Die Grausamkeit der Erinnerung

Der Onkel, sein Hund und seine wertlosen Möbel

von Shoah Namensmauer Gedenkstätte © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

An Samstagnachmittagen kam Onkel Lajos zu uns zu Besuch. Er hatte einen Schäferhund und eine knochendürre, angeblich ewig kranke Frau, die ihn bei seinen langen Spaziergängen nie begleitete. Onkel Lajos war nicht mein richtiger Onkel. Wir nannten ihn so, weil er mir und meinen Brüdern die Verwandtschaft ersetzte. Wir kannten unsere Großeltern nicht. Sie hatten den Holocaust nicht überlebt. Ihre Namen fand ich auf den Tafeln des neuen Mahnmals in Wien, und sie erinnerten mich an die Gespräche mit Onkel Lajos. Die ganze Woche wartete ich voller Hoffnung auf den Samstag. Regen oder Schnee verdarben mir diesen Tag, weil Onkel Lajos nicht kam und niemand mich auf diese Spaziergänge mitnahm mit den wahrscheinlich interessantesten Geschichten meiner Kindheit.

Onkel Lajos überlebte ein Konzentrationslager. Er war nicht der Einzige, den ich kannte. Sein Schicksal entsprach der Normalität unter Freunden und Bekannten, die bei uns ein und ausgingen. Zurückgekehrte Emigranten, Flüchtlinge, die sich einer alliierten Armee angeschlossen hatten, und Häftlinge, die befreit wurden.

Onkel Lajos sprach nicht gern über die Zeit im Lager wie viele der Frauen und Männer, die zu uns zu Besuch kamen. Nur im Sommer, wenn sie Blusen oder Hemden mit kurzen Ärmeln trugen, sah ich bei manchen die tätowierten Nummern. Eines dieser Gespräche mit Onkel Lajos hat meine Meinung über die NS-Zeit auf ewig beeinflusst, als wir an einem der sonnigen Samstage durch den Park gingen und ich ihn fragte, warum er überlebt habe, jedoch niemand von meinen Verwandten.

Die Wahrheit

Er blieb stehen, sah kurz auf seinen Hund und antworte: "Ich will nicht darüber sprechen, aber eines kann ich dir sagen: Wer diesen Wahnsinn überstanden hat, wird niemals die Wahrheit sagen."
"Wie meinst du das?", fragte ich ihn.
"Du konntest nicht durch Anständigkeit überleben und nicht, wenn du alle Regeln der SS befolgst", sagte er. Ich verstand ihn nicht und fragte, was er meinen würde. "Du mit deiner ewigen Fragerei, ich komme dir einfach nicht aus", antworte er und ging weiter. Nach ein paar Metern fing er dennoch an, zu erzählen. Es war das erste und das letzte Mal, dass er so lange und ausführlich über seine Zeit im Lager sprach. Ich fragte ihn nach diesem Gespräch auch nie wieder.

Die Angst

"Es ging jeden Tag darum, ob du oder ein anderer diesen Tag überlebt", sagte er leise. "Ob sie dich töten oder den Mann neben dir oder den hinter dir. Ob beim Durchzählen von eins bis zehn, weil einer beim Appell fehlte, sie jeden Dritten herausnehmen und erschießen und du der Vierte oder Zweite bist. Ob du krank bist und dich der Blockälteste meldet, ein Häftling wie du, der dir, während dich das Fieber schüttelt, schon längst die Schuhe ausgezogen hat, um sie gegen etwas Essbares einzutauschen. Vielleicht war er früher ein Schuster oder ein Dichter oder ein Gauner. Dort im Lager ist er ein Jude, ein Russe, ein Krimineller, ein Politischer, der es geschafft hat, über Leben und Tod anderer Häftlinge zu entscheiden. Er hatte plötzlich eine Funktion und war fest davon überzeugt, dass es ihm das Leben retten würde, bis ihn einer wegen des geringsten Fehlers bei der SS meldete, weil er seine Position wollte."

Ich hatte Onkel Lajos noch nie so erlebt, erschrak über seine harten, leisen Worte, hatte plötzlich Angst vor ihm und suchte einen Stock, um mit dem Hund zu spielen. Er griff nach meinem Arm und sagte: "Lass es." Wir gingen schweigend weiter, bis er sich auf eine Bank setzte.

"Ich weiß nicht, warum deine Großeltern nicht überlebten. Niemand kann dir ehrlich sagen, warum einer lebend aus einem Lagern gekommen ist und ein anderer nicht. Glaub kein Wort, was sie erzählen, wie sie überlebt haben. Sie können nicht beschreiben, was wirklich war, sie würden sich selbst verraten. Ich versteh bis heute nicht, warum so viele tot sind und ich hier mit dir in der Sonne sitze."
"Vielleicht warst du einfach nur geschickter und schlauer?", fragte ich ihn. Er sah mich an, sein Gesicht erstarrte und seine Augen wurden enger.
"Du bist der Sohn für mich, den ich nie hatte. Nur deshalb hau ich dir jetzt keine runter." Er strich mir mit der Hand über den Kopf.

Die Funktionshäftlinge

"Weißt du, was schlau oder geschickt im KZ bedeutete? Dass ein anderer an deiner Stelle stirbt. Stell dir ein Lager wie eine Fabrik vor mit Abteilungsleitern und Vorarbeitern, ein System mit einer Struktur wie in einem Unternehmen oder in deiner Schule. Der Unterschied ist der, dass jeder Vorgesetzte, und damit meine ich nicht die SS, sondern die privilegierten Gefangenen, über Leben und Tod der Untergebenen entscheiden konnte. Im Lager waren nicht einfach nur Häftlinge. Vom Lagerältesten abwärts gab es die Blockältesten, Stubendienste, Lagerschreiber, sogar Tischälteste für die Nahrungsverteilung, die entscheiden konnten, wer den wässrigen Teil der Suppe oder den fetten Bodensatz bekam." Ich saß schweigend neben ihm, wagte nicht, ihn anzusehen, bis er weitersprach.

"Ein perfektes, mörderisches System, in dem jeder gegen jeden kämpfte und so eine Solidarität unter den Häftlingen verhindert wurde. Dann noch die Kämpfe der Politischen, der Juden und der Kriminellen gegeneinander. Eine Fremdsprache konnte dich retten. Deutsch war das Minimum für eine Position unter den Funktionshäftlingen, wie man sie nannte. Ich sprach Deutsch und Ungarisch, also setzte man mich als Blockältesten in der ungarischen Baracke ein. Eine niedrige Nummer konnte über Leben und Tod entscheiden. Die SS holte dich aus der Gruppe für Sonderaufgaben, weil du länger hier warst und dich auskanntest. Funktionshäftlinge bekamen besseres Essen, hatten die besseren Baracken und wurden von der Schwerarbeit befreit. Doch jeden Tag warteten Hunderte Häftlinge auf den geringsten Fehler von dir, um dich sofort zu melden. Funktionshäftlinge, die ihre Aufgaben nicht erfüllten, wurden nicht nur ersetzt, sondern sofort erschossen."

Wieder schwieg er ein paar Minuten. Ich saß ruhig auf der Bank und bewegte mich nicht. Bis er diesen einen Satz sagte, an den ich mich wieder erinnerte: "Sie haben nicht nur meine besten Freunde und deine Großeltern ermordet. Ich musste jede Menschlichkeit aufgeben, um zu überleben."

Das Wiedersehen

Ich besuchte damals die zweite Klasse Gymnasium, war keine zwölf Jahre alt, und die grausamen Geschichten meines Onkel Lajos blieben lange Zeit eben nur grausame Geschichten wie die der Gebrüder Grimm, bis ich ihn später langsam begann, zu verstehen.

Während meines Studiums und der Zeit im Ausland verlor ich den Kontakt zu ihm. Viele Jahre später, als ich am Rückweg von Asien in die USA ein paar Tage in Wien blieb, erfuhr ich durch Zufall, dass er krank sei und kaum noch mit jemandem sprechen würde. Ein Bekannter gab mir die Adresse und Telefonnummer, doch niemand meldete sich. So fuhr ich einfach zu der Wohnung.

Eine junge Frau öffnete, stellte sich als Krankenpflegerin vor und führte mich in ein Zimmer, wo Onkel Lajos im Bett lag. Er erkannte mich sofort, versuchte, sich aufzusetzen, und hatte Tränen in den Augen. Auch ich konnte mich nicht mehr beherrschen und umarmte ihn.

Der Nachlass

Ich blieb nur eine halbe Stunde. Es fiel ihm schwer, ganze Sätze zu sprechen, und er hörte kaum, was ich sagte, weinte immer wieder und griff nach meiner Hand. Die eingebrannte Nummer auf seinem dünnen Arm voller Falten war kaum noch erkennbar. Dann fiel plötzlich sein Kopf zurück, und er schlief ein, reagierte nicht mehr auf meine Worte. Die Pflegerin bat mich, ihn schlafen zu lassen.

Ein paar Tage später, bevor ich weiterreisen wollte, versuchte ich, ihn noch einmal zu besuchen. Als ich die Wohnung erreichte, trugen Männer in blauen Latzhosen Möbel über die Stiegen und luden sie auf einen Lastwagen. Ein Mann in einem billigen Anzug informierte mich, dass der Eigentümer verstorben sei. Wegen der hohen Schulden des Verstorbenen müsse die Einrichtung beschlagnahmt werden. "Ist eh alles nichts wert", sagte er verächtlich.