SLALOM-DREIFACHSIEG FÜR ÖSTERREICH!!!
Raich gewinnt vor Herbst und Schönfelder!

Historischer Rekord: Medaillen Nummer 20, 21 & 22 Favoritensterben: Rocca, Miller, Palander & Matt out

Österreichs alpine Skistars haben bei Olympia ein Wahnsinnsfinale hingelegt. Im abschließenden Slalom in Sestriere triumphierte Benjamin Raich mit zweimaliger Laufbestzeit 0,83 Sek. vor Reinfried Herbst (27 Jahre) sowie bereits 1,01 vor Rainer Schönfelder (28) und bescherte Österreich einen unfassbaren Dreifachsieg. Es war ein historischer Triplesieg, denn damit hält der ÖSV bei 101 olympischen Alpinmedaillen und mit 22 Medaillen ein neuer Olympia-Rekord fest.

Wie verrückt vor Glück kugelten ÖSV-Rennfahrer und -Trainer nach dem Slalom im Schnee herum. Viel hatte sich die Slalomtruppe von Gert Ehn erhofft, dass aber ausgerechnet bei Olympia der erste Saisonsieg fällig sein und Raich ausgerechnet im Flutlicht des Olympiahanges erstmals eine Halbzeitführung ins Ziel bringen würde, kam doch etwas unerwartet. Am Ende stand der erst dritte olympische Dreifachsieg bei den Herren nach dem Riesentorlauf-Triple der Österreicher 1956 und dem der Norweger 1994 in der Kombination zu Buche. Mit 14 Alpinmedaillen hat der ÖSV seinen Nagano-Rekord (11) ausgelöscht.

"Unbeschreiblich, unglaublich", fand auch der sonst so kontrollierte Raich im Ziel zunächst kaum Worte vor Begeisterung. Der Tiroler hatte zur Halbzeit nur 0,01 Sekunden vor dem Finnen Kalle Palander sowie dem Japaner Kentaro Minagawa (+0,07) und Herbst (+0,18) geführt. Der von Sehproblemen behinderte Schönfelder war Siebenter (+0,66), Mario Matt ausgefallen. Schnell verabschiedet hatte sich auch der italienische Topfavorit Giorgio Rocca, der zur Enttäuschung tausender Fans schon nach 34 Sekunden ausschied. Der letzte Ritt des US-Amerikaners Bode Miller hatte gar nur 15 Sekunden gedauert.

An Raich wäre an diesem Abend aber ohnehin keiner vorbeigekommen. Der Pitztaler, der Weltcupsiege im Slalom zuletzt so oft im zweiten Durchgang verspielt hatte, behielt vor den Augen seiner mitzitternden Freundin Marlies Schild die Nerven und holte sich drei Tage vor seinem 28. Geburtstag souverän sein zweites Gold nach jenem im Riesentorlauf.

"Unbeschreiblich. Es war so schwierig. Ich habe mir wieder 'mal vorgenommen, wieder 'mal das Letzte zu geben, hab' aber auch an den richtigen Stellen dosiert", sagte Raich, der im Ziel aber zunächst wie schon Michaela Dorfmeister bei ihrem Super-G-Sieg zunächst ratlos schien. "Ich habe nichts kapiert, weil ich die Anzeigentafel nicht gesehen habe", erklärte der Tiroler, der nach Dorfmeister, Felix Gottwald und Thomas Morgenstern nun der vierte österreichische Doppelolympiasieger bei diesen Spielen ist.

Ist mit Raich also der absolute Alpinstar der Turin-Spiele gefunden, ist Silber für Herbst geradezu eine Sensation. Im Frühjahr aus dem ÖSV-Kader verbannt, hatte der Salzburger über das private Camp von Dieter Bartsch im Pitztal mit Trainer Dietmar Thöni wieder zurückgefunden. "Ich war zur Halbzeit in einer Supersituation, konnte voll angreifen", jubelte der 27-jährige Unkener. "Bei Benni habe ich nicht hingeschaut", gestand "Herbstl", wie ihn seine Fans rufen. "Ein Dreifachsieg, das ist einfach ein Traum!"

Für Schönfelder war es die bereits zweite Bronzemedaille nach der in der Kombination. "Jetzt klimpert's beim Heimfahren in der Tasche", scherzte der Kärntner, der den Japaner Kentaro Minagawa und den Schweden Andre Myhrer (ex aequo Vierte) um jeweils 3/100 knapp abgehängt hatte, zufrieden. Dabei war der Wahlwiener nach Lauf eins noch richtig "ang'fressn" gewesen, weil bei ohnehin schon schlechter Sicht auch noch seine Linsen verrutscht waren. "Das ist der erste Nachtslalom, in dem ich auf's Podest komme. Gott sei Dank genau hier", jubelte "Schöni"

Fast fassungslos war auch ÖSV-Herrenchef Toni Giger: "Damit haben wir nicht rechnen dürfen. Wir sind nach dem Rennen alle nur noch gelegen. Das ist sensationell. Das waren ja keine einfachen Spiele für Österreich. Aber von den großen Favoriten sind nur Österreicher bei diesen Spielen auf dem Stockerl gestanden, unglaublich. Der zweite Durchgang war extrem schnell gesetzt, da brauchte man Mut. Da hat sich unser Speed-Training bezahlt gemacht." Alpinchef Han Pum verneigte sich vor allem vor Raich. "Jetzt gewinnt der Benni auch den Gesamt-Weltcup. Er ist momentan der perfekteste Rennläufer überhaupt."

ÖSV-Alpinchef Pum: "Das war die Krönung"
Hans Pum ist seit knapp 30 Jahren im Österreichischen Ski-Verband (ÖSV) tätig, nach dem Slalom-Dreifachtriumph seiner Herren hatte aber selbst der abgebrühte Alpinchef im Zielraum mit den Tränen zu kämpfen. "Das war die Krönung dieser Olympischen Spiele", jubelte der 51-jährige Oberösterreicher. "Für uns waren es die besten Spiele aller Zeiten, von so etwas kann man vorher nur träumen."

Pum bedankte sich nach dem historischem Medaillenregen in den vergangenen beiden Wochen bei den Athletinnen und Athleten ("Sie haben eine super professionelle Einstellung gezeigt"), bei den Damen- und Herren-Trainern ("Sie haben hervorragend kooperiert") und vor allem bei ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel. "Er hat sich in dieser schwierigen Zeit vorne hingestellt und hat auch dafür gesorgt, dass die Unruhe von den Langläufern und Biathleten nicht zu uns Alpinen hinüberschwappt. Das war enorm wichtig. Danke! Und die Athleten haben die beste Antwort auf dieses Theater gegeben."

Auf die Frage, ob der Dreifach-Triumph durch Benjamin Raich vor Reinfried Herbst und Rainer Schönfelder das schönste Erlebnis seiner ÖSV-Karriere war, meinte Pum: "Es hat schon sehr viele schöne Erfolge gegeben, aber dieser Tag gehört sicher zu den schönsten. Ein Dreifachsieg bei Olympia, was kann man sich mehr wünschen?"

Endstand des Herren-Slaloms:
1. Benjamin Raich AUT 1:43,14 Minuten
2. Reinfried Herbst AUT +0,83
3. Rainer Schönfelder AUT +1,01
4. Andre Myhrer SWE +1,04
. Kentaro Minagawa JPN +1,04
6. Ivica Kostelic CRO +1,31
7. Naoki Yuasa JPN +1,43
8. Johan Brolenius SWE +1,67
9. Thomas Grandi CAN +1,70
10. Martin Hansson SWE +2,10
11. Pierrick Bourgeat FRA +2,34
12. James Cochran USA +2,54
13. Drago Grubelnik SLO +2,55
14. Marc Berthod SUI +2,86
15. Silvan Zurbriggen SUI +2,96
16. Alain Baxter GBR +3,01
17. Michael Janyk CAN +3,05
18. Chip Knight USA +3,12
19. Bernard Vajdic SLO +3,29
20. Noel Baxter GBR +4,08

Ausgeschieden:
Im zweiten Lauf, u.a.: Akira Sasaki (JPN), Aksel Lund Svindal (NOR), Daniel Albrecht (SUI), Felix Neureuther (GER), Filip Trejbal (CZE), Jean-Baptiste Grange (FRA), Patrick Biggs (CAN)

Im ersten Lauf, u.a.: Giorgio Rocca (ITA), Mario Matt (AUT), Markus Larsson (SWE), Alois Vogl (GER), Bode Miller (USA), Stephane Tissot (FRA), Hans-Petter Buraas (NOR), Manfred Mölgg, Patrick Thaler (beide ITA)

Disqualifiziert wegen Torfehlers:
Im zweiten Lauf: Kalle Palander (FIN)
Im ersten Lauf, u.a.: Ted Ligety (USA)

Nicht am Start, u.a.: Jean-Pierre Vidal (FRA/Olympiasieger 2002/Armbruch)

(apa/red)