Fakten von

Verwandten erstochen - sieben Jahre Haft wegen Körperverletzung

Urteil führte unter den Verwandten des Opfers zu lautstarken Protesten

Weil er einen weitschichtig Verwandten im Zuge eines langjährigen Familienstreits erstochen hatte, ist ein türkischstämmiger Wiener am Dienstag - noch nicht rechtskräftig - zu sieben Jahren Haft wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung verurteilt worden. Die Geschworenen verneinten den angeklagten Mordvorwurf. Dies führte zu Tumulten und Attacken von Familienangehörigen gegen den 18-Jährigen.

Die zahlreich erschienene Verwandtschaft des Opfers hatte bereits während der Geschworenenberatung vor dem Saal lautstark mit der Familie des Täters gestritten. Nach der Verhandlung eskalierte die Situation endgültig: Die Töchter äußerten tränenreich ihr Unverständnis über das ihrer Meinung nach zu milde Urteil. Als der 18-Jährige abgeführt wurde, hatten die verstärkt anwesenden Justizwachebeamten alle Mühe, diesen zu beschützen. Die Angehörigen traten und spuckten nach diesem, auch Richterin Beate Matschnig wurde beschimpft als sie versuchte, die Tobenden zu beruhigen.


Auslöser der Fehde zwischen den beiden in unmittelbarer Nachbarschaft in der Brigittenau lebenden türkischen Großfamilien war eine Ehekrise, in die sich der Vater des Angeklagten als Bruder der Frau ebenso einmischte, wie das spätere Opfer als Bruder des Ehemannes. Die Streitereien mündeten schließlich in einer Rauferei zwischen den beiden Männern, wofür der Vater des Beschuldigten 2013 auch verurteilt wurde.

Vor Gericht beteuerte der Angeklagte, der am Mittwoch seinen 19. Geburtstag in Haft begehen wird, er hätte sich aus diesem Streit weitgehend herausgehalten, zumal er kaum Kontakt zur Tante habe. Allerdings habe ihn der 52-Jährige in den vergangenen drei Jahren etwa einmal pro Woche auf der Straße getroffen und dabei ständig beschimpft. "Ich hab mir gedacht, er ist der Ältere und habe nichts gesagt", so der Angeklagte.

Am 1. März habe er zum Rauchen die elterliche Wohnung verlassen, mit dem Handy gespielt und wäre rein zufällig direkt vor der Haustür des 52-Jährigen gelandet. "Als ich aufgesehen habe, stand er schon da." Dieser habe ihn wieder beschimpft und angekündigt, er werde die Familie des jungen Mannes "auslöschen". Bei der folgenden Rangelei habe er aus Angst und Wut sein Springmesser gezückt und zugestochen. "Da hat er kurz aufgeschrien, ein wenig gewackelt und an der Gegensprechanlage geläutet. Ich habe geglaubt, es ist nicht so schlimm und bin weggerannt."

Das Opfer hatte jedoch einen Stich direkt ins Herz erhalten. Er sagte seiner Frau über die Gegensprechanlage, dass ihn der Sohn seines Widersachers gestochen habe und machte sich auf deren Rat auf den Weg zur 100 Meter entfernten Polizeistation, wo er zusammenbrach. Im Krankenhaus konnten die Ärzte das Leben des Familienvaters trotz zehn Blutkonserven nicht mehr retten.

Der Täter hatte sich danach mit einem engen Freund getroffen, der ihm riet, sich zu stellen, als sich herumgesprochen hatte, dass der 52-Jährige gestorben war. Zur Polizei nahm er auch die Tatwaffe mit 9,5 Zentimeter Klingenlänge mit. Auf Antrag der Privatbeteiligtenvertreterin wurde ein Sohn des Opfers befragt, der sich am Tag nach der Tat mit dem Freund des Angeklagten getroffen hatte. Dieser hätte erzählt, dass sein Vater den Täter nicht beschimpft habe und der junge Mann "absichtlich" zugestochen habe. Der Vertraute des 18-Jährigen wollte davon vor Gericht nichts wissen: Er habe das Gespräch mit dem Sohn aus "Angst vor Blutrache" gesucht und diesem lediglich versichert, dass er nichts damit zu tun habe und der Vater ein "Opfer" sei.

Die Geschworenen verneinten einstimmig den Mordvorwurf und entschieden auf absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge, was ebenso wie der angeklagte Mord einen Strafrahmen von bis zu 15 Jahren bedeutete. Das Gericht fand mit sieben Jahren Haft das Auslangen, da es das Geständnis, die Unbescholtenheit, das Alter sowie den Umstand mildernd wertete, dass sich der 18-Jährige selbst gestellt hatte. Erschwerend war hingegen der nichtige Anlass, der zu der Bluttat geführt hatte. Die Verteidigung erbat sich drei Tage Bedenkzeit, der Staatsanwalt gab keine Erklärung ab, weshalb das Urteil noch nicht rechtskräftig ist.

Kommentare