Wiener Staatsoper von

Elektra: Eine Premiere ohne Sinn

Heinz Sichrovsky über Richard Strauss „Elektra" in einer Neuproduktion

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Die Sinnhaftigkeit des Unternehmens stand schon in Zweifel, als es noch einer Art Konzept gehorchte: Der bedeutende Strauss-Dirigent Franz Welser-Möst hätte diese „Elektra"-Premiere dirigieren sollen, der avancierte Sven-Eric Bechtolf war als Regisseur vorgesehen. Erst kapitulierte Bechtolf vor dem Übermaß seiner Salzburger Verpflichtungen, dann verließ Welser-Möst im Konflikt mit Staatsoperndirektor Dominique Meyer das Haus.

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Der Finne Mikko Franck, dem man zuletzt für die Blitzübernahme einer von Bertrand de Billy hingeworfenen „Lohengrin"-Premiere noch dankbar gewesen war, versuchte sich nun mit ausreichend Probenzeit an der „Elektra"-Partitur und blieb nachvollziehbar unbedankt. Das sängerunfreundliche, tendenziell farbneutrale Dauergetöse aus dem Graben zog verdiente Missfallenskundgebungen nach sich. Die Philharmoniker haben im Umgang mit diesem Herzinfarktstück über ein Jahrhundert Maßstäbe gesetzt. Unter Francks Anleitung gelangen sie zum denkbar verblüffendsten Resultat: Die blutigen Verstrickungen der Atriden-Sage langweilen.

„Elektra" einer Neuinszenierung zu unterziehen, war schon 1989 ein Wagnis gewesen. Damals galt es, Wieland Wagners epochaler Arbeit aus dem Jahr 1965 etwas entgegenzusetzen. Harry Kupfer entledigte sich der Aufgabe kongenial, seine „Elektra" war einer der wenigen Standards im szenisch verrotteten Staatsopern-Repertoire. Das wurde nunmehr vom Wiesbadener Intendanten Uwe Eric Laufenberg um eine weitere Mediokrität bereichert. In der inflationären Abgeschmacktheit der vom Ehepaar Glittenberg erzeugten KZ-Ästhetik ereignet sich ein Nichts an Personenführung, dem man gerade noch praktikable Unauffälligkeit nachsagen könnte, hätte Laufenberg seine wenigen Einfälle nicht an den nunmehr nachhaltig zerstörten Schluss verräumt. Der bühnenhohe Aufzug, dessen Sinn sich schon zuvor nicht erschlossen hatte, transportiert außer den tranchierten Leichen des Königspaars auch einen übersortierten Flohmarkt mythologischen Gerümpels. Und die nackten, blutüberströmten Damen, deren Funktion sich am Beginn nicht erschließen wollte, kommen am Ende als frohsinnige Tanzgruppe wieder – die provinzlerische Scheu vor der apotheotischen Gewalt des Finales artikuliert sich in inferiorer Ironie.

Gesungen wird überwiegend vorzüglich: Nina Stemme, vom Dirigenten und der Kostümbildnerin arg bedrängt, ist eine grandiose, für heutige Verhältnisse vergleichslose Elektra. Fabulös auch, wie sich die Einspringerin Ricarda Merbeth den extremen gesanglichen Anforderungen der Chrysothemis stellt. Falk Struckmann investiert in den Orest immer noch beeindruckende Stimmgfragmente, Norbert Ernsts Ägisth kommt aus der Rollentradition eines Gerhard Stolze oder Heinz Zednik. In kleineren Rollen gefallen Ildiko Raimondi und Thomas Ebenstein. Ein Komplettausfall aber ist Anne Larssons Klytaemnestra: Die vom Gewissen und der Angst vor Sanktionen gefolterte Gattenmörderin verkommt in dieser Deutung zur Produzentin einer leidlich gesungenen Viertelstunde Nichts.

Weiterführende Informationen
Elektra in der Wiener Staatsoper
Termine
01. Apr. 2015 | 20.00
04. Apr. 2015 | 20.00
07. Apr. 2015 | 20.00
11. Apr. 2015 | 18.30
16. Apr. 2015 | 20.00

www.wiener-staatsoper.at/

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