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Seychellen: Ticket ins Paradies

Reisen - Seychellen: Ticket ins Paradies © Bild: Shutterstock

Nirgendwo auf der Welt gibt es schönere Strände, nirgendwo sündigere Früchte, nirgendwo mehr Schildkröten: Die Seychellen, Afrikas reichstes Land, sind noch immer ein beschaulicher Garten Eden, aber es droht die große Touristenflut.

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Ein sonniger Morgen irgendwo im Indischen Ozean vier Grad unter dem Äquator. Wir fliegen über märchenhaftem Blau und über eine Inselgruppe, die vom reißenden Touristenstrom, der über den Planeten schwappt, noch nicht wirklich erfasst wurde. 350.000 Besucher landeten zuletzt pro Jahr auf den Seychellen. Auf den Malediven waren es viermal so viel. Anders auch als die flachen Malediven-Eilande sind hier 32 der 115 Seychellen-Inseln mit grünen Bergen garniert: das macht sie unglaublich schön. So schön, dass man gar nicht wegschauen mag.

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Bis in die 70er-Jahre, als Sylvia Kristel als verführerische "Emmanuelle" im damals erfolgreichsten französischen Kinofilm des Jahrzehnts mit ihren naturkundlichen Übungen auf den Stränden von La Digue die Lust auf die Seychellen weckte, konnte man die Inseln nur gemächlich per Fähre vom kenianischen Mombasa oder von Madagaskar aus erreichen.

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Heute landet man mit Düsenflieger auf dem kleinen Flughafen der Hauptinsel Mahé in einer der kleinsten Hauptstädte der Welt. Victoria zählt gerade einmal 25.000 Einwohner. Vom Flughafen fährt man auf der einzigen Autobahn der Seychellen in die Stadt – der Highway ist fünf Kilometer lang.

Victoria wirkt noch immer wie ein verschlafenes britisches Kolonialstädtchen Anfang des 20. Jahrhunderts. Es gibt einen alten Uhrturm aus dem Jahr 1903, der Little Ben nachgebildet ist, dem gusseisernen Uhrtürmchen nahe der Londoner Victoria Station. Man kann einen kleinen, quirligen Markt durchschlendern, wo Fisch, Obst und Gemüse feilgeboten werden, aber auch so leckere Dinge wie abgezogene Fledermäuse. Fledermaus-Curry gilt hier als ausgesprochene Delikatesse. "Die Haut sorgfältig abziehen", empfiehlt der Händler, "sonst schmeckt es bitter!". Man kann auch einen "wachsenden" Hindutempel entdecken, der alle sieben Jahre ein neues Stockwerk bekommt und dessen Fassadengötter fröhlich auf die Welt blicken. Aber die Hindugötter haben starke Konkurrenz. Von den 100.000 Seychellois sind rund 85 Prozent Christen, und so ist das schönste Gebäude Victorias der Sitz des Erzbischofs samt Kathedrale.

»Wenn das Paradies irgendwo auf Erden existiert, dann hier«

Als der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama 1502 die Inseln zufällig auf seinem Weg nach Indien sichtete, notierte er im Logbuch: "Wenn das Paradies irgendwo auf Erden existiert, dann hier." Der Portugiese betrat zwar keine der Inseln, aber er hatte doch irgendwie recht. Dieses abgelegene Inselreich ist tatsächlich unglaublich schön und die Temperaturen sind perfekt: sie schwanken zwischen 24 und 32 Grad und dazu weht immer eine leichte Brise. Urlauber finden hier die schönsten Strände der Welt, eingesäumt von malerischen Granitfelsen. Allein die Hauptinsel Mahé zählt siebzig Strände. Die berühmtesten sind der Source d’Argent auf dem Inselchen La Digue, wo Szenen für "Cast Away" und "Crusoe" ebenso gedreht wurden wie Werbespots für Bacardi und Raffaello, und der Anse Lazio auf der Insel Praslin. Anse ist übrigens ein altes französisches Wort für Bucht. Die Franzosen waren die Ersten, die die malerischen Inseln betraten und sich hier festsetzten. Sie gaben der Inselgruppe auch den Namen. Er soll ein Tribut an den damaligen französischen ­Finanzminister Moreau de Séchelles sein.

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Entspanntes Leben

Mahé, die Hauptinsel, ist ein Eiland mit dicht bewaldeten bis zu 1.000 Meter hohen Bergen. Wir machen uns auf den Weg zu einer wundervoll restaurierten Kolonialvilla in einer ehemaligen Kokosnussplantage in Au Cap. Das Haus beherbergt heute das beste Restaurant der Seychellen, das La Grande Maison, und wird von Christelle Verheyden geführt, einer außerordentlich talentierten Köchin, die schon über zehn Jahre auf den Seychellen lebt. "Ich bin eigentlich Food-Designerin und arbeitete für Events großer Modehäuser in Paris", erzählt Verheyden. "Dann engagierte mich ein Multimillionär, um für ihn auf den Seychellen zu kochen, aber jetzt habe ich mein eigenes Restaurant. Das Leben hier ist unglaublich entspannt, und so bin ich geblieben."

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Zu ihren kulinarischen Highlights zählen frischer Palmherzensalat mit Trüffeln oder kreolische Bouillabaisse. Für die meisten Einheimischen ist das Maison zu teuer, obwohl die Seychellois das höchste Durchschnittseinkommen aller Bewohner Afrikas haben. Es ist für die Einheimischen auch sehr einfach, einen Job zu finden, was unter anderem daran liegt, dass Hotels Beschäftigungsquoten erfüllen müssen: Fünfsternhäuser sind verpflichtet, mindestens 60 Prozent "Locals" zu beschäftigen. Resorts mit niedrigerer Kategorie sind sogar zu einer 80-Prozent-Quote verpflichtet. Weil die Arbeitsmentalität doch ein wenig relaxter ist als in Europa, stellen viele Hotels mehr Mitarbeiter ein als nötig, um so die Möglichkeit zu haben, mehr Ausländer zu engagieren.

Das schöne Kolonialhaus von Madame Verheyden gehört zu einer wundersamen kleinen Fabrik, die von 12.000 Touristen pro Jahr besucht wird: der Takamaka Rum Distillery. Sie ist deshalb so bemerkenswert, weil sich kritische Geister fragen, wie man auf den Seychellen Rum produzieren kann, wo man doch nirgends Zuckerrohr sieht. "Das ist Unsinn", lacht Eigentümer Richard d’Offay, "unser Zuckerrohr wird von vier Bauerngenossenschaften auf Mahé geliefert. Wegen der Berge sieht man das Zuckerrohr nicht so leicht." Richard, der zur Oberschicht der Seychellois gehört und dessen Vorfahren seit 250 Jahren auf Mahé leben, hat vor einigen Jahren mit seinem Bruder Bernhard die verfallene Villa und das Gelände vom Staat gepachtet und zehn Millionen Dollar in das gesamte Projekt investiert. Produziert werden Rum­sorten mit Kokos-, Ananas-, und Mangogeschmack, aber auch klassischer weißer und dunkler Rum. Der Name leitet sich von der nahen Takamaka-Bucht ab, die wiederum wegen ihrer schönen, tiefgrünen Takamaka-Bäume so heißt.

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Rum kam schon vor 400 Jahren auf die Seychellen – auf den Schiffen der britischen Marine oder auf Piratenschiffen. Die schwarzen Sklaven, die einst auf den Plantagen schufteten, brauten sich ihren eigenen Alkohol. Sie tranken "Baka", fermentierten Zuckerrohrsaft, ein Getränk, das heute noch von Einheimischen geschätzt wird. Abends verdrückten sich die schwarzen Sklaven in die Wälder, tranken Baka und tanzten einen Tanz, den es nur auf den Seychellen gibt: die Moutya. Wenn die Trommeln geschlagen werden, tanzen Männer und Frauen Rücken an Rücken, drehen sich dann um und machen sehr eindeutige erotische Bewegungen. Den Kolonialgouverneuren und den katholischen Bischöfen war das laszive Vergnügen ein steter Dorn im Auge. Heute ist die Moutya ein aussterbendes Vergnügen und die Jugend tanzt im Rhythmus der ­Globalisierung.

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Ein botanischer Schatz

Wir machen uns auf den Weg zur sündigsten Frucht der Welt und fliegen mit einer zweimotorigen Propellermaschine der Air Seychelles zur Nachbarinsel von Mahé, nach Praslin. Der Flughafen – eine Landebahn mit kleinem Holzhäuschen – wirkt wie aus einem Abenteuerfilm. Praslin ist gerade einmal zwölf Kilometer lang und fünf Kilometer breit, beherbergt aber einen einzigartigen botanischen Schatz: das Vallée de Mai, ein bis 1930 unberührtes Tal, in dem sich ein Überbleibsel eines prähistorischen Waldes befindet, der schon vor 650 Millionen Jahren existierte. Nur hier in diesem kleinen Tal und auf der winzigen Insel Curieuse wachsen die Seychellenpalme und ihr wundersames Kind, die Coco de Mer.

Durch das Vallée de Mai zu schlendern ist eine magische Erfahrung. Es ist wie ein Spaziergang zurück in eine ferne Vergangenheit, und man würde sich nicht wundern, wenn hinter der nächsten Biegung des Weges ein Dinosaurier auftauchen würde. Die Blätter sind riesig und die ­ältesten der 5.000 Seychellenpalmen hier zählen 300 Jahre. Manchmal hört man das Geschrei eines Dickschnabelbülbüls, manchmal das Geräusch einer fallenden Frucht.

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Als der britische General Charles Gordon den Wald 1871 besuchte, war er so beeindruckt, dass er ihn tatsächlich für den Garten Eden hielt. Für ihn war die Seychellenpalme der biblische Baum der Erkenntnis und die Coco de Mer die verbotene Frucht der Versuchung. Gordon, ein streng religiöser Mann, der später das angebliche Grab Christi in Jerusalem fand, hat mit ­seinem Einfluss dazu beigetragen, dass das magische Tal unberührt erhalten blieb. Tatsächlich ist Praslin wie die anderen 39 Granitinseln der Seychellen ein wundersamer Ort. Als der Urkontinent Pangäa in seine Teile – Südamerika, Afrika, Asien, Australien und die Antarktis – auseinanderbrach, blieben mitten im Ozean die inneren Seychellen-Inseln stehen. Es entstand ein kleiner Granitkontinent, das "Zentrum der Erde", mit einer ganz eigenen Vegetation. Deshalb gibt es die Coco de Mer, die im Mittelalter so kostbar wie Gold war, nirgends sonst wo auf dem Planeten.

Eine dieser Wunderwelten ist die mystische Insel Aldabra, die rund 1.000 Kilometer von der Seychellen-Hauptinsel Mahé entfernt liegt. Aldabra ist der einzige Ort auf der Welt, wo Reptilien noch das Ökosystem dominieren. Es ist das größte Atoll im Indischen Ozean und der Garten Eden der Schildkröten. Rund 150.000 leben hier, die größte Schildkrötenpopulation der Welt. Beinahe wäre Aldabra im Zweiten Weltkrieg ein britischer Luftwaffenstützpunkt geworden und das Schildkrötenparadies zerstört worden. Aber manchmal hat die Natur auch Glück.

Neuer Kreuzfahrtpier

Eine kleine Fähre bringt mich von Praslin zu Emmanuelles Insel, dem sehr entspannten Eiland La Digue, berühmt für den angeblich schönsten Strand der Welt, den Source d’Argent. Und wirklich: Man kennt die bunten Reiseprospektbilder vom Traumstrand mit weißem Sand, jade­grünem Wasser und wiegenden Palmen. Hier hat der 3D-Drucker der Natur das ­Original produziert, garniert noch mit fantastischen Granitfelsen und grünen Bergen.

»Ich genieße dieses Paradies hier. Wer weiß, wie lange es noch so ist«

Lara, eine Arzthelferin aus München, lebt hier seit einigen Jahren. Als Kind war sie mit ihren Eltern zahllose Male auf die Seychellen geflogen, was nicht alle Kinder behaupten können. "Manche Leute glauben, das Leben auf so einer kleinen Insel müsse langweilig sein, aber das ist es nicht", sagt die 28-Jährige. "Ich genieße dieses Paradies hier. Wer weiß, wie lange es noch so ist", meint Lara. "Schon jetzt lassen ein paar Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere mit Tenderbooten nach La Digue. Die Regierung plant für die nahe Zukunft einen großen Schiffspier. Dann ist es mit der Ruhe vorbei." Noch ist La Digue ein Geheimtipp, doch der zauberhaften kleinen Insel droht ein Schicksal wie Venedig oder Dubrovnik, wenn erst einmal die ganz großen Kreuzfahrtschiffe hier ankern können.

Man sollte sich beeilen, wenn man den Garten Eden noch erleben möchte.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 12/2019.