Experteninterview von

Mehr schlecht als recht

Ist es in Zeiten von Autokorrektur, Trendwörtern und Emojis überhaupt noch wichtig, richtig rechtschreiben zu können?

Experteninterview - Mehr schlecht als recht © Bild: iStockphoto.com

Rechtschreibfehler in der SMS? Egal, das meiste erledigt sowieso die Autokorrektur. Sich richtig ausdrücken können? Eine Kette von Emojis sagt doch sowieso mehr als tausend Worte! Und ob im Facebookstatus ein "das" statt einem "dass" steht, hat auf die Anzahl der Likes keinen Einfluss und ist doch somit herzlich egal. Die Wichtigkeit von Rechtschreibung scheint aus der Mode gekommen zu sein und Schlechtschreibung keine peinliche Angelegenheit mehr. Ist es tatsächlich belanglos, wie man schreibt, solange das Gegenüber halbwegs versteht, was gemeint ist? News.at hat bei Rechtschreibprofi Pamela Obermaier nachgefragt. Als Texterin, Korrektorin und Lektorin macht sie sich tagtäglich Gedanken über falsch und schlecht Geschriebenes.

Ist Rechtschreibung überhaupt noch von Bedeutung?
Ja, davon bin ich überzeugt! Sprache ist ein Code, durch den wir uns miteinander verständigen. Wenn wir uns nicht an die Regeln dieses Codes halten, können wir recht schnell missverstanden werden. Da es gerade im Schriftlichen meist keine Möglichkeit gibt, nachzufragen, was genau gemeint ist, führt das zu falschen Übersetzungen des Gelesenen. Was würden wir z.B. tun, wenn wir auf einem Medikamentenbeipackzettel die Anweisung „Nehmen Sie die Arznei in Massen ein!“ vorfinden? Wenn wir sicher sind, dass die Verfasser sich an die Regeln der Rechtschreibung gehalten haben, wird es kein Problem sein, viel davon einzunehmen. Was aber, wenn sie eigentlich sagen wollten, dass man das Mittel nur in Maßen zu sich nehmen darf? Dann könnte es ernsthaft gefährlich werden.

»Ein nicht gesetzter Beistrich kann teuer werden.«

Ein anderes Beispiel, in dem ein nicht gesetzter Beistrich eine Versicherung 203.500 Euro gekostet hat: Ein Mann hatte eine Unfallversicherung auf Dauerinvalidität abgeschlossen. Eines Tages wurde er bei einem Fußballspiel von einem Ball auf der Brust getroffen, erlitt eine schwere Prellung und davon ausgelöst einen Herzinfarkt, der ihn zu einem 80-Prozent-Invaliden machte. Infolgedessen verlangte er die Versicherungssumme. Der Vertragspartner lehnte ab und verwies darauf, dass ein Herzinfarkt nicht als Unfallfolge, sondern nur als Unfallursache versichert sei. In den Versicherungsbedingungen hieß es: „Herzinfarkt ist als Unfallursache nicht aber als Unfallfolge versichert.“ Das Gericht entschied im Sinne des Klägers, da der zentrale Satz kein Komma enthielt und daher in seiner Aussage nicht eindeutig war. Einerseits könnte die Aussage meinen, dass Herzinfarkt als Unfallursache, nicht aber als Unfallfolge versichert sei, andererseits, dass Herzinfarkt als Unfallursache nicht, jedoch als Unfallfolge versichert sei. Je nachdem, wo der fehlende Beistrich gesetzt wird, ergibt sich entweder die Leistungsfreiheit oder die Leistungspflicht. Wir sehen schon: Damit Kommunikation funktioniert, muss der Adressat wissen, was exakt gemeint ist, sonst kann das durchaus teuer werden!

Welche Fehler fallen Ihnen im Alltag am häufigsten auf?
„Herzlich willkommen“ wird unheimlich häufig falsch geschrieben, nämlich mit einem großen W, wo keines hingehört. Entweder „Ein herzliches Willkommen!“ oder „Herzlich willkommen!", aber eben nicht das meist verwendete „Herzlich Willkommen“. An zweiter Stelle steht mittlerweile – durch Social-Media-Beiträge viral verbreitet – der ständig falsch verwendete Imperativ, also Formen bzw. Wörter, die es so im Deutschen gar nicht gibt: „Durchbreche die Zeit!“ habe ich etwa vor einiger Zeit auf dem Plakat eines namhaften Filmproduktionsunternehmens im Kino gelesen, wo es „durchbrich“ heißen hätte müssen. Auf Facebook kursieren aufwändig produzierte Sinnspruch-Bilder und Präsentationen, deren Hersteller auf Grafiken, Fotos und den Inhalt ohne Zweifel besonderen Wert legen – Grammatik und Rechtschreibung gehören allerdings nicht zu ihren Vorlieben und Stärken, sondern werden dabei so gut wie immer recht stiefmütterlich behandelt. Da heißt es dann tatsächlich „Lese diese Zeilen, sehe in die Ferne und spreche sie nach“ und ich bin wieder einmal fassungslos. Was ist aus „lies“, „sieh“ oder „sprich“ geworden? Sogar auf diversen Firmen- oder Recruiting-Seiten im Internet steht Motivierendes wie „Bewerbe dich jetzt für diese Stelle!“, obwohl es „bewirb“ heißen müsste. Aber es gibt noch wesentlich mehr, was mir tagtäglich unterkommt: S-Fehler („Kuß“ statt richtig „Kuss“ und umgekehrt „Gruss“ statt richtig „Gruß“) sowie fehlende Bindestriche bei der Aneinanderreihung von Substantiven („Service Hotline“ statt richtig „Service-Hotline“ oder „Mobilfunk Kunden“ statt richtig „Mobilfunk-Kunden“ bzw. von Duden als noch besser bewertet: „Mobilfunkkunden“) begegnen uns praktisch überall: Zeitungsartikel und Online-Blogs sind voller Fehler, Werbematerial ebenso.

»Bis zu 90 Prozent aller Texte, die ich täglich lese, wären in der Schule mit „Nicht genügend“ oder höchstens „Genügend“ benotet worden.«

Leider macht dieses Phänomen auch nicht vorm gesprochenen Wort Halt: Sogar im Radio höre ich von ausgebildeten Moderatoren regelmäßig schwere Grammatikfehler. Oder kennen Sie auch nur einen einzigen Meteorologen, der im Radio „auf zweitausend Metern schneit es“ sagt? Ich nicht. Ich höre immer nur „auf zweitausend Meter“ und warte vergeblich auf das N am Ende. Am schlechtesten gehen die Leute allerdings mit dem Genitiv um, der inzwischen sogar von vielen Sprachprofis mit Füßen getreten wird – schriftlich in der Print- und Onlinepresse wie mündlich im TV und Radio.

Pamela Obermaier
© Christian Rudolf www.rudolf-photo.com

War die Rechtschreibreform aus Ihrer Sicht hilfreich?
Die Rechtschreibreform hat ab 1996 natürlich schon ein wenig für Chaos gesorgt. Sie hätte alles vereinfachen sollen, hat ihr Ziel aber teilweise weit verfehlt und dazu geführt, dass die Verwirrung noch größer wurde. Aus germanistischer Sicht ist vieles, das im Zuge der Neuerung umgestellt wurde, nicht gerade nachvollziehbar. Die fehlende Sinnhaftigkeit aber auch noch Jahrzehnte später als Ausrede dafür zu missbrauchen, ein gänzlich eigenes Anti-Regelwerk zu erfinden, halte ich in den häufigen Fällen, in denen der Text weder den Richtlinien der alten noch jenen der neuen Rechtschreibung entspricht, für wenig einfallsreich. Meine Erfahrung zeigt außerdem: Wer vor der Reform gut im Rechtschreiben war, ist es auch heute noch, wer vor ihr schlecht darin war, ist es nach wie vor.

Gab es immer schon so viele, die sich mit der Rechtschreibung schwergetan haben oder denen sie einfach egal war?
Ob es früher weniger schlimm war, lässt sich nur schwer beantworten, wobei es zumindest danach aussieht, als würde die korrekte Rechtschreibung bereits in der Schule nicht mehr mit derselben Vehemenz bzw. Kompetenz und Sicherheit von Seiten des Lehrpersonals durchgenommen werden. Fakt ist allerdings: Heutzutage sehen wir uns mit wesentlich mehr Beweisen für Fehltritte und Irrtümer konfrontiert, weil durch das Verfassen von E-Mails, online präsentierte Verkaufstexte und die Verbreitung auf Social-Media-Plattformen so viele Schriftstücke wie nie zuvor öffentlich zugänglich sind. Rechtschreibschwächen wie das/dass-Fehler, falsche oder gar keine Beistriche und individuelle Schreibweisen einzelner Wörter sind damit naturgemäß einfach sichtbarer denn je.

Warum legen so wenig Schreibende Wert darauf, dazuzulernen oder ihre Texte zumindest von Profis korrigieren zu lassen?
Weshalb es vielen Menschen heutzutage nicht mehr peinlich ist, wenn sie nicht rechtschreiben können, würde mich selbst brennend interessieren. Diesbezüglich wäre eine soziologische Studie sicherlich spannend! Es gibt aber auch einige, die von sich behaupten, es wäre ihnen nicht gleichgültig: „Doch, das ist mir schon wichtig. Ich kann es selbst zwar nicht so gut, aber ich habe eine Freundin, die Publizistin/Lehrerin/Journalistin ist und die wird mir das korrigieren“, höre ich gar nicht so selten. Wenn ich dann das Ergebnis sehe, erblasse ich in vielen Fällen, denn nur selten ist das auch zufriedenstellend. Meine Vermutung: Hauptsache, es kostet nichts. Eine Berufsgruppe, die sich mit Schreiben oder dem Erzählen von Geschichten beschäftigt, ist nun mal leider nicht automatisch rechtschreibstark. Gute Journalisten können recherchieren und eine Story spannend aufbauen, aber nicht automatisch auch sicher rechtschreiben. Texter sind kreative Köpfe, aber was die Orthografie und Grammatik betrifft, gäbe es wohl weniger krasse Fehler, wenn sie darin ebenso sattelfest wären. Sogar selbsternannte Profis, die ihre Dienste kostenpflichtig anbieten, sind nicht immer so gut, wie man meinen würde, wenn ich mir deren Websites so durchlese. Und ich meine damit keine Fehler, die eindeutig Vertipper sind und jedem passieren können, sondern wirkliche Rechtschreib- und Grammatikschwächen.

»Die wenigsten können beurteilen, wie gut jemand rechtschreiben kann.«

Dass das so ist, liegt meiner Erfahrung hauptsächlich daran, dass die wenigsten eine Unsicherheit spüren und dann einfach im Duden nachsehen, wodurch sie stetig dazulernen und tatsächlich besser werden würden, sondern nicht hinterfragen, ob sie auch wirklich wissen, wie man dieses oder jenes Wort schreibt. Warum die Selbsteinschätzung in diesem Bereich derart schlecht ist, kann ich nicht nachvollziehen. Das kennen wir sonst höchstens noch das eigene Gesangstalent betreffend, wie man seit Jahren regelmäßig in Casting-Shows im Fernsehen hören kann. Meine Erfahrung zeigt jedenfalls, dass nur die wenigsten beurteilen können, wie gut jemand rechtschreiben kann.

Welche Auswirkungen hat es aber wirklich, ob und wie gut ich rechtschreiben kann?
Viele Rechtschreibfehler und sprachliche Schwächen in einem Text lassen den Urheber leider inkompetent, unprofessionell, schlampig oder im schlimmsten Fall gar dumm und ungebildet wirken, auch wenn das unfair erscheinen mag. Von Firmenchefs und HR-Mitarbeitern höre ich immer wieder von schlecht und falsch geschriebenen Bewerbungen, deren Verfasser von vornherein als potentielle Kandidaten für den betreffenden Job ausgeschlossen werden. Das „Orthografie interessiert mich nicht“-Syndrom kann einen demnach durchaus die Arbeitsstelle kosten.

»Fehler in Bewerbungen können die Stelle kosten.«

Das sprachliche Unwissen wird nämlich sehr wohl als Mangel an Professionalität und Liebe zum Detail gewertet. Gerade bei Unternehmern ist diese Fehleinschätzung wie ein Eigentor: Es wird viel Geld in ein Logo, eine Marketingstrategie, das richtige Büro gesteckt – und dann kann all das nicht wirken oder gar glänzen, weil die Texte einem die Haare zu Berge stehen lassen. Von der Form auf den Inhalt zu schließen, ist aber nun mal menschlich – oder haben Sie sich noch nie dabei ertappt, eine ungepflegt wirkende Person insgeheim für undiszipliniert und faul zu halten? Potentiellen Kunden geht es genauso, wenn sie in einem Werbefolder keinen richtigen Satz vorfinden. „Wenn die so wenig Wert auf Genauigkeit legen, lasse ich mir meine Buchhaltung lieber von jemandem machen, bei dem ich davon ausgehen kann, dass er ordentlich arbeitet“ kann schon eine Entscheidungsgrundlage bilden.

Von der Rechtschreibung wird also auf das Wesen des Schreibenden geschlossen?
Ein durchgängiges Falschschreiben spiegelt unterm Strich nicht vordergründig ein unveränderbares Unwissen wider, denn Rechtschreiben kann durchaus erlernt werden. Es lässt viel eher auf eine Form von Ignoranz gegenüber dem eigenen Schriftbild als auch auf fehlenden Respekt vorm Rezipienten schließen. Damit sind natürlich keine Menschen gemeint, die unter Legasthenie leiden oder deren Muttersprache nun mal nicht Deutsch ist! Interessanterweise zeigen sich oftmals die gleichen Leute, die auf die Rechtschreibung pfeifen, empört, wenn auf einem Tischtuch Essensreste kleben, Lippenstiftspuren am Weinglas zu sehen sind, jemand mit offenem Mund Kaugummi kaut oder sich in der U-Bahn der Schweißgeruch eines anderen Fahrgasts verbreitet. Gutes Benehmen und ein gepflegtes Äußeres kommen eben nie aus der Mode – hoffentlich die Rechtschreibung und ein grammatikalisch korrekter, gepflegter Ausdruck in der Sprache auch nicht unwiederbringlich.

Pamela Obermaier
© Stefan Pavlik

Bestsellerautorin Mag. Pamela Obermaier arbeitet als Texterin, Ghostwriterin, Lektorin/Korrektorin, Trainerin und Vortragende. Sie schult künftige Lektoren in einem österreichweit einzigartigen Lehrgang ebenso wie Redakteure und andere Berufstexter in Inhouse- und Einzeltrainings, was die exakte und stimmige Verwendung der deutschen Sprache betrifft und leitet Seminare zu den Themen „Professionelles Texten“, „Schreiben fürs Sprechen & Hören“, „Perfektionierte Rechtschreibung“ und „Rhetorik & Präsentation“. www.textsicher.at

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