Porträt von

Simone de Beauvoir: Google Doodle zum 106. Geburtstag

Frauenrechtlerin und Philosophin war ihrer Zeit schon immer weit voraus

Simone de Beauvoir: 106. Geburtstag © Bild: imago stock&people

Simone de Beauvoir war schon immer ihrer Zeit weit voraus. Nicht nur weil sie mehr als 20 Jahre vor der sexuellen Revolution das Recht auf Empfängnisverhütung forderte und für das Recht auf Abtreibung plädierte, als diese als gleichbedeutend mit Kindermord bewertet wurde. Beauvoir hatte auch ein feines Gespür für die Wirklichkeit. In einem Interview vor mehr als 40 Jahren gestand sie, dass sie zu schnell an den Sieg der Frauen geglaubt hat: Deshalb sind bis heute Werk und Leben der verstorbenen Philosophin, die heute ihren 106. Geburtstag feiern würde und deshalb von Google mit einem Doodle geehrt wird, noch immer nicht verstaubt.

Beauvoir hatte eine beeindruckende Diagnosefähigkeit: "Ich habe geglaubt, dass der Sieg der Frauen an den Sozialismus gebunden sei. Doch der Sozialismus ist ein Traum, er existiert nirgendwo", erklärte die Philosophin in einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Monde". Das war 1978.

Viele Ungleichheiten, die sie 1949 in ihrem epochalen Werk "Das andere Geschlecht" benannt hat, bestehen auch 2011 noch fort. Im Grundgesetz sind beide Geschlechter zwar gleichgestellt. Dennoch bekommen Frauen trotz besserer Abschlüsse oft weniger Geld, und in Vorständen und auf Chefsesseln großer Firmen sind sie eher die Ausnahme als die Regel.

Vorbild für Schwarzer

"Das andere Geschlecht", das in zwei Bänden erschien, provozierte einen Skandal, in dem die Autorin als männerfeindlich und frigide dargestellt wurde. Erst viele Jahre später wurde das Bild der Philosophin revidiert, nicht zuletzt durch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, für die Beauvoir ein Vorbild war.

Schwarzer lernte die Tochter aus gutem Haus, wie sich die aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Beauvoir nicht ohne Ironie selbst nannte, Anfang der 70er Jahre kennen. Viele Jahre der Freundschaft haben die beiden Frauen miteinander verbunden. "Simone de Beauvoir: Weggefährtin im Gespräch" ist das Ergebnis dieser Begegnung, aus der eine lange Freundschaft und unerschöpfliche biografische Quelle wurde.

In dem 2007 veröffentlichen Buch schwärmt Schwarzer von dem Gerechtigkeitssinn, der Klarheit der Gedanken und der Kühnheit der Visionen von Beauvoir. Gleichzeitig entwirft sie von der am 9. Jänner 1908 in Paris geborene Französin das Bild einer Kämpfernatur, hinter der sich eine verletzlich und durchaus "weiblich" fühlende Frau verbirgt.

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre
© Imago/CTK Photo Simone de Beauvoir mit Jean-Paul Sartre

Freie Liebe mit Sartre

Die radikale Avantgardistin ging mit dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre eine freie Liebe ein, unter der sie letztendlich litt. "Die Seelenqual, die ich empfand, geht weit über reine Eifersucht hinaus", erklärte die bürgerliche Rebellin später. Ein unerwartetes und erstaunliches Geständnis einer Frau, die mit Sartre 50 Jahre lang einen "Pakt" der freien Liebe lebte.

Die Galionsfigur des modernen Feminismus, die sich für legale Schwangerschaftsunterbrechung engagierte und gegen Prostitution kämpfte, hat nie auf ihre Weiblichkeit verzichtet. "Die Frau kann nur ein vollständiges Individuum sein, wenn sie auch ein geschlechtlicher Mensch ist", schrieb sie in ihrem Skandalerfolgsbuch "Das andere Geschlecht". Als Frau, die ihre Emanzipation praktisch lebte, stets ihre Selbstständigkeit und ihren Freiheitswillen bewahrte, sind ihr Denken und Leben auch heute noch ihrer Zeit voraus.

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