Proteste von

Der Aufstand der Urlaubsziele:
Wann wird es ihnen zu viel?

In Südeuropa regt sich eine Welle des Widerstands gegen den Massentourismus

Proteste - Der Aufstand der Urlaubsziele:
Wann wird es ihnen zu viel? © Bild: 2015 Getty Images

An einigen der populärsten Urlaubsorte Europas gehen die Bewohner gegen die Auswirkungen des immer stärker werdenden Massentourismus auf ihr tägliches Leben auf die Straße. In Barcelona kam es gar zu Sachbeschädigungen an einem Touristenbus und Leihrädern. Lassen sich die Interessen von Bewohnern und Besuchern noch vereinbaren?

Die Gastfreundlichkeit der lokalen Bevölkerung droht an einigen der Top-Urlaubsziele der Europäer langsam umzuschlagen – in Abneigung und Widerstand. Dieses Jahr regt sich eine überraschend deutliche Welle der Proteste gegen überbordenden Massentourismus in mehreren südeuropäischen Ländern. Der Grund: Es wird ihnen einfach zu viel. Die Touristenzahlen würden Ausmaße erreichen, bei denen einfach nicht mehr genug Platz – auch wörtlich – für die "eigenen Leute" bleibe. Man fühlt sich überrannt. Besonders betroffen ist davon Spanien, das 2016 mit 75,6 Millionen Touristen einen neuen Rekord aufgestellt hat und heuer erstmals Frankreich als meistbesuchtes Urlaubsland überholen dürfte. Hier gibt es gleich an mehreren Orten großen Unmut. Besonders aufgeheizt ist die Stimmung in Barcelona, wo Aktivisten einer linke Jugendgruppe letzte Woche sogar in Protest die Reifen eines Tourbusses und von Leihrädern aufgeschlitzt haben.

Proteste in Spanien: "Tourists go home"

Linke Organisationen in Katalonien und im Baskenland machen mit dem deutlichen Slogan "Tourists go home" ihrem Ärger Luft. Sie stören sich unter anderem an den Auswirkungen der beliebten Privatvermietungs-Seite Airbnb auf den lokalen Wohnungsmarkt, gerade in Großstädten wie Barcelona. Die Mieten würden hochgetrieben, weil immer mehr ihre Wohnungen für Airbnb-Gäste freihielten oder sich gar dafür eigens eine Zweitwohnung zulegen würden. Auch auf Mallorca und in San Sebastián gibt es Proteste. In der italienischen Lagunenstadt Venedig gab es bereits im Juli einen Protestmarsch, bei dem 2.000 Venzianer durch die Straßen zogen. Auch hier geht es um steigenden Mieten – und die Verschmutzung der Stadt durch die gigantischen Kreuzfahrtschiffe. Venedig ist die im Verhältnis am stärksten mit Touristen belastete Stadt der Welt: Auf rund 50.000 Einwohner kommen jedes Jahr über 20 Millionen Besucher.

Auch im kroatischen Dubrovnik sorgt man sich um Kreuzfahrtschiffe, aber hier vor allem um die Touristenmassen, die sie in kürzester Zeit in die historische Altstadt bringen. Der Kreuzfahrttourismus im Mittelmeer erlebt seit Jahren einen Boom. Nicht immer zur Freude der angelaufenen Städte, die zwar mit den Auswirkungen der Besucherflut zu kämpfen haben, aber dabei nicht an den Nächtigungen verdienen. Die Stadt Dubrovnik hat jetzt Kameras installieren lassen, die die Zahl der Altstadt-Besucher überwachen. Bei Erreichen bestimmter Obergrenzen kann der Zugang verlangsamt oder gar gestoppt werden. Auch Venedig hat neue Unterkünfte im Stadtzentrum verboten. Grund für die Zunahme der Probleme an so vielen Orten gleichzeitig sind auch der Trend zu Städtereisen und die angebliche Terrorgefahr in Nordafrika, wegen der immer mehr Urlauber auf die andere Seite des Mittelmeeres ausweichen.

Welttourismusorganisation sieht "sehr ernste Situation"

Um die verärgerte Bevölkerung zu beruhigen, gibt es auch in Rom und Mailand seit heuer eine Reihe neuer Regeln, die vor allem auf Touristen abzielen. In der italienischen Hauptstadt wurden das Essen und Planschen bei den Brunnen und das nächtliche Trinken auf der Straße verboten. Im Mailänder Viertel Darsena sind im Sommer künftig eine ganze Reihe von Dingen nicht erlaubt, darunter Selfie-Sticks und fahrende Essensstandler.

Der Generalsekretär der Welttourismusorganisation UNWTO, Taleb Rifai, sprach gegenüber dem "Guardian" von einer "sehr ernsten Situation, über die ernsthaft diskutiert werden muss". Tourismus könne auch der "beste Verbündete" für Erhaltung und die Bevölkerung sein, wenn er nur richtig gelenkt wird. Er empfiehlt den Städten, auch andere als ihre Haupt-Sehenswürdigkeiten zu bewerben, um die Touristen, so besser zu verteilen, die Saisonabhängigkeit zu reduzieren und die Anliegen der eigenen Bevölkerung aktiv anzusprechen.