Burgtheater von

Tödliche Wahrheit:
Vögel von Wajdi Mouawad

Burgtheater - Tödliche Wahrheit:
Vögel von Wajdi Mouawad © Bild: Burgtheater/Matthias Horn

Am zweiten Abend seiner Direktion lässt Martin Kusej auf Ulrich Rasches gigantisches Maschinentheater eine Familientragödie aus dem Nahen Osten folgen.

Ursprünglich hätte Martin Kusejs Direktion mit Gotthold Ephraim Lessings „Nathan, der Weise“ eröffnet werden sollen. Die zweite Premiere mag ein Grund dafür sein, weshalb es anders kam. Wajdi Mouawad untersucht in seinem Familiendrama „Vögel“, weshalb die Kluft zwischen Religionen und Völkern manchmal unüberwindbar und ein Konflikt, wie jener zwischen Isreal und Palästina unlösbar anmutet. Der Titel stammt aus einer arabischen Parabel. Gesprochen wird auf Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch.

Mouawad greift auf Lessings „Nathan der Weise“ zurück und vermengt diese mit einem wohl dosierten Quantum an Humor. Manche Szenen erinnern an die Stücke der Dramatikerin Yasmina Reza. Mouawad, gebürtige Libanese, weiß, wovon er erzählt. Er musste als Zehnjähriger mit seinen Eltern aus dem Libanon mach Paris und dann nach Kanada emigrieren.

Zunächst mutet die Geschichte wie ein idealer Stoff für eine Mini-Serie an, die derzeit die Streaming-Kanäle fluten. Ein junger Mann namens Eitan und eine junge Frau namens Wahida lernen einander in einer New Yorker Bibliothek kennen und bald lieben. Er stammt aus einer Berliner jüdischen Familie, sie hat palästinensische Wurzeln. Zum Pessach-Fest holt Eitan seine Eltern und seinen Großvater nach New York, auch einen Rabbi hat er geladen. Der Termin scheint ihm perfekt, Wahida den Seinen vorzustellen. Manche mögen sich bei dieser Szene an Stanley Kramers Film “Rat mal wer zum Essen kommt”, erinnern. Hier aber geht es nicht um Hautfarben wie in den USA der Sechzigerjahre, hier geht es um Israel und Palästina.

Eitan will sich nicht damit abfinden, dass seine Eltern seine Partnerin Wahida nicht akzeptieren. Nicht genug damit, dass diese junge Frau nicht nur keine Jüdin ist, stammt sie auch noch aus einer arabischen Familie und damit direkt von den Feinden ab. Einzig Etgar, der Großvater, der die Schoah überlebte, hat keine Einwände. Er stellt fest, dass niemand ist, was er zu sein glaubt. Eitan aber will es wissen. Der studierte Gen-Forscher will herausfinden, ob er tatsächlich der Spross dieser Familie ist. Das Ergebnis des DNA-Tests, den er anhand des Essbestecks durchgeführt hat, gibt ihm Rätsel auf: David, sein Vater, ist nicht der Sohn jenes Mannes, den Eitan für seinen Großvater hält. Er reist mit Wahida nach Israel, um von seiner Großmutter die Wahrheit über seines Vaters Herkunft zu erfahren. Ein Attentat, das Eitan überlebt, bringt die Erkenntnis.

Wie in einer psychologischen Familienaufstellung werden die persönlichen Tragödien, die man vor einander und vor sich verborgen hat, offen gelegt. Norah, Eitans Mutter, wuchs in der DDR auf. Durch Zufall hatte sie als Kind erfahren, dass sie Jüdin ist. Ein Schock, der sie als Erwachsene ihr Glück bei David, einem glühenden Israeli finden ließ. David aber kann mit der Wahrheit, die ihm sein vermeintlicher Vater über seine Herkunft erzählt, nicht leben. Denn er ist kein Jude, sondern gebürtiger Palästinenser. Etgar hatte das Kind nach einem Massaker zu sich genommen.

Beachtliches leistet das von Itay Tiran formidabel geführte Ensemble auf Florian Ettis dunkler, nur mit verschiebbaren Leuchtwänden erhellten Bühne. Markus Scheumann (David) und Sabine Haupt (Norah) zeichnen eindrücklich das Psychogramm von Vertretern der Nachgeborenen. Deleila Piasko überzeugt als Wahida, die ihre Liebe zugunsten einem Leben in Palästina aufgibt. Eli Gorenstein (Etgar), Salwa Nakkara ( Leah) spielen mit Hingabe die Großeltern. Yousef Sweid und Nadine Quittner ergänzen glänzend als Arzt und Soldatin. Das Publikum demonstriere seine Zustimmung mit stehenden Ovationen.