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Thomas Morgenstern: "Ich will nicht
der bleiben, der ich einmal war“

Der Skisprung-Olympiasieger hat vor zwei Jahren seine Karriere beendet

Thomas Morgenstern © Bild: Sebastian Reich

Skisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern hat vor zwei Jahren seine Karriere beendet. Seitdem hat er sich verändert, der Ehrgeiz ist geblieben.

Ist Perfektion für einen Menschen überhaupt möglich?
Ganz perfekt kann man nie sein, das stimmt schon. Aber mein ganzes bisheriges Leben war darauf ausgerichtet, danach zu streben. Als Skispringer habe ich jeden Tag daran gearbeitet, dem perfekten Sprung näher zu kommen. Das hat meine Persönlichkeit sicher geprägt.

Nervt es nicht irgendwann, dauernd von anderen beurteilt zu werden?
Der härteste Richter bin ich selbst. Beim Skispringen habe ich selbst am besten gewusst, wenn etwas perfekt war. Beim Tanzen bin ich viel mehr auf die Urteile der Wertungsrichter angewiesen geesen, um mich zu verbessern. Dennoch kann ich einschätzen, ob ich mit meiner Leistung zufrieden sein kann. Aber eines hat sich durchaus verändert, seit ich meine Spitzensportlerkarriere beendet habe. Ich muss nicht mehr jeden einzelnen Tag beweisen, dass ich der Beste bin.

»Ich bin draufgekommen, dass mich nie jeder super finden wird«

Sie sind mit knapp 16 in den Skisprung-Weltcup eingestiegen und stehen seitdem in der Öffentlichkeit. Bei all den Erwartungen, die seitdem an Sie gestellt werden: Wie schwer ist es, seine wahren Bedürfnisse zu erkennen?
Früher war mir sehr wichtig, was die Leute von mir denken. Aber ich bin draufgekommen, dass mich nie jeder super finden wird. Ich habe gelernt, zu mir selber zu stehen, mich dabei auch nicht zu belügen. Das macht mich unabhängiger, damit fühle ich mich wohler. Sport ist eine gewisse Lebensschule. Man befasst sich viel mit seinem Körper, aber auch mit seinem Geist, weil man dort ab einem gewissen Level noch am meisten herausholen kann. Denn das Wichtigste wird oft vernachlässigt, nämlich die Auseinandersetzung mit sich selbst. Dazu gehört etwa Dankbarkeit oder das Bewusstsein, wo man herkommt.

Haben Sie Ihren neuen Platz im Leben schon gefunden?
Im Grunde ja. Ich bin glücklich, was mein privates Umfeld betrifft, bin happy, wie mein beruflicher Weg aussieht. Aber natürlich ist es ein Prozess, sich nach so vielen Jahren im Hochleistungssport in einem neuen Leben zurechtzufinden. So viel Zeit ist seit dem Karriereende nicht vergangen. Ein Beispiel: Von Anfang September 2015 bis Mitte Jänner dieses Jahres habe ich 27.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren unter anderem ein Buch geschrieben und meine Ausbildung zum Hubschrauber-Privatpiloten beendet. Jetzt folgt die Ausbildung zum Berufspiloten, damit ich auch etwas verdienen darf. Lernen, das muss ich ehrlich sagen, ist eine große Herausforderung. Das ist wahrscheinlich etwas, das man als Sportler eher vernachlässigt.

»Ich will nicht der bleiben, der ich einmal war«

Ist es für einen, der einmal der Beste der Welt war, besonders schwer, als Anfänger wieder von vorne anzufangen?
Genau das ist ja das Spannende. Das ist die geile Herausforderung. Das eine ist gewesen, das kann mir keiner mehr nehmen. Darauf, was ich erreicht habe, bin ich sehr stolz, dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich will nicht der bleiben, der ich einmal war.

Ist ein Olympiasieger glücklicher als einer, der es nie bis an die Spitze geschafft hat?
Am Endes eines langen Wegs die Bundeshymne zu hören, ist ein Gefühl, das kann man mit keinem Geld der Erde kaufen. Das werde ich nie wieder erleben. Aber Olympiasieger zu werden ist schöner, als es zu sein. Natürlich hast du dadurch einen finanziellen Benefit und eine Bekanntheit, die viele Türen öffnet. Aber sonst kämpfst du mit denselben Problemen wie jeder andere Mensch auch.

»Dafür, dass ich gesund bin, bin ich dankbarer als für jeden meiner Erfolge«

Sie sind am Ende Ihrer Karriere zweimal schwer gestürzt. Anfang dieses Jahres hat sich Ihr Springerkollege Lukas Müller bei einem Sturz die Wirbelsäule verletzt, hat einen inkompletten Querschnitt. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Gerade bei meinem zweiten Sturz hätte es passieren können, dass ich jetzt im Rollstuhl sitze. Dafür, dass ich gesund bin, bin ich dankbarer als für jeden meiner Erfolge. Insgesamt bin ich durch die Stürze ängstlicher geworden, das war am Ende der Grund, warum ich aufgehört habe. Ich war nicht mehr bereit, jedes Risiko einzugehen, um ganz oben auf dem Stockerl zu stehen.

Verstehen Sie, warum sich viele Spitzensportler mit dem Übergang in das sogenannte "Leben danach“ schwertun?
Ja. Früher hast du deinen Plan gehabt, deine Ziele. Plötzlich ist das vorbei, und du stehst vor dem Nichts. Manch einer hat keine Ausbildung, kein Studium, muss von vorne anfangen. Vor allem heißt es neue Ziele finden und neue Visionen. Denn von Kindheit an hast du nur ein einziges Ziel verfolgt: Weltklassesportler zu werden. Wenn das wegfällt, muss du erst einmal etwas finden, was dich genauso erfüllt und Spaß macht.

Sie scheinen mit dem Helikopterfliegen sehr rasch einen neuen Lebensinhalt gefunden zu haben.
Das stimmt schon, trotzdem hat auch mir nach dem Karriereende die Sicherheit gefehlt, zu wissen, in welche Richtung es für mich weitergehen wird. So richtig ist sie noch immer nicht da. Keine Ahnung, was in fünf Jahren sein wird. Aber ich weiß, es wird mit Hubschrauberfliegen in Zusammenhang stehen. Im Moment verdiene ich damit kein Geld, investiere ich nur. Mir war jedenfalls immer wichtig, nichts zu überstürzen, nach dem Motto: Ich höre heute zum Springen auf und muss morgen einen Job haben.

»Ich will unbedingt arbeiten, nicht zu Hause rumsitzen«

Haben das viele von Ihnen erwartet?
Ich wurde immer wieder gefragt: "Und? Was tust du jetzt?“ Ich habe das Glück, eine sehr erfolgreiche Karriere gehabt zu haben. Darum brauche ich nicht sofort einen Job, um über die Runden zu kommen. Ich möchte mir ganz gezielt meine Visionen aufbauen können, um irgendwann sagen zu können, so werden meine nächsten 30 Jahre beruflich aussehen. Ich will unbedingt arbeiten, nicht zu Hause rumsitzen. Das ist kurz lustig, das habe ich nach meinem Rücktritt auch gemacht, dann reicht es aber auch.

Was vermissen Sie an Ihrem alten Leben?
Mir fehlt am ehesten der durchgeplante Tagesablauf. Früher habe ich immer gewusst, was der nächste Schritt ist, jetzt muss ich viel flexibler sein. Aber ich trauere dem Spitzensport nicht nach. Als Umstellung empfinde ich, dass ich sehr viel Zeit in meiner Heimat verbringen darf. Endlich kann ich sie richtig kennenlernen. Viele Platzerln habe ich vorher nur vom Hörensagen gekannt.

Sie müssen jetzt auch nicht mehr ständig auf Ihr Gewicht achten. Keine Angst davor, dick zu werden?
15 Kilo sind schon oben, aber das stört mich nicht. Vielleicht esse ich im Moment nicht ganz so gesund, wie ich es früher gemacht habe. Aber ich bin ehrgeizig genug, dass ich jederzeit das Gewicht haben kann, das ich will. Dann trainiere ich eben wieder mehr.

Sind Sie auch ein sportlich ehrgeiziger Vater? Hat Lilly bessere Anlagen für eine Tänzerin oder für eine Skispringerin?
Schwer zu sagen. Koordinativ ist sie für ihr Alter schon extrem weit. Aber sie soll das machen, was ihr Spaß macht. Ich versuche, ihr viele Möglichkeiten zu präsentieren, die sie, wenn sie mag, ausprobieren kann. Irgendwann trifft ein Kind sowieso die Entscheidung, was ihm taugt und was nicht. Vor allem aber will ich Lilly die Natur zeigen. Mir ist wichtig, dass sie viel draußen ist und nicht zu Hause vor dem iPad sitzt. Am Abend darf sie eine Sendung im Fernsehen sehen, aber zum Einschlafen lese ich ihr dann ein Buch vor.

»Wenn ich zu Hause bin, ist Lilly viel bei mir«

Sie sind von Lillys Mutter getrennt, leben seit zwei Jahren mit Ihrer Freundin Sabrina zusammen. Wie funktioniert die Patchworkfamilie?
Die Konstellation ist sensationell. Wenn ich zu Hause bin, ist Lilly viel bei mir. Ich hole sie vom Kindergarten ab, und manchmal schläft sie dann bei mir und meiner Freundin oder ich bringe sie wieder zur Mama zurück. Das klappt alles sehr unkompliziert. Etwas ungewohnt ist für mich eher, dass meine Freundin einen Job hat, wo sie um fünf Uhr morgens aufsteht, um sechs in die Arbeit geht und erst um fünf Uhr abends wieder zu Hause ist. Da kann man nicht einfach sagen, fahren wir einmal g’schwind wohin. Auch frei nehmen kann sie sich nicht einfach so. Das ist eine coole Erdung, so ein Angestelltenleben einmal zu sehen. Mir war das vorher eher fremd.

Sie starten auch bei den World Air Games und der Hubschrauberweltmeisterschaft. Da stellt sich schon die Frage, ob Sie überhaupt ohne Wettkämpfe leben können.
Was das betrifft, lebe ich vielleicht ein Stück meines alten Lebens weiter, nur eben auf einem anderen Level, nicht so hochprofessionell. Aber ja, solange ich jung und leistungsfähig bin, möchte ich dazulernen, um immer besser zu werden. Egal was ich tue. Und natürlich will ich noch gewinnen.

Zur Person


Der am 30. Oktober 1986 in Spittal an der Drau geborene Kärntner ist einer von nur vier Skispringern weltweit, die die vier wichtigsten Wettkämpfe ihres Sports gewonnen haben: Olympische Spiele (2006), Weltmeisterschaft (2011), Vierschanzentournee (2010/11) und Gesamtweltcup (2007/08 und 2010/11). In der Saison 2013/14 stürzte er zweimal schwer. Am 26. September 2014 gab er sein Karriereende bekannt. Er ist Vater der dreijährigen Lilly und hat eine Ausbildung zum Hubschrauber-Privatpiloten absolviert.

Kommentare


Scheinbar bin ich nicht der einzigeder von Herrn Morgenstern noch nie etwas gehört hat, obwohl er doch so bekannt und eine wichtige Persönlichkeit sein soll, denn niemand äußerst sich zu diesem Beitrag.
Und er war Weltmeister und Tanzmeister(?) und ist innerhalb von viereinhalb Monaten 27.000km mit dem Auto gefahren. Und daneben(!) hat er auch noch eine Tochter. Geil, wie er sagen würde.

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