Kosovokrieg von

Zeuge berichtet von Organhandel

Mann behauptete im serbischen TV, er habe selbst Lebenden das Herz entnommen

Operation am Herzen Transplantation © Bild: © Corbis

Es wäre die Bestätigung für einen lange vermuteten wie grausamen Vorwurf. Das serbische Fernsehen hat am Montag ein Interview mit einem mutmaßlichen Beteiligten des illegalen Organhandels während des Kosovo-Konflikts ausgestrahlt. Er selbst habe einem nicht unter Betäubung stehenden jungen Serben das Herz herausgeschnitten, sagte der Mann in dem Interview mit dem staatlichen Fernsehsender RTS. Fachleute bezweifeln allerdings die Geschichte, die der Mann in allen schauerlichen Einzelheiten erzählte.

Die unglaublich brutalen Behauptungen stehen seit Jahren im Raum, bisher ohne klare Beweise. Vor zwei Jahren befeuerte der Schweizer Europaratsabgeordnete Dick Marty die Debatte neu. Wieder blieb es nur bei Anschuldigungen. Jetzt hoffen die serbischen Behörden, endlich die schlimmen Vorwürfe gegen den einstigen Kriegsgegner UCK auch beweisen zu können. Die Kosovo-Regierung sieht reine Propaganda und Politik am Werk. Belgrad habe die Jubelfeiern zur vollen Unabhängigkeit des Kosovos "beschmutzen" wollen, heißt es.

Eine Schule als OP

Der Albaner schildert detailliert, wie das Opfer, vorher halb tot geprügelt, in eine ehemalige Schule in Nordalbanien gebracht wird. Wie Schultische zu einem behelfsmäßigen OP-Tisch umfunktioniert werden. Wie mehrere Soldaten den Unglückseligen festhalten, als der Kronzeuge mit einem Skalpell die Schnitte vom Hals bis in die Bauchgegend führt. Er jammert, schreit und zuckt, berichtet der Mann im nationalen Fernsehen. Blut überall, der "Operierte" verliert das Bewusstsein.

Weil es kein Werkzeug zur Teilung des Brustbeins gab, sei ein Bajonett in Spezialausführung umfunktioniert worden, berichtete der Kronzeuge weiter. Damit seien die Rippen durchgetrennt worden. Die Blutgefäße seien mangels vorschriftsmäßiger Ausrüstung mit einer Art Angelschnur abgebunden worden, das Herz habe er "mit bloßen Händen" aus dem Körper gehoben. Das sei dann in einen Plastikbehälter mit Konservierung gelegt und per Privatjet in die Türkei gebracht worden.

Wenige zweifeln

"Schmerz, Verachtung, Trauer, Schande" und "Das sind doch keine Menschen!", reagierten tausende Serben in Kommentaren und Mails an die Medien. Das Land steht unter Schock. Nur wenige bezweifeln, dass ein Laie ein Herz entnehmen kann, das dann später einem anderen Patienten wieder eingepflanzt wird. Er sei an Plastik- und Gummipuppen angelernt worden, die über Nachbildungen aller menschlichen Organe verfügten, entgegnet der Kronzeuge.

Die vom Staatsanwalt präsentierten Zeichnungen des Täters erreichen nicht einmal Grundschülerniveau. Die Darstellungen des Herzens, der benutzten Instrumente oder die Skizze der Schnitte machen einen stümperhaften Eindruck. Jeder moderne Patienten-Aufklärungsbogen selbst vor einer noch so kleinen Operation wirkt dagegen wie eine hochwissenschaftliche Abhandlung. Die Handschrift des Beschuldigten sieht wie die eines Erstklässlers aus.

Nicht mit diesen Instrumenten

Ein Herzchirurg am Klinikzentrum in Belgrad bestreitet am Dienstag nicht die Möglichkeit, dass auch ein Angelernter unter improvisierten Bedingungen im Wald ein Herz explantieren kann. "Aber nicht mit Instrumenten wie einem Bajonett und nicht mit bloßen Händen", ist er sicher. Selbst in Belgrad, das traditionell um ein Vielfaches entwickelter ist als jede Region in Albanien, ist in den vergangenen elf Jahren kein Herz mehr transplantiert worden. Wer je eine Herz-OP erlebt hat, weiß, welcher medizinische Aufwand getrieben werden muss.

Schon früher hatten selbst serbische Ärzte unter vorgehaltener Hand bezweifelt, dass Organentnahmen in der albanischen Wildnis möglich gewesen sind. In einigen Region herrschen auch heute noch teils mittelalterliche Verhältnisse: Nur matschige Waldwege, kein Strom, kein fließendes Wasser. Jetzt soll sich nach dem Willen der serbischen Staatsanwaltschaft die EU-Rechtsstaatskommission (EULEX) mit ihren Experten um den Kronzeugen kümmern.

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