"Ich bin nicht ins Wanken gekommen"

Hannes Androsch über Kreisky und Vranitzky, Geld und Werte sowie Familie und Kinder

News-Kolumnist Peter Pelinka hat Hannes Androschs Biografie in Buchform aufgezeichnet. Ein Gespräch über Kreisky und Vranitzky, Geld und Werte, Familien und Kinder.

von Hannes Androsch © Bild: Markus Morianz

"Der Hannes, der kann es!" So wurde der erste Jungstar der Zweiten Republik beworben. Klischee?
Ich bin sehr jung in eine Regierungsfunktion gekommen - in eine besondere. Von Beginn an habe ich Kanzler Kreisky ersucht -die ersten Jahre sehr erfolgreich -, er solle mich demonstrativ unterstützen, weil jede Regierung so stark ist wie die Achse Regierungschef-Finanzminister.

Sie haben sich dieser Rolle gewachsen gefühlt?
Ich wuchs in einer Steuerberatungskanzlei auf, wurde von meiner Mutter schon vor meiner Einschulung ins Finanzamt mitgenommen. Später wurde ich an der Hochschule für Welthandel im Revisions- und Treuhandwesen als Steuer- und Wirtschaftsprüfer ausgebildet. Parallel dazu war ich von frühester Jugend an politisch aktiv. So konnte ich Kreisky guten Gewissens im April 1970 zusagen, als er mich als 32-Jährigen fragte, ob ich mir die Position des Finanzministers zutraue.

Dann bewegte sich Ihre Karriere anfangs stetig aufwärts, für Sie logisch?
Aufwärts ja, aber ich habe das nicht erwartet und noch weniger es darauf angelegt. Sie hat sich ja auch nicht geplant ergeben, bekanntlich hat Kreisky vorher andere Anwärter gefragt. Ich fühlte mich jedenfalls gut vorbereitet.

Wohl auch durch Ihre Tätigkeit als Studentenpolitiker. Sahen Sie schon damals, Anfang der Sechzigerjahre, Ihr Lebensziel in der "großen" Politik?
Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Ich bin ja auch in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen, war schon früh politisch interessiert und sozialdemokratisch sozialisiert.

»Kreisky hatte Verschwörungsfantasien. Aber ich nahm auf ihn zu wenig Rücksicht«

Nächstes Klischee: "der eiskalte Engel". Das wurde nicht nur wegen Ihrer Feschheit aufgebracht - Alain Delon -, sondern auch wegen Ihrer angeblichen Kälte. Eine gewisse Härte brauchten Sie auch angesichts des allmählichen Bruchs mit Ihrem anfänglichen Förderer Kreisky.
Natürlich war das eine große Enttäuschung. Die ersten Jahre waren von einem fast symbiotischen Verhältnis gekennzeichnet. Dann hat sich daraus aber eine allmähliche Eifersucht entwickelt, er hat - sicher auch durch Krankheiten verstärkt - Verschwörungsfantasien entwickelt. Ich will aber nicht verhehlen: Auch auf Kreisky nahm ich in späteren Jahren zu wenig Rücksicht, wenn ich mich im Recht fühlte.

Also doch "eiskalter Engel": hart, unnahbar, autoritär. Hat sie auch diesbezüglich die Weisheit des Alters erfasst?
Insofern, als ich gesehen habe, dass ich manche Schläge deswegen nicht ganz zu Unrecht erhalten habe. Dass ich sie bekommen habe, nicht wie ich sie bekommen habe. Da ist ein Außenbild der Arroganz entstanden, das nicht meiner emotionalen oder sozialen Befindlichkeit entsprochen hat.

Nächstes Bild: "Leider-nein- Millionär", mit 100 Anzügen vom Luxusschneider Knize.
"Leider-nein-Millionär", das war eine verfälschende Verkürzung. Und im Schrank hatte ich nie 100 Anzüge. So werden gestreute Gerüchte zu unausrottbaren Legenden, so wie auch die Mär von einem angeblich verlängerten Dienstauto.

Hannes Androsch
© Markus Morianz

Das waren Nadelstiche gegen Hannes Androsch, angebliches Symbol für die Verbürgerlichung der Sozialdemokratie.
Mein Fehler war, dass ich meinen ohnehin erst später erworbenen Wohlstand nur als politische Bedrohung wahrgenommen habe, nicht als Asset. Der heutige Finanzminister Schelling redet offen über seine Vermögenssituation, niemand nimmt ihm das übel. Im Gegenteil: Man sieht dies als Grundlage seiner Unabhängigkeit an.

Er steht aber auch nicht für die SPÖ, die zumindest damals den Anspruch erhob, die Arbeiterpartei zu sein.
Aber deswegen muss sich nicht automatisch ein Neid auf Besserverdiener entwickeln. Den gab es schon damals eher bei Funktionären als bei Mitgliedern oder Wählern. Ich bin sicher nicht aus pekuniären Gründen in die Politik gegangen. Ohne protzen zu wollen: Ich habe als Abgeordneter und Wirtschaftsprüfer mehr verdient als dann als Minister.

»Wer in der Politik das Gelübde von Keuschheit und Askese ablegt, ist ein Heuchler«

Heute sollten Politiker nach Meinung von politischen und medialen Populisten noch weniger verdienen als damals.
Wer in die Politik geht, sollte doch nicht das Gelübde von Armut und Keuschheit ablegen müssen. Wer es dennoch tut, ist meist ein Heuchler.

In diesem Zusammenhang traf Sie der zentrale Vorwurf bezüglich der Steuerberatungskanzlei Consultatio: Diese hätte durch Ihr politisches Amt überdurchschnittlich profitiert.
Auch bei der Consultatio haben sich letztlich alle Vorwürfe aufgelöst. Das war leider am Ende das Ziel Kreiskys: "Hauptsache, wir bekommen Beschlüsse, die ihn aus der Politik entfernen." Das hat der ÖVP und einigen Medien gefallen. Und in der SPÖ Kreisen, denen ich ideologisch als liberaler Sozialdemokrat nicht gefallen habe.

Heute sind Sie wirklich reich ...
Ich habe mit sieben Jahren erlebt, wie mein Großonkel und meine Großtante von einer Stunde auf die andere Haus und Hof verlassen mussten. Aber auch, wie sie sich danach trotzdem eine neue Existenz aufbauen konnten und im hohen Alter zufrieden gestorben sind. Geld ist für mich ein Organisationsmittel, ich habe keine erotische Beziehung dazu, noch weniger eine raffgierige.

Lebt es sich in der Welt der Wirtschaft besser als in jener der Politik?
Natürlich lebt es sich in der Welt der Wirtschaft einfacher, du musst dich nicht ständig rechtfertigen. Andererseits bietet die Welt der Politik mehr faszinierende Perspektiven. In der Wirtschaft sind die Gestaltungsmöglichkeiten vergleichsweise einfach, orientieren sich an vorliegenden Bilanzen oder am Jahresergebnis. Die Bilanz in der Politik dagegen, das Wahlergebnis, hängt mit mehr emotionalen, auch irrationalen Faktoren zusammen.

In welcher Welt haben Sie sich wohler gefühlt?
Am wohlsten fühle ich mich in meiner jetzigen Situation: als industrieller Investor, der politisch und publizistisch agieren kann, ohne Rücksichtnahme auf den öffentlichen Raum, auch ohne geheuchelte Askese.

Sie haben über die Prägung durch Ihr Elternhaus berichtet. Wie stark prägten Sie selbst Ihre Kinder und Enkel?
Für meine Töchter habe ich leider während meiner politischen Tätigkeit zu wenig Zeit gehabt, bei meinen vier Enkelkindern - ein Mädchen, drei Buben - versuche ich solche Fehler zu vermeiden. Vor allem auch bei meinem Sohn, der eben maturiert hat. Als er zur Welt kam, wünschte ich mir, ihn zur Matura begleiten zu können, jetzt, beim Abschluss seines Studiums dabei zu sein. Vor allem aber, dass wir beide noch möglichst viele gemeinsame Jahre erleben können, in meinem Alter viel schwieriger als in seinem. 2010 habe ich eine extrem schwierige Phase erlebt: Dass meine Mutter mit fast 99 Jahren starb, war natürlich sehr schmerzlich, aber vorhersehbar. Dazu bekam ich selbst einen nicht gerade erfreulichen Befund von Altersleukämie. Sie erwies sich als relativ leichter Fall, sonst wäre ich heute nicht hier. Die größte Sorge bereitete mir aber der damals 13-jährige Gregor: Auch bei ihm schien die Diagnose Leukämie fix zu sein. Als ich auf dem Weg zu ihm ins Spital war, hat er mich angerufen: "Papa, wann bist du endlich da? Du strahlst so eine Ruhe aus." Dabei war ich alles andere als ruhig. Die Ruhe stellte sich erst ein, nachdem sich alles zum Besseren gewendet hatte.

Sie haben neben Ihrer drei Generationen umfassenden Kernfamilie in Wien eine Art zweite Familie in Graz, mit Gregor und seiner Mutter. Eine ungewöhnliche Situation, die Sie nach anfänglichem Schweigen nun offen leben.
Es war nicht einfach, vor allem für keine der Beteiligten. Ich kann nur immer wiederholen: Für mich ist Liebe keine Bruchrechnung.

»Für mich ist Liebe keine Bruchrechnung. Sozial bin ich ein treuer Mensch«

Gab es nie den Gedanken an Scheidung?
Von mehreren Seiten. Aber ich bin sicher sozial ein treuer Mensch. Man darf nicht vergessen, dass meine Frau sich in Zeiten größter politischer und wirtschaftlicher Belastung stets äußerst loyal verhalten hat.

Existiert noch der frühere Frauenliebling Androsch?
Ich war als junger Mann eher gehemmt, ohne deswegen zölibatär gelebt zu haben. Meine spätere Popularität als Politiker wird wohl auch auf die weibliche Welt ihre Wirkung gehabt haben. Vielleicht habe ich auch im eher strengen Daheim eine Freizügigkeit vermisst und diesen Mangel manchmal kompensiert.

Etliche Wegbegleiter berichten von Ihrer Schwierigkeit, persönliche Gefühle zu zeigen.
Das mag zusammenhängen mit der Unsicherheit der Kriegs- und Nachkriegszeit, die ich erlebt habe, oder mit der Invalidität meines Vaters oder mit den zahlreichen Schul- und Ortswechseln. Vielleicht baut man so eine Panzerung auf.

Weil Sie die vielen Ortswechsel angesprochen haben: Was bedeutet "Heimat" für Sie?
Ich mag den Begriff nicht sehr, weil er immer wieder missbraucht worden ist. Mir gehen manche Duseleien in diesem Zusammenhang ziemlich auf die Nerven. Vor allem wenn sie sich prinzipiell gegen die Weltoffenheit richten, politisch etwa gegen eine Vertiefung der EU, wirtschaftlich gegen die Globalisierung. Da wird oft versucht, durch eine Abgrenzung nach außen eine innere Erhöhung zu erzielen.

Aber zu bestimmten heimischen Regionen hat der Wahl-Ausseer Androsch doch eine besondere Beziehung?
Ja, ich habe speziell zum Ausseerland eine tiefe Beziehung. Mir ist die Oberflächlichkeit von geistigen Flachwurzlern zuwider, überall gewesen, aber nirgendwo hingekommen zu sein. Ich habe dort örtliche Bindungen, das hat aber mehr mit den Menschen zu tun als mit dem Ort. Ich bin auch Kosmopolit, vor allem Europäer, der den westlichen Werten der Aufklärung, der Demokratie und des Humanismus zugetan ist. Und ich bin Patriot in dem Sinn, dass ich stolz darauf bin, wie sich Österreich in den letzten 70 Jahren entwickelt hat.

Ist der vielfache Millionär Androsch noch Sozialdemokrat?
Von der Wertestruktur jedenfalls, abgeleitet von Humanismus und Aufklärung, von Toleranz und Solidarität.

»Die Mitte schrumpft, die radikalen Ränder werden stärker, die Handlungsfähigkeit sinkt«

Es gibt kaum einen Sozialdemokraten, der seine Partei oder deren Spitzenvertreter so kritisiert wie Sie. Warum?
Natürlich auch, weil ich in einer für Österreich besonders erfreulichen Periode große Verantwortung tragen konnte und nun unter zahlreichen Versäumnissen leide. Es schmerzt, den Abstieg der Sozialdemokratie miterleben zu müssen, auch wenn dies in ganz Europa der Fall ist und auch andere große Gruppierungen betrifft. Die Mitte schrumpft, die radikalen Ränder werden stärker, die politische Handlungsfähigkeit sinkt dramatisch.

Fast so bitter wie Kreisky über Sie urteilten Sie lange über Vranitzky. Sind Sie heute etwas altersmilder?
Vranitzky wurde zusammen mit Beppo Mauhart mein wichtigster Mitarbeiter im Finanzministerium. Fred Sinowatz hat ihn zum Finanzminister gemacht, nach dem Motto: "Da habe ich den Androsch ohne Androsch." Ich war erfreut über sein Avancement. Dann hat er mich aber enttäuscht, sowohl sachlich als auch persönlich.

Weil er nicht die Überprüfung der Finanzverfahren gegen Sie verfügte?
Ja, das war der Knackpunkt. Es hätte Möglichkeiten gegeben, die Sache zu objektivieren, ohne dass er sich als Minister hätte einmischen und sich Befangenheit vorwerfen lassen müssen.

Und als Kanzler?
Hat er die FPÖ nach dem Sturz Stegers zu rasch fallen lassen, ohne Haider wirklich inhaltlich zu stellen. Ich muss aber zugeben, dass Vranitzky dadurch der SPÖ noch eine Wahl retten konnte, die schon verloren schien. Danach hat er davon profitiert, dass Österreich durch die internationale Isolierung Kurt Waldheims gelähmt war und er dieses Vakuum geschickt gefüllt hat. Heute ist er mir egal.

Und seine Nachfolger?
Klima hat Österreich als Finanzminister gut in den Euro geführt. Als Regierungs-und Parteichef war er weniger glücklich und hat die Absicht Schüssels zu spät durchschaut: Der hat dem Regisseur Luc Bondy bereits am Tag nach der Wahl 1999 auf dessen entsetzte Frage, ob er etwa ein Bündnis mit Haider erwäge, gesagt, ihm werde nichts anderes überbleiben. Gusenbauer ist gebildet und geschickt, aber er hat zu wenig soziale Kompetenz. Und Faymann wollte eigentlich Wiener Bürgermeister werden.

Was gibt Ihnen persönlich Halt?
Meine klaren Wertvorstellungen. Dazu habe ich ein starkes Nervenkostüm, das manche Tiefschläge aufgefangen und dazu geführt hat, dass ich manchmal verhärtet oder ohne Empathie erscheinen mag. Halt geben mir aber vor allem auch Menschen, die zu mir gehalten haben und halten. Für diese Menschen fühle ich mich zuständig, für sie übernehme ich auch soziale Verantwortung. So haben meine beiden Töchter bereits das neue Hotel in Altaussee übernommen und mein Sohn wird das in absehbarer Zeit bei jenem in Maria Wörth tun.

Gab es Momente, in denen Sie richtig down waren?
Natürlich gab es die, ich fühlte mich einige Male hilflos angesichts unfassbarer Vorgänge um mich, gequält, ohnmächtig, natürlich nicht im physiologischen Sinn. Aber ich bin nicht ins Wanken gekommen.

Zur Person
Hannes Androsch ist wohl die wichtigste noch lebende Persönlichkeit aus der Ära Kreisky. Vom "Sonnenkönig" mit 32 zum Finanzminister, später zum Vizekanzler gemacht, wurde er 1981 als Generaldirektor in die CA gedrängt, später gerichtlich verurteilt und politisch ganz demontiert. Danach baute er ein kleines Imperium als industrieller Investor auf (u.a. AT&S, Salinen AG) und blieb politisch aktiv (Bildungsvolksbegehren, Bundesheerinitiative, als Vorsitzender des Rates für Forschung &Technologieentwicklung).

Das Buch
Lebensbilanz und Ausblick Hannes Androsch schildert zum ersten Mal sehr privat und ausführlich sein Leben, seine Werte, seine Aufs und Abs, seine Beziehung zur Familie, zu Gott, seiner Gesundheit und zum Tod. Dazu: Zitate seiner Lebensmenschen. Hannes Androsch: "Niemals aufgeben". Aufgezeichnet von P. Pelinka. Ecowin, 24,90 €

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