Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher: Österreicher Aribert Heim steht ganz oben

94-Jähriger Mediziner soll noch am Leben sein Simon-Wiesenthal-Zentrum präsentiert neue Liste

Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher: Österreicher Aribert Heim steht ganz oben © Bild: APA/dpa

Der als "Dr. Tod" bekanntgewordene SS-Arzt Aribert Heim ist erstmals der weltweit meistgesuchte Nazi-Kriegsverbrecher. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem veröffentlichte mit seinem Jahresbericht eine neue Liste der Meistgesuchten. Danach hat der gebürtige Österreicher Heim den Nazi-Kriegsverbrecher Alois Brunner als Nummer 1 auf der Liste abgelöst. Zur Begründung hieß es, Brunner sei zwar der wichtigste bisher nicht bestrafte Nazi-Kriegsverbrecher, es sei aber angesichts seines hohen Alters unwahrscheinlich, dass er noch am Leben sei.

Österreich wurde für seine Bemühungen, Nazi-Kriegsverbrecher zu fassen, ein besseres Zeugnis ausgestellt als noch im Vorjahr. Auf ein "Nicht genügend" (F) folgt heuer ein "Befriedigend" (C). Deutschland konnte sich bei der Beurteilung nach der angloamerikanischen Schulnotenskala (A-F) noch stärker verbessern, von F auf B, die zweitbeste Note. Insgesamt wurde das Engagement von 40 Staaten bei der Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechern beurteilt.

Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, sagte, zunächst habe man Deutschland wieder die schlechteste Note geben wollen, ein F. Eine Anklageerhebung gegen den ehemaligen Gebirgsjäger Josef Scheungraber in München im Jänner habe aber "alles geändert". Er ist angeklagt, 1944 bei einem Massaker an italienischen Zivilisten teilgenommen zu haben. Die beste Note (A) erhielten die USA, wo das Office of Special Investigations (OSI) weiter erfolgreich gegen Nazi-Kriegsverbrecher vorgehe. Durchgefallen (F) sind unter anderem Australien, Kroatien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, die Ukraine sowie Schweden (das wegen Verjährung prinzipiell auf die Verfolgung von NS-Mördern verzichtet) und Syrien.

Häftlinge mit tödlichen Injektionen umgebracht?
Heim wird beschuldigt, im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen hunderte Häftlinge mit tödlichen Injektionen unter anderem direkt ins Herz umgebracht zu haben. Der 94-Jährige hatte nach dem Krieg unter anderem als Frauenarzt in Baden-Baden praktiziert. 1962 tauchte er vor Vollstreckung eines Haftbefehls unter. Zuroff vermutet, dass der Gesuchte mit Hilfe seiner unehelichen Tochter Waltraud in Südamerika lebt.

An vierter Stelle der meistgesuchten steht der in Österreich lebende frühere hochrangige Ustascha-Polizist Milivoj Asner, der für die Ermordung von hunderten Serben, Juden und Zigeunern im Zweiten Weltkrieg verantwortlich sein soll. Seine Auslieferung an Kroatien war zunächst daran gescheitert, dass er einen österreichischen Pass gehabt haben soll, und später aus medizinischen Gründen.

Brunner zuletzt 2001 gesehen
Bisher war Brunner der meistgesuchte Nazi-Kriegsverbrecher. Die Wahrscheinlichkeit, den 96-jährigen, in der ehemaligen österreich-ungarischen Monarchie gebürtigen Mann lebend zu ergreifen, seien relativ gering, schreibt das Wiesenthal-Zentrum. Er sei zuletzt im Jahr 2001 lebend gesehen worden und wurde in Syrien vermutet.

Als wichtige Entwicklung wird im Bericht die Auslieferung des deutschen Kriegsverbrechers Michael Seifert von Kanada an Italien gelobt, wo er in Abwesenheit verurteilt worden war. Zudem verzeichnete das Zentrum einen "erheblichen Anstieg" neuer Nachforschungen von 63 im vergangenen Jahr auf mehr als 200. Sehr enttäuscht sei man hingegen darüber, dass in Ungarn nicht gegen Sandor Kepiro vorgegangen werde, dem eine Teilnahme am Massenmord an hunderten Zivilisten im serbischen Novi Sad am 23. Jänner 1942 vorgeworfen wird.

Der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser kritisierte in einer Reaktion auf den Bericht den fehlenden Willen zur Verfolgung von NS-Tätern in Österreich. "Anders ist nicht zu erklären, warum es in den letzten Jahrzehnten zu keinen Verurteilungen gekommen ist", sagte er. Die Auslobung eines Geldbetrags für die Ergreifung von NS-Tätern sei zu wenig. Steinhauser forderte in diesem Zusammenhang auch die Auslieferung von Milivoj Asner an Kroatien.
(apa/red)