Haneke ging in Cannes
mit "Happy End" leer aus

Östlund holt erste Goldene Palme für Schweden - mit der Kunstsatire "The Square"

"The Square", eine Gesellschaftssatire des Schweden Ruben Östlund, hat bei den 70. Filmfestspielen Cannes die Goldene Palme gewonnen. Das teilte die Jury unter dem Spanier Pedro Almodovar am Sonntagabend mit. Keinen Preis gab es für den Österreicher Michael Haneke, der mit seinem Familienporträt "Happy End" zum siebenten Mal im Wettbewerb des bedeutendsten Filmfestivals der Welt gastierte.

von Haneke in Cannes © Bild: Reuter/Stephane Mahe

Im Mittelpunkt von "The Square" steht ein Museumskurator, der sich selbst als weltoffen gibt, dann aber zunehmend als bigott und machohaft entlarvt wird. Das Werk wird so zu einer spannenden Abhandlung über Vertrauen, gesellschaftliche Werte und Doppelmoral. Die Hauptrollen haben die Serienstars Elisabeth Moss ("Top of the Lake") und Dominic West ("The Affair") übernommen. Es ist die erste Goldene Palme für Schweden - zuvor gewann Alf Sjöberg den einst mit "Grand Prix" betitelten Hauptpreis 1946 und 1951 - und ein Triumph für den 43-jährigen Östlund, der heuer zum ersten Mal im Wettbewerb gastierte. Bereits 2014 erregte er Aufmerksamkeit in Cannes, als seine furiose Satire "Höhere Gewalt" (Original: "Force Majeure") über die Demontage einer Ehe den Hauptpreis in der renommierten Sektion Un Certain Regard gewann.

Mit "The Square" hat sich ein Film, der bei Screenings an der Croisette für schallendes Gelächter gesorgt hat, gegen ernste Stoffe mit komplexen Themen wie der Flüchtlingskrise, dem Kampf gegen Aids oder Terrorismus durchgesetzt. Die weiteren Preise gingen dann auch großteils an Dramen mit politischem Inhalt: So wurde der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, "120 battements par minute" zugesprochen: Für sein bewegendes Werk über den Kampf von Aids-Aktivisten in Frankreich zu Beginn der 1990er-Jahre erhielt der Franzose Robin Campillo bei der Preisverleihung stehende Ovationen.

Beste Regie: Sofia Coppola

Neben Campillo hatte auch der Russe Andrej Swjaginzew zu den Favoriten gezählt - er wurde am Sonntagabend für sein Gesellschaftsdrama "Nelyubov (Loveless)" mit dem Preis der Jury gewürdigt. Für die beste Regie vergab die Jury den Preis an die US-Amerikanerin Sofia Coppola für ihr Melodram "Die Verführten" (The Beguiled), ein feministisches Remake des Klassikers "Betrogen" (1971) mit Clint Eastwood. Die 46-jährige Coppola ist damit die erst zweite Frau, die in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde - zuletzt war das 1961 der sowjetischen Filmemacherin Yuliya Solntseva für "Chronicle of Flaming Years" gelungen.

Sofia Coppola
© imago/Manfred Segerer Sofia Coppola

Weil Frauen in der Filmindustrie noch immer unterrepräsentiert seien, könne diese auch nicht "die moderne Gesellschaft reflektieren", hoben die Jury-Kolleginnen Jessica Chastain und Maren Ade bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Preisverleihung hervor. Vor allem Chastain kritisierte die Darstellung von Frauen im Wettbewerbsaufgebot scharf. "Eine Beobachtung, die ich von dieser Erfahrung mitnehme ist, wie die Welt Frauen sieht", so die US-Schauspielerin über die weiblichen Charaktere "bei den meisten" der 19 Wettbewerbsfilme. "Es war ziemlich verstörend, um ehrlich zu sein." Sie hoffe, dass die Förderung von mehr Regisseurinnen auch authentischere Zeichnungen von Frauen mit sich bringt - von "Frauen, die ich aus meinem Alltag kenne, die proaktiver sind, die nicht nur auf die Männer um sie herum reagieren, sondern ihre eigene Sicht auf die Dinge haben".

Diane Kruger beste Darstellerin

Zur besten Darstellerin kürte die Jury schließlich Diane Kruger für ihre viel gepriesene Leistung in Fatih Akins NSU-Drama "Aus dem Nichts". Das Werk erzählt von einem Bombenanschlag in Hamburg, bei dem ein Türke und sein kleiner Sohn sterben. Zurück bleibt die Ehefrau und Mutter, gespielt von der 40-jährigen Kruger. Die gebürtige Deutsche nahm den Preis sichtlich gerührt entgegen und widmete ihn den Terroropfern und deren Angehörigen.

Diane Kruger in Cannes
© imago/UPI Photo Diane Kruger

Die Auszeichnung für das beste Drehbuch verlieh die Jury an zwei Filme: Die Griechen Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou gewannen mit dem Psychothriller "The Killing of a Sacred Deer" mit Nicole Kidman und Colin Farrell, während die Schottin Lynne Ramsay für ihren Thriller "You Were Never Really Here" ausgezeichnet wurde. Ihr Hauptdarsteller Joaquin Phoenix wurde außerdem als bester Schauspieler geehrt. Der Hollywoodstar zeigte sich sichtlich überrascht von seiner Kür und entschuldigte sich auf der Bühne sogleich für seine Jeans und Sneakers.

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