Theater an der Wien von

Ein "fliegender Holländer" zum Abheben

Heinz Sichrovsky über ein faszinierend geglücktes Experiment

Fliegender Holländer am Theater an der Wien © Bild: APA/THEATER AN DER WIEN/WERNER KMETITSCH

Nähme man an der Praxis der Wiener Staatsoper Maß, so betätigten sich in Frankreich vor allem pensionierte Lateinprofessoren als Opernregisseure – zwei zentrale Mozart-Opern wurden auf diese Weise von Jean-Louis Martinoty nachhaltig versenkt. Im Theater an der Wien korrigiert man das Bild dankenswert: Wagners Frühwerk „Der fliegende Holländer“ wurde dort von einem französischen Team zu einer begeisternden Premiere gebracht.

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Als die Herzinfarkt-Oper, die einen verstört in den Alltag entlässt, war bisher Richard Strauss’ „Elektra“ ausgewiesen. Der Dirigent Marc Minkowski, der Regisseur Olivier Py und eine zur Höchstleistung motivierte Besetzung rücken den „Holländer“ überraschend in dieselbe Hochemotionsliga. Minkowski und sein Originalklangorchester „Les Musiciens du Louvre“ lassen das Werk also so erklingen, wie man es zur Entstehungszeit vermutlich hören konnte. Dem Anschein nach ist das widersinnig: Wagner wollte stets das Unmögliche, ihm schwebten szenische und und musikalische Effekte vor, die erst später technisch möglich waren. Andererseits ließ Wagner in Bayreuth keine 3000-Personen-Halle, sondern eines der intimsten Opernhäuser der Welt erbauen, durchaus vergleichbar dem Theater an der Wien. Dort gelangen Minkowski und seine groß besetzte Truppe zu wahrhaft ekstatischem Musizieren. Die Virtuosität etwa der Naturhornbläser lässt die Unterschiede zu modern ausgestatteten Orchestern ohnehin verschwinden. Auch der scharfe, akzentuierte Oboenklang ist dem der Wiener Spielpraxis nahe. Und die vibratolosen Streicher erzeugen eine Art gespenstischer Fahlheit, die dem Werk entspricht. So bleibt also, über alle ideologischen Dispute hinweg, ein auf höchstem Niveau musizierter „Holländer“. Das sollte genügen.

Fliegender Holländer am Theater an der Wien
© APA/THEATER AN DER WIEN/WERNER KMETITSCH

Auch Py, eine der bemerkenswertesten Erscheinungen gegenwärtiger Opernregie, dringt an die Essenz des Werks vor. Hier gibt es kein Schiff und kein Porträt an der Wand. Pierre-André Weitz hat bloß eine Bretterwand entworfen. In ihr tun sich Klappen auf, die direkt zu den Ängsten, Seelendeformationen und neurotischen Schreckensbildern der handelnden Personen führen. Auch der Holländer, der dazu verflucht wurde, ewig die Weltmeere zu durchmessen und nicht sterben zu können, ist eine dieser Projektionen des Unbewussten. Der im Werk oft apostrophierte Satan tritt als stummer Pantomime auf. Und so wie beim schwarzromantischen Dichter E. T. A. Hoffmann führt er Regie über den Wahnsinn, der aus den Menschen selbst kommt. Die Kostümierung lässt an eine Gruppe von Emigranten denken, das bewegt auch ohne platte Aktualisierung.