Familiendrama in St. Pölten von

"Du hast mich zum Mörder gemacht"

37-Jähriger schreibt grausame SMS an Ehefrau - Dann tötet er seinen Sohn in Schule

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    Familiendrama in St. Pölten

    Der 37-jährige Engin K. (im Bild) hat seinen Sohn (7) am 25. Mai aus der Schule geholt und ihm in den Kopf geschossen. Anschließend verübte der Vater Selbstmord.

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    Familiendrama in St. Pölten

    Der Bub hat den Kampf ums Überleben verloren. Er erlag seiner schweren Verletzung im Landesklinikum St. Pölten.

Ein 37-Jähriger holt seinen Sohn, 7, aus der Schule, schießt ihm in den Kopf und begeht Selbstmord. Doch davor schickt er seiner Frau noch eine schreckliche Nachricht. Es sollte die letzte und zugleich grausamste SMS sein, die Engin K. versandte. „Du hast mich zum Mörder gemacht“ stand in jener Textnachricht zu lesen, die der 37-Jährige vergangenen Freitag gegen 8.30 Uhr an seine Ehefrau schickte.

Als Senay K. geschockt und in Panik die Polizei informierte, war es allerdings schon zu spät: Nur wenige Minuten zuvor hatte der gebürtige Türke seinen Sohn Berk – unter dem Vorwand, dem Kind Jausengeld geben zu wollen – aus der Klasse 2A der Adolf- Schärf-Volksschule in St. Pölten geholt und in die Schulgarderobe geführt. Dort zog K. plötzlich eine 9-mm-Pistole, setzte dem Siebenjährigen die Waffe an den Kopf und drückte ab.

Zeugin der Tat: Berks kleine Schwester Berin, die K. jedoch verschont hatte. Dem Vernehmen nach eine bewusste Entscheidung, um das Mädchen zu traumatisieren und Berks Mutter so noch mehr Leid zuzufügen. Kurz darauf verließ K. die Schule, fuhr mit seinem Auto auf die A33 bei St. Pölten und schoss sich während voller Fahrt in den Kopf. Wenige Stunden später fand die Polizei im Zuge einer Großfahndung Auto und Leiche des Täters in einem Graben neben der Autobahn.

Frage nach dem „Warum?“.
Der kleine Berk sollte seinen Vater um gerade einmal zwei Tage überleben. Trotz einer sofort eingeleiteten Notoperation erlag der Bub Sonntagmittag auf der Kinderintensivstation des Landesklinikums St. Pölten seiner Verletzung. Die Kugel hatte zu massiven Verletzungen des Gehirngewebes und einer lebensbedrohlichen Hirnschwellung geführt.

Heile Familienwelt?
Was geht in einem Mann vor, der seinem Kind in den Kopf schießt, die Schwester dabei zusehen lässt? Eine Frage, die seit vergangenem Freitag ganz Österreich beschäftigt. Fest steht: Bis vor kurzem galten die K.s als gut integrierte Familie. Engin K., 2002 nach Österreich eingewandert, lebte mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer einfachen Wohnung im ersten Stock eines schmucklosen Hochhauses im St. Pöltener Stadtteil Wagram. Berk und seine Schwester galten als gute Schüler, hatten viele Freunde, waren bei jedem Schulausflug dabei.

Engin und Senay arbeiteten beide, um die Familie über die Runden zu bringen. Zuletzt hatte der Mann vor einem Spar-Supermarkt unweit der Wohnung einen Kebapstand mit dem Namen „Wagramer Kebap Pizza“ betrieben, während seine Frau als Verkäuferin arbeitet. Die Familie galt als großzügig und freundlich, Engin soll regelmäßig Freunde und Verwandte eingeladen und üppig bewirtet haben.

Spielsucht & Gewalt.
Doch hinter der Fassade der tadellos integrierten Familie zeigte K. andere, bösartige Qualitäten. So soll der Mann regelmäßig in Automatencafés rund um seine Wohnung seine Einkünfte, den Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie, verspielt haben. Und es soll auch viele Jahre zu Gewalt gegenüber seiner Frau gekommen sein. „Er hat sie“, so ein Bekannter, der anonym bleiben möchte, „immer wieder geschlagen. Vor allem, wenn er wieder einmal Geld beim Spiel verloren hat, ist er ausgerastet. Denn dann war er besonders wütend.“

Zuletzt schließlich wurde es seiner Frau zu viel: Vor zwei Wochen zeigte Senay K. ihren Mann wegen Morddrohung an und reichte gleichzeitig die Scheidung ein. Manche in der Familie mutmaßen, dass das schon das „Todesurteil“ für den kleinen Buben gewesen sein könnte.

Denn in der Folge sprach die Polizei ein Betretungsverbot aus, verwies den 37-Jährigen der gemeinsamen Wohnung. Doch immer noch hatte die Frau große Angst um sich und um ihre Kinder, zog deshalb vor wenigen Tagen mit Berk und Berin zu ihrem Vater Mehmet K., der mit seiner Frau in der Nähe wohnt. Gemeinsam mit dem nahenden Scheidungstermin für Engin K. offenbar der ausschlaggebende Grund, tödliche Rache zu üben.

Noch Freitag früh fuhr er gegen 8.00 Uhr, wie jeden Tag, zu seinem Kebapstand, lenkte den Wagen dann aber gleich weiter zur nahen Volksschule seiner beiden Kinder. Er betrat das Schulhaus, holte den Bub und das Mädchen aus den beiden Klassen – und erschoss seinen Sohn.

Völlige Fassungslosigkeit.
NEWS ist bei der „Trauerfeier“ der Familie im Verein der alevitischen Kulturgemeinschaft dabei. Hier hielt sich auch Familie K. regelmäßig auf, man traf sich mit Freunden und Verwandten zum Kartenspielen, um Fußballübertragungen zu schauen. An diesem Tag bleibt der Fernseher abgeschaltet. Dutzende schwarz gekleidete Frauen und Männer der gemäßigten islamischen Glaubensgemeinschaft sind versammelt, um gemeinsam mit Berks Familie den Tod des Buben zu betrauern, einander beizustehen. „Wir Aleviten“, so ein Gemeindemitglied, „vertreten eine Philosophie der Toleranz und Nächstenliebe. Was geschehen ist, war kein Ehrenmord, wie es fälschlicherweise in den Medien berichtet wurde. Was passiert ist, war die Tat eines Wahnsinnigen.“

Differenzierter sieht es die Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner im Interview: „Menschen, die so etwas tun, sind Egoisten, die ihr Kind als Besitz sehen – und es lieber zerstören, als es herzugeben.“ Um ihre Trauer zu zeigen, hinterlassen Berks Freunde vor der Volksschule Blumen, Zeichnungen, kleine Stofftiere. Auf einer roten Kerze eine letzte Botschaft: „Lieber Berk! Ruhe in Frieden. Im Herzen bist du bei uns. Lukas, Philip und Anna.“ Tags darauf wurde der Bub am St. Pöltener Friedhof St. Georgen begraben.

Den toten Mörder und Selbstmörder wollte in der St. Pöltener Gemeinde niemand haben. Und so musste schließlich Engins Bruder, ein Anwalt aus Salzburg, anreisen, um die Leiche zu überführen …