Kritik von

Verstörend-aufregendes Musiktheater

"Bluthaus" von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus bei den Wiener Festwochen

Kritik - Verstörend-aufregendes Musiktheater © Bild: APA-FOTO: HERBERT NEUBAUER

Nur die ganz Großen verstehen es, das Tor zur Musikgeschichte, zur Geschichte des Musiktheaters aufzustoßen. Der Intendant der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser ist einer. In seiner ersten Amtszeit hat sich das Musikgeschehen der Festwochen ins Verstörend-Aufregende gewandelt. Glucks „Orfeo ed Euridice“ hatte Hinterhäuser in die Hände des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci gegeben. Der verband Mythos und Wirklichkeit atemberaubend, tief bewegend. Seine Euridice verkörperte eine reale Wachkomapatientin.

Der zweite Höhepunkt der Festwochen: die Premiere der Neufassung von Georg Friedrich Haas’ Oper „Bluthaus“ im Theater an der Wien. Uraufgeführt wurde das Werk 2011 in Schwetzingen. Für die Wiener Festwochen komponierte Haas die Musik zu Händl Klaus’ Libretto neu.

Bluthaus
© Ruth Walz

Erzählt wird die Geschichte der fiktiven Nadja Albrecht aus dem Süden Niederösterreichs. Die Tochter eines Architekten wurde seit ihrer Kindheit vom Vater missbraucht und in eine Art Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Die Mutter, ihr Leben lang zu schwach dem Einhalt zu gebieten, ersticht den Mann, als die Tochter bereits erwachsen ist. Die will das Haus ihrer Pein verkaufen.

Bluthaus
© Ruth Walz

Vergleiche mit realen Fällen wie Fritzl oder Kampusch lägen nahe, doch Händl Klaus hat das Libretto bereits Anfang 1990 verfasst. Es dauerte aber Jahre bis er einen Komponisten für seine Worte fand. Im musikalischen Seelenanalytiker Haas fand Händl Klaus einen kongenialen Partner. Der Grazer Komponist von Weltrang schafft nicht nur Klänge, er bringt menschliche Emotionen zum Klingen. Seine Musik spricht, passt sich an die Worte des Librettisten an, wird eins mit ihnen. Zwischen Atonalität und Tonalität schafft er Eindrücklich-Tiefgehendes, er macht das Schreckliche begreifbar. Wie Stimmen ineinander verschmelzen, auseinanderdriften, einander konträr gegenübergestellt sind, in Tonalität, Atonalität und Sprechgesang ist atemberaubend.

Bluthaus
© Ruth Walz

Peter Mussbach, Regie und Bühne, stellt mit einem nüchternen Designerhaus den idealen Rahmen für das Geschehen. Ein dunkler Raum zu Beginn führt in die Vorgeschichte Nadjas, der weitet sich aus zu hellen weiten Räumen auf zwei Ebenen. Dort wird ausnahmslos fabelhaft agiert und gesungen. Sarah Wegener (Nadja) beeindruckt mit flexiblem, eindrucksvoller Sopran. Otto Katzameier (Vater) stimmlich und darstellerisch ein Dämon, agiert wie eine Art Sigmund-Freud-Figur. Nur Bestes ist dem Countertenor Daniel Gloger nachzusagen.

Bluthaus
© Ruth Walz

Peter Rundel führt das Klangforum Wien präzise und eindrücklich durch die Partitur.

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