuerobern, sagt die Katholikenvertreterin. „Nur kann dieser Papst Purzelbäume am Petersplatz schlagen, er wird nichts erreichen, wenn nicht Bischöfe, Priester und auch Laien ebenso konsequent darum kämpfen“, erklärt die Präsidentin der ­Katholischen Aktion.

Die Kirche müsse sich daher immer und überall – erst recht in Konflikten, die Gläubige verwirren – die Frage stellen: Was dient meiner und was gefährdet meine Glaubwürdigkeit? „Und jede und jeder von uns muss sich die Gewissensfrage stellen, ob sie oder er an dem ihr oder ihm zu­gedachten oder zugemuteten Platz ein glaubwürdiger Vertreter, eine glaubwür­dige Vertreterin der Kirche sein kann“, so Schaffelhofer in Richtung Schwarz.

„Falscher Kompromiss“

Jeder „falsche Kompromiss“ sei „eine große Hypothek für die Kirche“, sagt die aktive Katholikin. „Es scheint mir daher sehr wichtig und auch im Sinne des Papstes zu sein, mit Konflikten und Ärgernissen in der Kirche proaktiv umzugehen, sie nicht unter den Teppich zu kehren, sondern aufzuarbeiten.“ Dies könne mit einer Klarstellung, einer Differenzierung, einer Bitte um Vergebung, wie dies jüngst Papst Franziskus selbst getan hat, sei es mit einer Richtigstellung, einem Schuldbekenntnis oder einer gezogenen Konsequenz geschehen, erklärt Schaffelhofer: „Nur ein Weg schließt sich wirklich aus, zu meinen, in priesterlicher oder bischöflicher Mächtigkeit niemandem Rechenschaft für ein Verhalten schuldig zu sein, und einfach nur zur Tagesordnung überzugehen.“

Auch der ehemalige Sekretär von Bischof Schwarz, Franz Zlanabitnig, sieht nach den fragwürdigen Vorkommnissen die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Prüfstand: „Es sollten daher als Konsequenz die richtigen Schritte gesetzt werden.“

Doch diese Worte verhallen ungehört – sowohl bei Bischof Schwarz als auch bei den Spitzen des Klerus: Bei seiner Abschiedsmesse bedankte sich Schwarz ­lediglich bei der Landes­regierung, bei den Kärntnern für die Geduld, die sie ihm entgegengebracht hatten, für das Vertrauen der vergangenen 17 Jahre und generell für „das Wohlwollen“, das ihn umgebe. Im Gottesdienst war viel von „Jesus, dem Erlöser“ die Rede, davon, dass er, Schwarz, „Tag für Tag“ dessen Worte zu verkünden trachte. Und ein einziges Mal davon, dass die Menschen „schwach und zerbrechlich“ seien und dass auch auf ihm „persönliche Defizite“ lasteten. Vielleicht doch eine Anspielung auf die Anschuldigungen der jüngsten Zeit?

Groß zelebrierter Wechsel

Ansonsten wurde aus dem Johannesevangelium gelesen, viel gesungen, die „Liebe Jesu“ lobgepriesen und gebetet. Am Mittwoch verabschiedete sich Schwarz noch im Beisein von Landeshauptmann Peter Kaiser mit einer ausschließlich für Priester gedachten Messe im Gurker Dom.

Doch das ist längst nicht alles, was die Amtskirche an Zeremoniell aufzubieten hat: Am Sonntag findet die Amtseinführung von Schwarz in St. Pölten statt. Dafür wurden im Vorfeld 1.200 Einlasskarten ausgegeben; davon 600 für den Dom. Neben dem päpstlichen Nuntius Zurbriggen werden Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (beide ÖVP) sowie 22 Bischöfe, zehn Äbte und fünf Ordensoberinnen bei der Ecclesia-triumphans-Veranstaltung dabei sein.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 26 2018