Nadja Sarwat

Fuck it!

Nadja Sarwat kommentiert Film- und Familienrelevantes.

Nadja Sarwat - Fuck it!

Loslassen, Entspannen, Glücklichsein. Wie sich ein vermeintlich sauteurer Sommer in Berlin als billiger Ersatz-Crashkurs in Sachen Sinnsuche erwies. Der spirituelle Selbstversuch.

Kürzlich habe ich mir um schlappe Euro 17.90 die Erleuchtung erkauft. Ich weiss jetzt, warum „Fuck it“ aus der Feder des Briten John C. Parkin ein Bestseller wurde. Der Autor, ein Messias des apostolischen Tourette-Syndroms, verspricht die Erlösung von allem profanen Ungemach mittels zweier verpönter Worte. Fuck it! Und ein wenig Meditationsarbeit. Dies erspare dem Leser Styling im orangen Fetzenlook samt Rauschebart und Sandalen, das Anzünden atemberaubender Räucherstäbchen sowie Amokläufe und Serienmorde aller Art. Der Mann weiss wovon er spricht. Ich jedenfalls schwör auf den way of fuck. Wo ich geh und steh, sage ich jetzt das F-Wort, winde ich mich in keineswegs abartigen Stellungen mit so exotischen Namen wie „die himmlische Kugel erwärmen“. Und die, das kann ich ihnen sagen, sind nicht obszön gemeint. Das Handy auf lautlos (wer braucht schon nervende Anrufe seines Chefs, wenn er gerade mit dem Kosmos kommuniziert? Fuck it!). Kindlichen Störenfrieden werden die Grenzen der Verfressenheit aufgezeigt. (Hallo? Ich mache gerade den „vom Feuer getöteten Drachen“. Kocht euch doch gefälligst euer Abendessen selber. Und meditiert da mal drüber!) Nicht, dass „Fuck it“ irgendwelche Weisheiten verkündet, die ich nicht längst wusste. Nur mit der Umsetzung haperte es bisher immer gewaltig. Mein Vater – Großmeister der Entspannungs-Übung (von A wie Autogenes Training bis S wie Sauna ) liegt mir seit meiner Geburt in den Ohren, ich solle meiner Hyperaktivität mit meditativen Techniken begegnen. Selbiges raten meine Freundinnen C. (praktizierende Buddhistin) und E. (wandelndes Weisheitslexikon) unisono. Bisher vergebliche Liebesmüh.

Und dann ist schon wieder was passiert. Zwar kein Mord und Totschlag, wie im Mikrokosmos des von mir hochverehrten Haasschen Brenner, aber - frage nicht. Ich wurde erstmals Opfer dreister Diebe. Und das gleich zweimal innerhalb einer Woche. Für diese überaus zweifelhafte Premiere musste ich ein geradezu biblisches Alter erreichen, immerhin. Tatort: Berlin, mitte. Mit einem mal waren praktisch meine gesamten Habseligkeiten dahin: Laptop weg, Handy weg, Geld weg, Kreditkarten weg, Führerschein weg, alles weg. Ich vermute sie auf dem Weg der Veruntreuung Richtung Balkan, dem mutmaßlichen Herkunftsland meiner unheimlichen Begegnungen der perfiden Art.

Was macht man in so einem Fall? Nach einem kurzfristig einberaumten hysterischen Ohnmachtsanfall schwört man erstmal den Waffenschein zu machen. Der Traum, flüchtenden Banditen in die Beine zu schießen wird aber schnell von der Erkenntnis abgelöst, dass es Zivilpersonen in zivilisierten Ländern verboten ist, Schusswaffen im Handttaschl mit sich zu führen. Außerdem fällt einem schlagartig wieder ein, dass man Pazifismus praktiziert. Geknickt schleppt man sich zum Zuständigen: dem Freund und Helfer vom nächstgelegenen Polizei-Revier. Dort staunte man nicht schlecht, als ich zweimal hintereinander mit jeweils neuer Raubersgschicht aufkreuzte. Händigte mir aber mit aller gegeben Gleichmut ein interessantes Informationsblatt aus: der sogenannte Geschädigte (also ich) solle sich sicherheitshalber nach dem Raub auf dem Fundamt einfinden, wo sich das entwendete Eigentum (oder Teile davon!) oft wieder einfänden. Na bravo. Wiedersehen macht Freude: vielleicht finden sich ja das eine oder andere Futzerl meines Führerscheins oder ein bis zwei Buchstaben meiner Tastatur wieder? Zu einer Collage zusammengeklebt gäbe das womöglich ein stylishes Berliner Street-Art-Kunstwerk. Auch nahm ich mir vor, demnächst mal auf ebay mitzusteigern. Vielleicht kann ich so einen meiner Schätze günstig zurückerwerben.

Die erste Lektion hatte ich bravourös gemeistert: loslassen! Ein leichtes bei Laptop und Handy. Mittels virtueller Nabelschnur bin ich nämlich immer mit meiner Arbeit verbunden. Und zwar 24/7, auch im Urlaub. Dieser besteht, wie ich mir eingestehen musste, hauptsächlich darin, dass ich ihn unterbreche, und zwar gerne zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Die virtuelle Zwangspause führte unweigerlich dazu, plötzlich abkömmlich zu sein, und das auch zu genießen. Schwieriger gestaltete sich schon der völlige Verlust jeglicher Liquidität. Aber auch da fand sich schnell eine Los-Lösung: ich schnorrte ungeniert jeden an, der in dieser Zeit den Fehler machte, mir zu begegnen. (Die Schulden sind heute noch nicht beglichen). Wie schön, bedingslos helfende Freunde und Familie zu haben!

Lektion 2: Entspannen? Abgehakt! Ich muss den diebischen Gesellen meinen Dank aussprechen. Sie haben mir einen gratis-Crashkurs verpasst. Inklusive Lektion 3: Glücklichsein. Ich habe beim Loslassen und Entspannen nämlich Zweierlei entdeckt. Erstens: Wertschätzung materieller Dinge. Wenn die Zwangspause von meinem Elektronik Equipment auch angehm war. Es sichert mir doch die Existenz. Und wahrlich, ich sage euch, ich habe Glück, gut versichert zu sein. Und auch der menschliche Körper, so mangelhaft er sein mag, gehört zu den materialisierten Gütern, die einen nicht zu unterschätzenden und stets pfleglich zu behandelnden Wert darstellen. Wie sagte der nette Berliner Polizist so schön zu mir: „Seinse froh, dass ihnen nichts Schlimmeres passiert ist. Und achten se auf de Radfahrer, wennse heimjehen.“ Wie recht er hat, bei Gott, Allah, Buddha, Teutates und allen himmlischen Heerscharen.

Ich kann Sinnsuchenden nur empfehlen, sich mal kräftig ausrauben zu lassen. Wer weniger Aufregunsbedarf hat, lese einfach mal dieses „Fuck it“. Es kommt garantiert aufs gleiche heraus. Und wenn nicht? Fuck it!

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