Aserbaidschan von

Reisen wie ein Khan

Urlaubscheck in Aserbaidschan zeigt: Im Tourismusbereich gibt es Aufholbedarf

Über zweitausend Jahre hochwertige Architektur auf wenigen Quadratkilometern Wüstensand - das ist Baku, die Hauptstadt des Acht-Millionen Landes Aserbaidschan am Kaspischen Meer. © Bild: Dr. Wilfried Seywald/pressetext.redaktion

Wer Aserbaidschan erkunden will, braucht entweder Zeit oder ausreichend Geld. Die ehemalige Sowjetrepublik im östlichen Kaukasus durchlebt mit den seit 15 Jahren wieder reichlich sprudelnden Einkünften aus Erdöl und Erdgas eine stürmische wirtschaftliche Entwicklung. Die Folgen sind vergleichsweise hohe Preise in der Millionenmetropole Baku und an den Stränden der Kaspischen See, während auf dem weiten Land die Infrastruktur fehlt. Reichtum und Armut liegen hier nahe beieinander - der atemberaubende Bauboom ist allerorten präsent.

Die autokratische Führung in Baku hat sich klare Ziele gesetzt. Bevor das schwarze Gold in 20 Jahren austrocknet, sollen die Grundlagen für nachhaltigen Wohlstand geschaffen sein. Dazu gehören asphaltierte Straßen in die Peripherie, eine wettbewerbsfähige Industrieproduktion und mehr Unabhängigkeit von ausländischen Importen ebenso wie die Sanierung bedeutender Kulturdenkmäler, Olympische Zentren in jeder größeren Stadt, die Einrichtung von Nationalparkgebieten und Wintersportzentren oder die Entwicklung von sanftem Öko-Tourismus. Dass die Zivilgesellschaft bei den vielen gleichzeitigen Projekten kaum hinterher kommt - das Land liegt im Korruptionsindex an 150. Stelle weltweit - ist naheliegend.

Aufholbedarf in der Wirtschaft wie im Tourismus

Meinungs- und Pressefreiheit hin oder her, die spärlich gesähten Touristen werden hier auf Händen getragen. Die Gastfreundschaft ist unverfälscht und ehrlich, das Sprichwort vom "Reisen wie ein König" gilt hier wie nirgendwo sonst. Aserbaidschan hat aber so gut wie keine Tradition oder Erfahrung im Umgang mit Massentourismus, das Land konzentrierte sich in den vergangenen 150 Jahren fast ausschließlich auf die Förderung und Ausfuhr von Erdöl und Erdgas - wovon die zahlreichen Ölfelder, rostige Bohrtürme und Stromleitungen kreuz und quer durch das Land und an den Küsten des Kaspischen Meers zeugen. Diese Umweltschäden sind kaum zu beheben.

Geradezu als Kompensation arbeitet das Land nun hyperaktiv an Projekten, um seinen kulturellen und natürlichen Reichtum adäquat zur Schau zu stellen. Kilometerlange Sandsteinmauern an den Autobahnen, barocke Regierungspaläste oder künstlich aufgeschüttete Stadtteile (Khazar Islands) vor der Küste sind weniger gelungene Beispiele; die Errichtung von neun Nationalparks in nur zehn Jahren, die Sanierung von dutzenden Kultstätten, Moscheen und Befestigungsanlagen in und um Baku oder der Aufbau neuer Museen (z.B. Petroglyphen in Qobustan) lassen sich aber durchaus sehen. Allein, es fehlen noch die interessierten Besucher.

Tourismus Know-how im Aufbau

Nur wenige Touristen aus dem westlichen Ausland verirren sich in einen der Nationalparks oder in ein Museum. Das liegt nicht nur an der fehlenden Ausschilderung von Wegen, Sehenswürdigkeiten oder Lokalitäten, sondern auch an der minimalen touristischen Infrastruktur außerhalb der Hauptstadt Baku und an den mangelnden Fremdsprachenkenntnissen der Landesbewohner. Während die älteren Aserbaidschaner noch ein wenig russisch sprechen, fehlen den jüngeren zumeist sogar einfachste Englisch-Kenntnisse. Der interessierte Besucher ist also andauernd auf Hilfe angewiesen, muss gleichsam durchs Land "geführt" werden.

Beliebt ist Aserbaidschan vor allem bei Russen und Iranern. In beiden Ländern leben große Minderheiten von Aserbaidschanern, die das vergleichsweise "freizügige" Klima des Landes und die willkommene Abwechslung der Boomtown Baku schätzen. Über 20 Millionen Aserbaidschaner sind es allein im Iran. Sie flüchten in den Ferien und auch an Wochenenden vor den Mullahs und ihren rigorosen Moralvorstellungen an die kaspischen Strände und Bars zwischen Lenkeran und Xacmaz. Die Russen investieren in Immobilien, Handel und ins Erdölbusiness. Für beide Besuchergruppen sind sprachliche und logistische Probleme eher fremd.

Für Gäste aus dem europäischen Ausland hingegen sind die großen Entfernungen ebenso wie fehlende Veranstalter-Packages und hohe Preise das größte Hindernis. Von Wien oder München aus gesehen liegt Aserbaidschan doppelt so weit entfernt als die Türkei oder Bulgarien. Schnäppchen-Tourismus ist unbekannt, auch Qualitätstourismus noch kein Thema, selbst wenn die politische Führung aus Prestigegründen quer durchs Land und am Rande der Nationalparks Sechs- und Siebensternhotels, Wellness- und Kurhäuser bauen lässt. Doch diese Erholungsangebote werden in Zentraleuropa weit günstiger und besser bedient. Bleibt also nur eine Offensive in die Ausbildung zukünftiger Touristiker.

Hier arbeitet die aserbaidschanische Seite mithilfe EU-finanzierter "Twin"-Programme mit Ausbildungsinstitutionen und Beratern in Österreich, der Schweiz und Deutschland zusammen - derzeit zwar noch auf bescheidenem Niveau, aber immerhin mit dem mittelfristigen Ziel, den Tourismus als einen nachhaltigen Wirtschaftszweig aufzubauen. Die Voraussetzungen sind vorhanden - für Naturliebhaber ebenso wie für Kulturinteressierte, Städtereisende und Badeurlauber. Die Hauptstadt Baku und ihr Umfeld sind jedenfalls eine Reise wert.

Deutsche Kolonien im Kaukasus

Und wer sich auf die Spuren der deutschen Siedler begeben möchte, die vor 200 Jahren in den Kaukasus ausgewandert sind, wird 350 Kilometer weiter westlich von Baku fündig - nahe der zweitgrößten aserbaidschanischen Stadt Ganca. Von den pittoresken Aussiedlerstädtchen Helenendorf (Göygöl/Xanlar), Annenfeld (Samkir), Georgsfeld (Cinarli) und Traubenfeld (Tovus) ist noch überraschend viel zu sehen. Den alt-württembergischen Häusern und Kirchen konnten selbst Stalins Landreform und Deportationspolitik nichts anhaben.

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