Arbeitsmarkt von

Beweglich für die Zukunft

Arbeitsmarkt - Beweglich für die Zukunft © Bild: iStockphoto.com

Jeder spricht über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Doch kaum jemand weiß: Was sind eigentlich die Jobs mit Chancen? Und was müssen wir lernen, um weiter Arbeit zu haben? Zukunftsforscher sagen: Die Berufe mit Zukunft haben mit Menschen und Empathie zu tun.

Sein erster Beruf war Einzelhandelskaufmann, weil es in der Familie üblich war. "Ich hab mir diesen Beruf nicht vorgestellt, es war einfach so." Mit 20 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, ein Möbel-und Einrichtungsgeschäft in Tirol, und: "Die Selbstständigkeit hat mein Leben drastisch verändert - worüber ich nachdenke und was ich tue. Man hat ja nichts zu verlieren, war damals meine Idee." Und heute ist es Harry Gatterers Beruf, über die Zukunft nachzudenken. Er ist Leiter des Zukunftsinstituts mit Sitz in Frankfurt und Wien. Und bekommt als solcher oft die Frage gestellt: Welcher Beruf hat eigentlich Zukunft? Was sollen wir oder unsere Kinder lernen? "Das ist die Frage, vor der ich mich immer ein bisschen fürchte", lacht er. "Denn viele Jobs von heute hätte in der Vergangenheit auch keiner prognostizieren können."

Was man sich jedenfalls aus Gatterers Werdegang abschauen kann: Flexibilität und die Bereitschaft, umzulernen. "Wir sind, was unseren Beruf betrifft, gewohnt, in Schablonen zu denken, die kommen aus der Vergangenheit, dem Elternhaus, der Schule -Muster, die sich über Jahrzehnte halten." Und in Zukunft?"Werden wir imstande sein müssen, diese Muster zu hinterfragen, weil in einer komplexen Welt, in der alles immer volatiler wird, starre Schablonen nicht mehr anwendbar sein werden. Allerdings: Das Letzte, was wir an uns ändern, ist unser Denken."

Was lernen?

Schon mittelfristig müssen viele umdenken und sich neu orientieren, deren Arbeit durch Digitalisierung oder Umstrukturierung wegfällt. Wer jahrelang seinen Beruf ausgeübt und gar nicht die Sehnsucht nach neuen Zielen verspürt hat, steht dann von der Frage: Etwas Neues lernen -gerne, nur was? Welche Tätigkeitsfelder haben "Zukunft"? Für die nächsten paar Jahre könne man das prognostizieren, meint Gatterer: "Wir haben einen Rückstand bei Menschen, die sich mit Robotik auskennen, einen Bedarf bei Programmiersprachen oder bei Schnittstellen-Design zwischen Maschine und Mensch."

Ein zweites wichtiges Feld spannt sich laut Gatterer weitläufig um den Begriff" Sicherheit" auf. "Da geht es sowohl um Cybersecurity als auch um Sicherheitstraining oder auch Selbstsicherheitstraining. In diesen Bereichen braucht es mehr Kompetenz in der Gesellschaft." Einen Feuerwehrmann etwa werde es immer geben - und zwar nicht nur, weil es brennt. "Er wird eine neue Rolle bekommen, die sich um Prävention, die Vorhersage kritischer Situationen oder Überwachung dreht."

»Ist Arbeit tatsächlich die zwingende Bedingung, um ökonomisch lebensfähig zu sein?«

Und - dritter Bereich mit Zukunft: "Es wird einen hohen Bedarf an einer neuen Form von Gesundheitsmanagement geben. Dinge, für die der Arzt zu kompetent, seine Assistentin aber nicht kompetent genug ist. Menschen, die anderen helfen, ihre Gesundheitsthemen (Ernährung, Bewegung etc.) abzuarbeiten." - "Es hat ja einen Grund, dass es in Berlin auf einmal Tausende Yogalehrerinnen gibt", sagt dazu Tristan Horx. Auch er ist Zukunftsforscher am Zukunftsinstitut, steht mit Mitte zwanzig allerdings selbst eher am Anfang eines Berufslebens. Wo sieht er sich in 40 Jahren? "Als ich über meine berufliche Zukunft entscheiden musste, haben mir alle geraten, IT zu studieren. Da ist mir meine heutige Rolle lieber."

© Ian Ehm Harry Gatterer - Der Leiter des Zukunftsinstituts denkt Arbeit neu

Und generell: "Der große Unterschied in der Wahrnehmung von Arbeit in meiner Generation ist, dass diese klassische Unterteilung - acht Stunden Arbeit, sechs Stunden Freizeit - nicht mehr haltbar ist. Das ist ein Überbleibsel aus der Industrialisierung: acht Stunden Fabrik und dann Erholung. Das ideale Bild heute ist, dass ich keine Unterteilung in Arbeit und Freizeit brauche, weil ich das gerne mache. An die Work-Life-Balance glaube ich nicht. Ich bin auch um neun Uhr abends erreichbar, dafür fang ich an einem anderen Tag auch mal erst um elf Uhr an." Was er also jungen Menschen raten würde? "Auf Berufe zu setzen, die auf Empathie basieren, die das Zwischenmenschliche hervorstreichen, denn sie werden in Zukunft gefragt sein." Die Yogalehrerin eben -denn das sei ein empathischer Beruf, der nicht so einfach der Digitalisierung zum Opfer fallen könnte.

Hingegen seien technische oder bürokratische Abläufe oft redundant und somit viel eher in Gefahr, abgeschafft bzw. von einem Computer übernommen zu werden. Jetzt noch schnell Programmieren zu lernen -"da glaub ich nicht, dass das die Zukunft ist". Horx' Annahme, dass vor allem zwischenmenschliche Arbeit bestehen bleiben wird, ist auch eine gute Nachricht für ältere Menschen, die nach einem neuen Beruf Ausschau halten müssen: "Bleib bei dem, was du kannst: Ältere schaffen vielleicht den Eintritt in den hochtechnologischen Bereich nicht mehr, aber aus der Sozialanthropologie weiß man doch: Der Dorfweise ist auch immer der Dorfälteste. Informationen haben wir doch alle, aber Weisheit ist schwer zu erlangen, die kann man nicht irgendwo runterladen."

Arbeit für alle?

Geht es um die Zukunft der Arbeit, ist man schnell auch bei der Frage, ob es überhaupt noch für alle Arbeit geben wird, wenn Jobs automatisiert werden. Diese Entwicklung wird auch vor heute hochqualifizierten Berufen nicht Halt machen. Gatterer: "Wir sind noch überfordert damit, was die Technologie mit Berufen machen wird." Künstliche Intelligenz könne etwa jene Teile des Rechtsanwaltsberufes ersetzen, bei denen es "nur" um die Kenntnis von Paragrafen geht. "Das heißt nicht, dass es keine Rechtsanwälte mehr geben wird, aber vielleicht eine neue Rolle gegenüber ihren Klienten."

Und natürlich werde es auch Tätigkeiten geben, die nicht mehr gebraucht werden. "Schmerzfrei wird es nicht gehen", sagt Gatterer, "es wird Verlierer geben, aber nicht in der großen Wucht, wie man jetzt befürchtet." Denn ändert sich die Arbeit, muss die Gesellschaft auch ihr Verständnis vom Wert der Arbeit ändern und zum Beispiel gemeinnützige Arbeit honorieren. "Wir müssen uns damit beschäftigen: Ist in 30 oder 40 Jahren Arbeit tatsächlich die zwingende Bedingung, um ökonomisch lebensfähig zu sein?" Werden große Teile der Arbeit automatisiert, würde vielleicht die Hälfte der Bevölkerung keine Jobs im heutigen Sinn haben: "Und man könnte sich vorstellen, dass sie die Glücklichen sind."

»Acht Stunden Arbeit, sechs Stunden Freizeit, das ist nicht mehr haltbar«

Womit man auch bei der Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen ist, "das nur machbar ist, wenn es ganz Europa durchzieht. Aber das wird noch Jahrzehnte dauern." Doch was in dieser Debatte fehle, sagt Tristan Horx, sei die Überlegung: "Immer, wenn die Menschheit neue Technologien entwickelt, dann übertreiben wir erst mal ein bisschen. Wir glauben dann, alle Berufe werden von Technik wegrationalisiert, Roboter übernehmen alle Funktionen, und alle werden arbeitslos. Aber es gibt immer eine Gegenwelle, in der dann gerade Berufe blühen, die mit Computern oder auch im direkt zwischenmenschlichen oder kreativen Bereich arbeiten. Auch das Handwerk erlebt immer wieder eine Renaissance, auch wenn es sich dabei verändert."

Die Utopie eines Grundeinkommens geht Hand in Hand mit dem Ideal, dass dann jeder seinen Neigungen und Talenten nachgehen kann. Doch bereitet die Schule die Kinder heute auf diese mögliche Wahlfreiheit überhaupt vor? "Die Schule produziert im Moment Leute, die für einen künftigen Arbeitsmarkt gar nicht geeignet sind", formuliert es Horx hart. "Sie produziert schematische Typen: den Maschinentyp, den Bürotyp. Doch wenn die Arbeitsfelder nicht mehr so rigoros in Kategorien einteilbar sind, wird es schwierig. Bei allem Respekt vor Lehrern, heute geht es nicht mehr nur um Wissensvermittlung. Ein viel zu geringer Teil ihrer Ausbildung und Arbeit ist Pädagogik. Heute geht es um vernetztes Denken, Metadenken, Talenterkennung - da wird sich das Bildungswesen massiv anpassen müssen. Heute spuckt es Leute für den Arbeitsmarkt von vor vierzig Jahren aus."

Erkenne dein Talent

In der Schule, sagt Harry Gatterer, lernen Menschen heute nicht Wissen. "Sie lernen sich zu vergleichen. Was Kinder wirklich lernen sollten: mit sich im Klaren zu sein. Wir leben in einer verrückten Welt, die früheren Schemata, was gut oder schlecht ist, passen oft nicht mehr. Darum ist bei sich zu sein eine Grundbedingung für das Leben im 21. Jahrhundert." Und die weitere Bildungsempfehlung Gatterers für die Kinder von heute klingt beruhigend "altmodisch"."Ich würde ihnen raten, herauszufinden, was ihre Talente sind, wo sie einen Antrieb verspüren. Probiere dich an unterschiedlichen beruflichen Fronten aus - auch wenn das ein sehr allgemeiner Rat ist." Natürlich: IT-Berufe und Pflegeberufe sind aus heutiger Sicht jene mit Zukunft. "Aber vielleicht ist IT in zehn Jahren Allgemeinwissen und wir brauchen dann Menschen, die Muster erkennen können, um neue Gedanken zu erzeugen."

© Matt Observe Tristan Horx - Der Zukunftsforscher über die Arbeitswelt seiner Generation

Von den Arbeitnehmern wird erwartet, sich an die Zukunft anzupassen. Doch was müssen eigentlich Unternehmer lernen, damit Menschen in Zukunft überhaupt bei ihnen arbeiten wollen? "Die gute Nachricht ist: Dass man in Zukunft mehr Empathie braucht, gilt auch für die Chefs", sagt Tristan Horx. "Das haben viele noch nicht begriffen: Wie leite ich eine Gruppe von Menschen weniger hierarchisch, ohne den Typ unter mir zu prügeln?" Und Harry Gatterer empfiehlt den Unternehmern: "Wahrhaftigkeit: die Dinge, die sie erzählen, auch wirklich zu tun. Und eine Vorstellung von der Zukunft: Wo geht das hin?" Aber das wünschen sich die Menschen ja jetzt auch schon von ihren Chefs.