Fakten von

Burgtheater-Affäre:
Wie Stantejsky befördert wurde

Externe Gutachterin listete Schwächen auf

Silvia Stantejsky © Bild: APA/Roland Schlager

Trotz inhaltlicher Bedenken wurde Silvia Stantejsky im Jahr 2008 zur Geschäftsführerin des Burgtheaters befördert. Die große Frage lautet: Seit wann bestand ihr System?

Josef Ostermayer hat dieser Tage alle Hände voll zu tun, auch in seiner Funktion als Minister für Kunst und Kultur. Vor mehr als zwei Wochen erblickte der geheime Rohbericht des Rechnungshofs zu den Ungereimtheiten im Burgtheater das Licht der Öffentlichkeit. Die wesentlichen Beanstandungen: Finanziell und bilanziell lag einiges im Argen, aufgrund mangelhafter Kontrolle habe sich die Misere in den Spieljahren 2008/09 bis 2013/14 ausgeweitet; im Zentrum der Kritik steht Ex-Finanzdirektorin Silvia Stantejsky. Doch auch Ex-Direktor Matthias Hartmann (künstlerischer Leiter von 2009 bis 2014), der langjährige Aufsichtsratschef Georg Springer und Ex-Ministerin Claudia Schmied bekommen laut "Presse" ihr Fett ab.

Ostermayer soll daraus seine Schlüsse ziehen, er wird sich aber auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wie, aber auch wann, konnte die Finanzchefin einer so bedeutenden Bühne ein System etablieren, das offensichtlich seit mehr als zehn Jahren bestand und nun von der Korruptionsstaatsanwaltschaft durchleuchtet werden muss?

News liegt die Selbstanzeige des Burgtheaters bei der Finanz vor, die neben Hauptfigur Stantejsky auch alle ehemaligen kaufmännischen und künstlerischen Geschäftsführer der letzten Dekade umfasst. Aus dieser Unterlage geht hervor, dass das Burgtheater selbst davon ausging, dass bereits "vor dem Jahr 2004 Zahlungen" an Mitarbeiter geleistet wurden, für die keine Steuern und Abgaben entrichtet wurden. Detailliert dokumentiert ist systematische Steuerhinterziehung ab dem Jahr 2004. Kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters war zu dieser Zeit noch Thomas Drozda, ihm zur Seite stand schon damals Stantejsky als Stellvertreterin und Prokuristin. Drozda sagt: "Stantejsky war unter anderem für Personalverrechnung zuständig, ich für Marketing, Controlling, Vertrieb, Finanzen, Stakeholder, Aufsichtsrat. Wir hatten eine relativ klare Aufgabenverteilung." Die Burg sei damals vom Finanzamt geprüft und nicht beanstandet worden. Vom Steuerproblem habe er erst 2014, nach einer internen Burgtheater-Prüfung erfahren. "Deshalb hat man uns zur Selbstanzeige geraten."

»Letztlich basiert alles im Leben auf Vertrauen.«

Hätte Drozda, heute Chef der Vereinigten Bühnen Wien, genauer hinsehen sollen? "Ich hatte keinen Anlass, der Buchhaltung und der Personalverrechnung zu misstrauen. Letztlich basiert alles im Leben auf Vertrauen." Ähnlich argumentiert Klaus Bachler, von 1999 bis 2009 künstlerischer Direktor: "Ein Beleg von Steuerhinterziehung ist mir nicht bekannt. Steuerabrechnung und Steuerabführung lagen nicht im Bereich des künstlerischen Geschäftsführers, sondern bei der Verwaltung. Und die Kontrolle bei einer externen Betriebsprüfung." Bachlers Stellvertreterin Karin Bergmann, heute Direktorin, teilt mit, sie sei zwischen 1999 und 2010 "als Vertreterin des künstlerischen Direktors für sämtliche Agenden im Bereich Ensemble, Besetzungen, Spielplan zuständig" gewesen. "Der Bereich Finanzen/Steuern lag nicht in meinem Aufgabenbereich. Ich hatte weder Prokura, noch war ich mit Konten befasst und habe daher auch in diesem Bereich keine Kontrollpflichten verletzt."

Barzahlungen an Bergmann

Bergmann hat von Bachler in dessen letztem Jahr - als dieser teilweise bereits an der Münchner Oper arbeitete - für Mehrleistungen 32.400 Euro erhalten. Hat sie diese Zuwendungen versteuert? Bergmann: "Ich habe mein Finanzamt über Bachlers private Donation abgabegerecht informiert." Hat auch Bergmann vom Burgtheater Barauszahlungen erhalten? Bergmann: "Meines Wissens nach wurde jede Barauszahlung im Rahmen meines Arbeitsverhältnisses korrekt abgerechnet."

Vor wenigen Monaten wäre dieser Umstand noch eine Schlagzeile wert gewesen. Heute verwundert es kaum noch; immerhin wurden über Jahre in Summe Millionen bar an Künstler und anderes Personal geleistet. Einer der Hauptvorwürfe im laufenden Finanzstrafverfahren rund um die Burg lautet: Geldzahlungen bar auf die Hand und am Fiskus vorbei. Laut den Ermittlungen der Behörden sollen alle Fäden bei Silvia Stantejsky zusammengelaufen sein. Stantejsky selbst bestreitet alle Vorwürfe vehement; für sie gilt ausnahmslos die Unschuldsvermutung. Nur zum Vergleich: Die Staatsoper hatte die Barauszahlungspraxis schon vor vielen Jahren praktisch auf Null gestellt.

Das Finanzdebakel am Burgtheater könnte allerdings nicht nur wegen der vorherrschenden Handgeldpraxis vorprogrammiert gewesen sein. Dieser Eindruck entsteht, wenn die Bestellung der Prokuristin Stantejsky zur Finanzdirektorin unter die Lupe genommen wird. Der künstlerische Direktor Klaus Bachler schrieb am 11. März 2008, obwohl bereits in München designiert, einen Brief an die damalige Ministerin Schmied, in dem er sich massiv für eine Beförderung von Stantejsky einsetzte: "Ich darf noch einmal sagen, dass ich hoffe, Ihre Wahl wird auf Frau Mag. Silvia Stantejsky fallen, die als langjährige Prokuristin dieses Hauses dafür meiner Meinung nach bestens geeignet ist und auch in der gegenwärtigen Übergangssituation ideal wäre." Bundestheater-Chef (und Burgtheater-Aufsichtsrat) Georg Springer beauftragte eine externe Gutachterin. Diese hielt in der Beurteilung über Stantejsky unter "Schwächen" fest: "Es fehlen ihr breite betriebswirtschaftliche Sichtweisen und der Vergleich mit anderen internationalen Standards in verschiedenen Finanzbelangen."

Springer sagt heute dazu: "Der scheidende künstlerische Direktor Bachler hat Stantejsky gefordert, der kommende Direktor Hartmann hatte Vorbehalte. Ich bin wie ein reitender Bote zwischen den beiden hin und her, um zu vermitteln." Springer hat dann extra eine Kommission eingesetzt, die feststellte, dass Stantejsky die Einzige sei, die alle Kriterien der Ausschreibung erfülle. Der Kompromiss: Nach zwei Jahren könne man den Fünfjahresvertrag einseitig kündigen. Im Rückblick meint Springer generell: "Frau Stantejsky war im Burgtheater ein Hero, das gute Herz, die gute Seele. Dass sie auch Vermögens-und Steuerberaterin eines Großteils des Personals war, konnte ich nicht wissen." Detail am Rande: In einem arbeitsrechtlichen Gutachten zur Affäre heißt es etwa, "die Abläufe in der kaufmännischen Direktion der Burgtheater GmbH basierten offenbar auf jahrzehntelangen gewachsenen Strukturen".

Der Opernball-Konsulent

Das Steuerthema und die Barauszahlungen hat Kulturminister Ostermayer mittlerweile in den Griff bekommen. News-Recherchen deuten allerdings darauf hin, dass auch das Vergabewesen untersuchenswert sein könnte: Im Zentrum steht ein mittlerweile 76-jähriger Lieferant, der über Jahrzehnte textile Revisionsarbeiten für das Burgtheater und andere Bühnen durchführte. Vorliegende Rechnungen nähren den Verdacht, dass darin verzeichnete Leistungen gar nicht oder zumindest nicht in vollem Ausmaß erbracht wurden. Und: Das Geld floss auch nicht jenen Firmen zu, auf deren Briefpapier die Rechnungen geschrieben waren. Der eigentliche Aussteller war der ältere Herr, ein persönlicher Freund maßgeblicher Theatergranden; die Verleihung des Titels Kommerzialrat an den hervorragend vernetzten Burglieferanten hatte einst sogar in den Räumlichkeiten der Bundestheater-Holding stattgefunden.

Die Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt jedenfalls: Im September 2013 wurden Hausdurchsuchungen beim Herrn Kommerzialrat und bei einem Bundestheater-Mitarbeiter durchgeführt. Bundestheater-Chef Springer musste angesichts massiver Vorwürfe alle Theater schriftlich anweisen, mit dem Kommerzialrat und den von den Ermittlungen betroffenen Lieferanten ab sofort nicht mehr zu arbeiten.

Wenige Wochen später erhielt der geächtete Haus-Freund bei der Bundestheater-Tochterfirma "Art for Art" einen Konsulentenvertrag: für seine unverzichtbare Mitwirkung am Opernball 2014.

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