Christoph Lehermayr

Die Schengen-Lüge

Christoph Lehermayrs Reporter-Blog

Christoph Lehermayr - Die Schengen-Lüge

Es war ein Verdacht, der mich nach Serbien führte. Tag für Tag kamen neue Meldungen über Flüchtlingsaufgriffe im Osten Österreichs herein. Da ein Reisebus mit doppeltem Boden, dort ein Lieferwagen mit zusammengepferchten Geschleppten. Und das, obwohl ja unser Land von Schengen-Staaten umgeben ist. Bei entsprechender Kontrolle der Außengrenze sollte es so Flüchtlingen nicht mehr möglich sein, Österreich überhaupt zu erreichen.

Spätestens in Ungarn zeigte sich, welch Trugbild dies ist. Die dortigen Grenzschützer vertrauen auf Hightech, scannen die Grenze zu Serbien mit Wärmebildkameras ab und griffen auf 62 Kilometer Länge so schon fast 2.000 Menschen im heurigen Jahr auf. Wie viele ihnen hingegen entwischten, vermag keiner zu sagen. Noch einmal so viele? Drei Mal so viele? Es bleibt eine Vermutung. Genauso wie die Annahme von der Festung Europa und deren undurchlässigen Außengrenzen.

Europa als Illusion.
Auf der anderen Seite der Grenze, in Serbien, dann das Erwachen. Subotica, eine schmucke Stadt in der Vojvodina, dient als Sammelpunkt des Flüchtlingstrecks in Richtung Norden. Aber wo sind sie? Wir durchkämmen das Umland, fragen herum und werden fündig. Unterhalb eines Friedhofes lagern die Gestrandeten auf einer Wiese. Haben sich dort behelfsmäßig eingerichtet, Unterschläge gezimmert und aus Pappkartons Quartiere errichtet. Hilfsorganisation, die zumindest mal Wasser oder Lebensmittel verteilen würde, ist weit und breit keine in Sicht. Die Menschen hier kommen von dort, wo Not und Armut herrschen und der Glaube an ein besseres Europa weiterlebt. Dass dieses Europa längst nicht mehr auf sie wartet, hat ihnen keiner gesagt. Dass in diesem Europa die Jugendarbeitslosigkeit in manchen Staaten bereits bei 40 Prozent liegt ebenso wenig.
Und wenn schon, diese Menschen haben nichts mehr verlieren. Das Wenige, was sie besaßen, haben sie zurückgelassen, an Schlepper verpfändet. Sie werden nicht weichen, nicht vor Wärmekameras zurückschrecken und auch nicht vor zusätzlichen Grenzbeamten aus Österreich. Sie werden bleiben, nichts unversucht lassen, diesen Traum, der Europa für sie ist, zu ihrem zu machen.

Wann bricht das Gerüst?
Nur dieses Europa verleugnet diese Tatsachen. Kümmert sich nicht um die Schicksale an seinen Außengrenzen. Und glaubt wirklich, sein selbst gezimmertes Schengen-Gerüst sei sicher. So sicher, dass es gleich um Rumänien und Bulgarien erweitert werden soll. Wenngleich jeder, der mit der Migrationsmaterie auch nur ein wenig vertraut ist, weiß, dass dies fatal wäre. Doch der Druck der EU-Kommission zum einen und die Ignoranz mancher Staatenlenker zum anderen, scheinen stärken zu sein. Die Schengen-Lüge von den sicheren Grenzen lebt weiter. So lange, bis das ganze Gerüst, auf dem sie errichtet ist, aufgrund des größer werdenden Drucks an den Grenzen zusammenbricht.

Ihre Meinung: lehermayr.christoph@news.at