Schwerem Krebsleiden erlegen: Kroatiens Ex-Premier Ivica Racan (63) gestorben

Prägte fast zwei Jahrzehnte lang Politik des Landes Gusenbauer: "Herausragender Politiker der Region"

Schwerem Krebsleiden erlegen: Kroatiens Ex-Premier Ivica Racan (63) gestorben

Der kroatische Ex-Premier Ivica Racan (Sozialdemokraten/SDP) ist im Alter von 63 Jahren an einem schweren Krebsleiden gestorben. Racan war nach dem Tod von Staatsgründer Franjo Tudjman im Dezember 1999 und der anschließenden Wahlniederlage von dessen Partei HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) von 2000 bis 2003 Regierungschef Kroatiens gewesen und hatte zuletzt bis 11. April noch das Amt des Chefs der SDP und damit der stärksten Oppositionspartei innegehabt. Seit 2003 stellt wieder die HDZ den Premier, im Herbst sind Neuwahlen geplant.

Präsident Stjepan (Stipe) Mesic erklärte, Racan habe die jüngere kroatische Vergangenheit geprägt. Er habe zu jenen Politikern gezählt, welche die demokratischen Veränderungen in Kroatien ermöglichten, wurde Mesic in der Nachrichtenagentur Hina zitiert. Zudem sei Racan einer der ersten gewesen, der sich der Politik des mittlerweile ebenfalls verstorbenen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic entgegengestellt und so die Eigenständigkeit Kroatiens ermöglicht habe, so der kroatische Präsident.

Ministerpräsident Ivo Sanader (HDZ) betonte ebenfalls das Wirken Racans bei der Annäherung an die EU. Zwar seien er und Racan politische Rivalen mit oft unterschiedlichen Meinungen gewesen, doch hätten sie diese überwinden können, sobald nationale Interessen das Thema gewesen seien. "Wir haben ein gemeinsames Bündnis für Europa gemacht, weil wir gewusst haben, dass die Zukunft Kroatiens in der EU und in der transnationalen Integrationen liegt", so Sanader.

In Österreich erklärte Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (S): "Die schwierige Transformation Kroatiens hin zur Demokratie ist wesentlich mit dem Wirken von Racan verbunden. Sein Einsatz machte es möglich, dass dieses Land heute integraler Teil der europäischen Völkerfamilie geworden ist. Seine bescheidene Art, sein Durchsetzungsvermögen und seine Visionen ließen ihm zu einem der herausragendsten Politiker der Region werden."

Am kommenden Mittwoch wird die SDP in der Zagreber Konzerthalle "Vatroslav Lisinski" eine Gedenkveranstaltung für Racan abhalten. Das Datum und der Ort des Begräbnisses wurde auf Wunsch von Racan nicht bekannt gegeben, es soll im engsten Kreis der Familie und Freunde stattfinden. Ende Jänner war bei Racan zunächst ein erster Tumor festgestellt worden, mehrere Operation - unter anderem in München - blieben erfolglos.

Der Ex-Kommunist wurde während des Zweiten Weltkriegs am 24. Februar 1944 in Ebersbach (Sachsen) als Sohn einer in einem deutschen Arbeitslager internierten Frau geboren. Racan selbst erklärte, eine Deutsche habe ihn und seine Mutter aus dem Lager befreit und ihnen so wahrscheinlich das Leben gerettet. Über seine Herkunft verlor er aber sonst wenige Worte. Als Student beteiligte er sich im ehemaligen Jugoslawien 1971 am "Kroatischen Frühling", die für die damalige Teilrepublik unter anderem mehr Autonomierechte forderte. Ab 1972 war er Mitglied im Zentralkomitee der Kroatischen Kommunisten, ab 1989 ihr Vorsitzender.

Anerkennung erwarb er sich, als er Anfang 1990 zusammen mit der slowenischen Delegation und im Streit mit den Nationalisten des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic aus dem Parteikongress in Belgrad auszog und anschließend eine friedliche Übergabe der Macht in Kroatien bewerkstelligte. Bei den ersten freien Wahlen im Frühling 1990 wurde seine Partei besiegt - die nationalistische HDZ mit Tudjman übernahm die Macht

Anfang 2000 stürzte Racan mit anderen Parteien das Machtmonopol der HDZ. Trotz zahlreicher Streitigkeiten hielt die Sechser-Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode 2003, ehe die SDP wieder in die Opposition musste. Zuletzt lag seine Partei in Umfragen meist vorne. Wie es derzeit aussieht, ist ein Machtwechsel im Herbst nicht ausgeschlossen. Zuerst muss sich die SDP nach Racans Tod aber erst auf die Nachfolge einigen. Dies soll auf einem Parteitag am 2. Juni geschehen. Mindestens vier Kandidaten zeigen bisher Ambitionen.(apa/red)