Im Interview mit NEWS spricht Woody Allen
über Leben und Tod, Priester und Rabbis

'Religion ist fürchterlich, eine sehr schädliche Illusion' PLUS: Alles zu den Dreharbeiten mit Carla Bruni

Im Interview mit NEWS spricht Woody Allen
über Leben und Tod, Priester und Rabbis © Bild: APA/EPA/TODA

Wer nichts weiß, muss alles glauben. Unter dieser Prämisse steht das neue Werk des Großmeisters der gepflegten Kino-Neurose. Der obligate Reigen von Irrungen und Wirrungen emotional Gehandi­capter wird hier – quasi als Spin-off des Vorgängers „Whatever Works“ – durch die (un)heilsame Placebowirkung einer „falschen“ Wahrsagerin schwer befeuert. Im Einsatz wie immer ein Hochklasse-Ensemble – neben Anthony Hopkins und Antonio Banderas auch die aufregende Naomi Watts. Im NEWS-Gespräch philosophiert der Kino-Intellektuelle, der am 1. Dezember den 75. Geburtstag feiert, über Leben und Tod, Priester und Rabbis. Und die Dreharbeiten mit Carla Bruni in Paris.

News:  Weshalb würden Sie nie einen Wahrsager aufsuchen?
Woody Allen:  Das sind Scharlatane. Wahrsager, Priester, Rabbis – sie alle machen Geld mit dem Unglück anderer Menschen. Niemand kann die Zukunft vorhersagen oder dir sagen, wo dein gekidnapptes Kind ist. Die können dir gar nichts sagen. Das ist alles Nonsens. Jeder durch­schnittliche Zauber­künst­ler kann ein selbst ernann­tes „Medium“ in Sekun­den­­schnel­le über­führen – schneller als Wis­­sen­schaftler. Menschen klammern sich an solche Illusionen, um glücklich zu werden.

News:  Und Ihre Illusionen?
Woody Allen:  Ich wünschte, ich hätte Illusionen. Wie die, dass meine ­Arbeit nach meinem Tod weiterleben wird. Ich habe keine ­Illusionen. Ich habe nur Ängste und leide sehr viel. Ich wünschte, es wäre anders. Ich wurde in eine religiöse Familie hineingeboren. Meine Freunde waren religiös. Ich fand das schon als ganz kleiner Bub dumm. Aber meine Freunde hatten ein glück­liches Leben damit. Sie glaubten von tiefstem Herzen, es gäbe einen Sinn im Leben und einen Gott. Und wenn schon keinen Gott, so doch ­einen Sinn, eine ­höhere Bedeutung im Universum. Ich habe das nie gefühlt. Ich wollte es, aber ich konnte nicht.

News:  Wie entlarvend ist die Krise der katholischen Kirche?
Woody Allen:  Tief drinnen wusste das schon ­jeder, bevor sie offenbar wurde: Diese Männer mit ihren Roben, die sich, ihrer Sache so sicher, vor dich hinstellen und dir sagen, was Gott will – kein Mensch, den ich kenne, hat die je ernst genommen. Die nehmen nur dein Geld, stehlen es. Sie sind Scheinheilige, Heuchler, ­unehrlich. Von ihnen war nur das Schlimms­te zu erwarten. Nicht nur dass sie kleine Buben in der Kapelle missbrauchen – sie betrügen die Menschen, rauben sie aus, ja, töten sie. Und das schon lange. Religion ist eine fürchterliche Sache. Eine sehr schädliche Illusion.

News:  Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Ihre Weltsicht?
Woody Allen:  Nein, das finden sie selber schnell genug heraus. Ich möchte, dass sie un­beschwert aufwachsen. Sie sind noch klein, und es gibt viel, worüber ich noch nicht mit ihnen spreche. Aber sie werden älter und werden viel sehen. Hoffentlich finden sie eine ­Lebenseinstellung, die reicher ist als meine, komplexer, glücklicher. Vielleicht finden sie raus, dass mein Pessimismus völlig ­unbegründet ist. Nur weil ich denke, ich habe Recht, heißt das nicht, dass ich wirklich Recht habe. – Übrigens spielen sie auch in einer kurzen Szene im Film mit.

News:  Sie gaben Carla Bruni eine Rolle in Ihrem nächsten Film. Haben Sie keine Angst, dass Sarkozy auf den Final Cut bestehen wird?
Woody Allen:  Sehen Sie: Ich war in einem Raum mit beiden. Und sie sagte zu ihm: Was denkst du darüber? Soll ich die Rolle spielen? – Und er war sehr nett und charmant und sagte: Klar, wenn du das machen willst, dann tue es. – Ich sah es so: Wenn ein Krieg in Ägypten ausbricht, wird sie ausfallen, weil sie First Lady ist und keine Schauspielerin. Aber wenn keine Krise ausbricht, wird sie im Film sein, und er wird glücklich dar­über sein. Sie ist sehr relaxed und sehr einfach im Umgang. Sie ist ein richtiger Mensch und keine Fake-First-Lady.

(Nadja Sarwat, Cannes)

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