Im Kosovo erwacht Angst vor Konflikten: Experten warnen vor Eskalation der Gewalt

Erneut bewaffnete Zusammenstöße in Mazedonien

Kurz vor den Wahlen im Kosovo erwacht in Mazedonien die Angst vor bewaffneten Konflikten. In einer mehrstündigen Fahndungsaktion zerschlug die mazedonische Polizei vorige Woche eine bewaffnete Albaner-Gruppe an der Grenze zum Kosovo und stellte ein riesiges Waffenarsenal sicher. Sie würde für die Ausrüstung von 650 Mann ausreichen, erklärte die mazedonische Innenministerin Gordana Jankulovska. Die Verantwortung für die Schießerei mit der Polizei vor einer Woche übernahm eine bisher unbekannte albanische Organisation, der "Politisch-militärische Organisationsrat der Nationalen Befreiungsarmee".

Ihr Führer Lirim Jakupi, ein Flüchtling aus dem Gefängnis Dubrava im Westen des Kosovo und ehemaliger lokaler Befehlshaber der extremistischen "Nationalen Befreiungsarmee" (AKSh) im mazedonischen Dorf Kondovo, entkam der Polizei. Die AKSh war im Jahr 2001 in mehrmonatige Kämpfe mit den mazedonischen Sicherheitskräften verwickelt. Der drohende Bürgerkrieg wurde durch die Vermittlung der EU mit dem Ohrid-Abkommen im August desselben Jahres verhindert. Darin wurden mehr Rechte für die in Mazedonien lebende albanische Volksgruppe, die ein Viertel der Landesbevölkerung ausmacht, verankert.

Der Vorfall kurz vor dem erwarteten Ende der Kosovo-Statusverhandlungen und wenige Tage vor den Parlaments- und Kommunalwahlen in der UNO-verwalteten Provinz löste in Beobachterkreisen in der Region Befürchtungen vor neuen Konflikten nicht nur im Norden Mazedoniens aus. Umso mehr, als Jakupi als enger Mitarbeiter des Ex-Kommandanten der "Befreiungsarmee von Presevo, Medvedja und Bujanovac" (UCPMB), Sefqet Musliu, im Süden Serbiens bekannt ist. Diese war ebenfalls im Frühjahr 2001 in Kämpfe mit serbischen Sicherheitskräften verwickelt. Ihr Ziel war der Anschluss der drei Gemeinden an den Kosovo.

"Ohne einen Hinweis lokaler Politiker sind keine Zwischenfälle zu erwarten. Auf eigene Faust werden bewaffnete Gruppen keine Aktionen unternehmen", ist sich der Belgrader Militärexperte Zoran Dragisic sicher. Argumente für seine These glaubt Dragisic unter anderem in der Zusammensetzung dieser Gruppen zu sehen. Sie trügen unterschiedliche Namen, bei ihren Angehörigen handle es sich aber häufig um dieselben Personen.

Nexhmetin Spahiu, politischer Analytiker aus Kosovska Mitrovica, sieht unterdessen in möglichen Wahlmachenschaften die größte Gefahr für ein "schlechtes Szenario" in der Region. Dies könnte den Anlass für Unruhen liefern, die daraufhin einen anderen Charakter annehmen könnten, warnt Spahiu. "Kommt es dazu, dürften sie sich nicht nur im Kosovo, sondern in der ganzen Region ausweiten", ist der Leiter eines TV-Senders im albanischen Südteil von Mitrovica überzeugt. Das Auftauchen der bewaffneten Albaner-Gruppe in der Grenzregion Mazedoniens betrachtet Spahiu ebenso wie Dragisic als einen Versuch, die Region zu destabilisieren.

Die aktuelle tiefe Krise in Bosnien-Herzegowina, die Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo, die anstehenden Wahlen und die Vorfälle in Mazedonien sind nach Ansicht von Dusan Janjic, dem Leiter des Belgrader Forums für Beziehungen zwischen Ethnien, Ereignisse, die nicht nur zeitlich koinzidieren. Die jüngsten Geschehnisse in Mazedonien seien als ein "taktischer Einsatz des Terrorismus zu politischen Zwecken" zu betrachten. Sie sollen seiner Ansicht nach die Suche nach dem künftigen Status des Kosovo beschleunigen. Dies könnte aber zur Eskalation der Gewalt in der ganzen Region führen, warnt der Experte.
(APA/red)