Mord an Politkowskaja: Harsche Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin hält an

PLUS: Mutmaßlicher Auftragsmord an Bankchef

Mord an Politkowskaja: Harsche Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin hält an

Mit Empörung haben Journalisten und Menschenrechtsaktivisten auf die Einschätzung des russischen Präsidenten Wladimir Putin reagiert, die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja habe im eigenen Land eine unbedeutende politische Rolle gespielt. Die Moskauer Journalistin Elena Tregubowa forderte in einem offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland vorzugehen. Putin wies unterdessen in einem Zeitungsinterview Vorwürfe zurück, die pro-russische Regierung in Tschetschenien stehe hinter dem Mord. In Moskau wurde ein Bankfilialchef Opfer eines mutmaßlichen Auftragsmords.

Politkowskaja, die als eine der letzten Journalisten in Russland über Menschenrechtsverstöße in Tschetschenien berichtet und Putin offen kritisiert hatte, war am Samstag in ihrem Haus in Moskau erschossen worden. Putin hatte am Dienstag in Dresden die Aufklärung des "abscheulichen" Verbrechens zugesagt, jedoch zugleich die Bedeutung der Journalistin in Russland heruntergespielt. Diese sei mehr in Menschenrechtskreisen und in westlichen Medien bekannt gewesen, als zu Hause, sagte Putin der "Süddeutschen Zeitung". Der Mord habe den russischen und tschetschenischen Behörden bedeutend mehr geschadet als die Artikel Politkowskajas, sagte Putin.

Die Menschenrechtlerin Elena Bonner kritisierte Putin im Radiosender "Moskauer Echo": "Zu sagen, ihre Veröffentlichungen hätten Russland geschadet - das heißt zuzugeben, das die Wahrheit Russland schadet." Das "Committee to Protect Journalists" (CPJ) in New York erklärte, die von Putin ausgesprochenen Beschuldigungen gegen Politikowskaja straften seine Behauptung Lügen, er wolle sich für die Aufklärung des Mordes einsetzen. Keine Untersuchung in Russland könne aber ohne die volle Unterstützung des Präsidenten gelingen. Der Moskauer Generalstaatsanwalt leitet die Ermittlungen persönlich; Politkowskajas Zeitung "Nowaja Gaseta" hat allerdings eigene Ermittlungen angekündigt.

Tregubowa forderte in ihrem offenen Brief an Merkel ein Vorgehen gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland. "Sie war die konsequenteste und unbestechlichste Kritikerin Putins und seines politischen Regimes", schreibt die Journalistin nach Angaben der Wochenzeitung "Die Zeit" über Politkowskaja. Tregubowa erinnerte daran, dass Putin "konsequent alle unabhängigen oppositionellen Fernsehsender in Russland liquidiert" habe. Die Regierungskritikerin Tregubowa entging selbst nur knapp einem Bombenanschlag.

Der Kreml-nahe Politologe Sergej Markow verteidigte Putin. Dieser habe deutlich genug gemacht, dass die russischen Machthaber kein Interesse daran gehabt hätten, Politkowskaja zu töten. Er wies darauf hin, der Mord könne auf oppositionelle Kreise zurückgehen, die Putin schaden wollten. In dem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" wies Putin zudem den Vorwurf zurück, der Mord gehe auf den pro-russischen Ministerpräsidenten Tschtscheniens, Ramsan Kadyrow, zurück. "Ihre Veröffentlichungen haben weder seiner Politik geschadet noch seine Politische Karriere behindert."

Mord an Bankdirektor
In Russland wurde am Dienstag zudem ein Bankdirektor in seinem Moskauer Wohnhaus getötet. Der 38-jährige Filialleiter der russischen Wneschtorgbank 24 sei im Fahrstuhl getötet worden, sagte der stellvertretende Moskauer Staatsanwalt Alexander Poneweschski, der andeutete, dass es sich vermutlich um einen Auftragsmord gehandelt habe.

(apa)