Kritik von

Russlands Seelen-Musik

Zobl über Mussorgskis „Chowanschtschina“ im Repertoire der Wiener Staatsoper

Chowanschtschina © Bild: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Werke wie Modest Mussorgskis Opernfragment „Chowanschtschina“ bereichern jedes Opernhaus, auch wenn sie, zu Unrecht, als langatmig gelten. An der Wiener Staatsoper wird das Werk mit Sängern wie Evgeny Nikitin und Elena Maximova zum Ereignis. James Conlon sorgt am Pult des Wiener Staatsopernorchesters für musikalischen Feinsinn.

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Unbekannt, möglicherweise für mitteleuropäische Gemüter schwer nachvollziehbar ist die Geschichte der „Chowanschtschina“. Erzählt wird ein Kapitel von Russlands Historie Ende des 17. Jahrhunderts. Nach einer Glaubensreform werden Anhänger des alten Glaubens verfolgt. Zur gleichen Zeit plant Fürst Chowanski eine Verschwörung gegen das Zarenhaus. Einfach ist es nicht, dieses religiös und politisch motivierte Jeder-gegen-Jeden auf die Bühne zu bringen. Der russische Theatermann Lev Dodin behilft sich mit einem Baugerüst und Aufzügen. Auf- und Abgänge der Personen werden von Aufzugfahrten ersetzt, wer abtritt, fährt unter die Bühne. Massenaufmärsche, wie des um den Slowakischen Philharmonischen Chor verstärkten Wiener Staatsopernchors, werden damit verhindert.

Nach drei Stunden Aufführungsdauer mag das statisch wirken, ist aber in jeder Hinsicht einleuchtend-praktikabel und lässt genug Raum, sich auf das Musikalische zu konzentrieren. Und das wird in der Besetzung der Wiener Staatsoper fulminant umgesetzt.

Die Partie des Iwan Chowanski war bei der Premiere mit Ferruccio Furlanetto glanzvoll besetzt. Nun folgt Dmitry Belosselskiy, ein Sängerdarsteller erster Klasse. Er singt den Fürsten nicht nur er ist es. Ereignishaft ist auch das Staatsoperndebüt Evgeny Nikitins. Wenn er als Bojar Schaklowity „sein“ Russland beweint, wird jede Phrase, jeder Ton spürbar und lässt erahnen, was mit wirklich russischer Seele gemeint ist.

Elena Maximova (Marfa), Ain Anger (Dossifei), Christopher Ventris (Andrei Chowanski), Norbert Ernst (Schreiber) und Herbert Lippert (Golizyn) sorgen für musikalische Höchstspannung. Auch die kleineren Partien sind mit Caroline Wenborne (Emma), Lydia Rathkolb (Susanna), Marian Talaba (Kuska) vorzüglich besetzt. James Conlon setzt am Pult des Wiener Staatsopernorchesters Schostakowitschs Fassung von Mussorgskis Opernfragment mit analytischem Feinsinn um.

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