Leben von

Auf den Leib geschneidert

Herstellung von Bühnenkleidung - Ein Blick in die Kostümwerkstätten der Bundestheater

Art 4 Art © Bild: Matt Observe

Im Hanuschhof zwischen Burggarten und Staatsoper, der einst als Pferdestallung Kaiser Franz Josephs diente, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Architektonisch kaum verändert, sind lediglich die Innenräume mit neuem Leben erfüllt. Aus offenen Fenstern hört man klassische Musik, die Eleven der Ballettschule proben. Etwas versteckt im zweiten Innenhof weist ein unauffälliges Schild auf "Art for Art" hin, die Kostümwerkstätten der österreichischen Bundestheater.

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Art 4 Art
© Matt Observe

Wir besuchen Elisabeth Binder-Neururer, seit drei Jahren die kreative Seele der Ateliers. Bei der Führung durch die weitverzweigten Werkstätten, verteilt auf zwei Etagen und unzählige Räume, erzählt uns die gelernte Bühnen- und Kostümbildnerin von der Übersiedlung 1954 hierher: "Vorerst gab es nur Werkstätten für das Burgtheater und die Staatsoper, in den 60er-Jahren dann auch für die Volksoper. 1999 wurde im Rahmen der Ausgliederung die Bundestheater Holding gegründet, die alle Werkstätten in der derzeitigen Form zusammenlegte." Seitdem gibt es neben den Damen- und Herrenschneidereien eine Weißnäherei, Modisterei, Schuhmacherei und Kostümmalerei für alle österreichischen Bundestheater unter einem Dach. Das 110-köpfige Team stattet etwa 50 Neuproduktionen im Jahr aus, vom kleinen Schauspiel bis zur großen Oper. Dazu kommen Wiederaufnahmen und externe Auftragsarbeiten wie für André Heller oder Vivienne Westwood, den Life Ball oder das Neujahrskonzert.

Präzision für jedes Stück

Egal ob mittelalterliche Gewänder, Trikots für das Wiener Staatsballett oder Prinzessin Turandots imposanter Mantel (Premiere: 28. April, Staatsoper) - hier wird für jeden Sänger, Schauspieler oder Tänzer jeder noch so unscheinbare Kostümteil angepasst oder neu gefertigt. Das Argument, das Publikum erkenne ohnehin keine Details, zählt nicht. "Ein Bühnenkostüm nur nach seiner Ästhetik zu beurteilen ist vollkommen unzulässig. Es muss helfen, die Geschichte des Stücks zu erzählen. Daher ist es wichtig, so viel wie möglich auch darüber zu wissen", sagt Binder-Neururer mit ihrer langjährigen Erfahrung. "Es wird jedes Teil so genäht, dass es auch alle Bewegungen der Darsteller auf der Bühne aushält und mitmacht."

Art 4 Art
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Wir dürfen in jedes Atelier einen Blick werfen. Überall herrscht rege Betriebsamkeit, die Zimmer sind bis auf den letzten Quadratmeter ausgefüllt mit Stoffen, Garnen, Stofffarben, Kleiderpuppen und Kostümen. Beeindruckend ist die besondere Genauigkeit, mit der die Handwerker und Handwerkerinnen arbeiten. Die Fertigung eines historisches Kostüms braucht etwa 100 Stunden und mehr. Da an vielen Produktionen synchron gearbeitet wird, ist eine eigene Einkaufsabteilung darauf spezialisiert, alles, was benötigt wird, zu organisieren.

Tausende Stoffe in allen Farben

Zwischen Regalen, von der Decke bis zum Boden, befüllt mit Tausenden Stoffen in unterschiedlichsten Farben, Mustern und Materialien, erklärt Binder-Neururer den Ablauf: "Der Kostümbildner stellt zunächst sein Konzept vor. Das heißt, er präsentiert seine Figurinen, so werden die Kostümzeichnungen genannt. Dann werden die passenden Stoffe gesucht." Geliefert werden ausschließlich höchstwertige Produkte von Firmen, die auf Theaterstoffe mit besonderer Bühnenwirkung spezialisiert sind, aber auch von Herstellern klassischer Gewebe, etwa aus England oder Frankreich. "Wir versuchen, viele österreichische Erzeuger miteinzubeziehen. Das ist Vertrauenssache, sie müssen auch bei Bedarf sehr schnell liefern." Falls der Farbton nicht ganz dem Entwurf des Kostümbildners entspricht, wird er in der hauseigenen Färberei exakt darauf hin getrimmt.

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Auch Tricks sind erlaubt: So müssen Ballettstiefel dem Beinverlauf perfekt angepasst sein und sich gleichzeitig wie Socken anfühlen. Durch gezielte Farbsetzung können etwas zu stramme Waden zierlicher erscheinen oder zu schlanke muskulöser. Oft werden neue Stoffe patiniert und so auf alt getrimmt. "Ein gebraucht wirkendes Kostüm hat eine eigene Aura. Das wünscht man sich ja auf der Bühne", sagt Binder-Neururer und erklärt: "Man muss mit den Schattierungen meist etwas übertreiben, da das Bühnenlicht viel schluckt. Die besondere Kunst ist, alles so zu präsentieren, als ob es schon gelebt hätte."

Feinstarbeit, wo immer man hinblickt. Weißnäher (für alles, was direkt am Körper getragen wird) sticheln mit größter Sorgfalt. Sie sind besonders stolz auf ihre akkuraten Nähte. Beim aufwendigen Besticken von Wäsche etwa werden bis zu zehn Stiche auf einen Zentimeter gesetzt, das erfordert besonderes Fingerspitzengefühl.

Art 4 Art
© Matt Observe

Handwerkliches Geschick setzt sich in der Damen- und Herrenschneiderei, bei den Schuhmachern und Modistinnen fort. Manuell werden die Falten der Schichten zahlreicher Balletttutus oder historischer Krägen genäht, Federn einzeln auf Hüte gestiftelt und Schuhe gefertigt, die wie überdimensionale Hühnerbeine wirken.

»Wenn sich ein Tänzer dreht, darf sich natürlich nichts um seinen Hals wickeln.«

Lediglich beim Schmuck werden kleine Abstriche gemacht. Im Lager stapeln sich unzählige Glasperlen und Steine in unterschiedlichsten Formen und Farben. Nur echte Metalle oder Edelsteine werden nicht verwendet, dafür kommt öfter Strass und Glitter zum Zug. Auch hier ist Präzision entscheidend: Ursula Graf, die Leiterin der Kostümmalerei und Schmuckerzeugung, erklärt, dass Ketten stets doppelt geknüpft werden müssen, mit einem Zusatzknoten zwischen den Steinen. Nicht auszudenken, dass ein Darsteller auf den Perlen einer gerissenen Kette ausrutschen könnte. "Wenn sich ein Tänzer dreht, darf sich natürlich auch nichts um seinen Hals wickeln, deshalb nähen wir die Ketten meist am Kostüm fest."

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Und welches war das bisher aufwendigste Kostüm, das hier gefertigt wurde? Da muss Binder-Neuruer nicht lange überlegen: "Das Gold-Kleid der Conchita Wurst für den Song Contest. Der Auftrag kam recht kurzfristig, und die Robe musste mit unzähligen Swarovski Steinen per Hand bestückt werden."

Wir sind fast am Ende unserer Tour. Elisabeth Binder-Neururer erzählt noch von einem unterirdischen Gang, der den Hanuschhof direkt mit der Staatsoper verbindet. Hier kann die Bühnenkleidung bei jeder Wetterlage trockenen Fußes hin und her transportiert werden.

Die Chefin ist von der Wirkung ihres Hauses überzeugt: "Die Kostümwerkstätten sind ein Teil der Wiener Tradition, die mithilft, die Stadt im internationalen Ranking zur lebenswertesten zu machen."

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