100 Jahre nach großen Erdbeben: San
Francisco sitzt weiter auf dem Pulverfass

6 Millionen Menschen warten auf nächsten "Big One" "Earthquake-Kit" & Co: Die Warnrufe immer lauter

Genau 100 Jahre ist es her, seit ein verheerendes Erdbeben in der Küstenregion um San Francisco tausende Tote forderte. Zum Jubiläum ist die Angst vor einem neuen "Big One" allgegenwärtig. Solch ein Szenario könnte das Ausmaß der Verwüstung durch Hurrikan "Katrina" in den Südstaaten noch übertreffen. Bis zu 5.000 Tote, 225.000 Obdachlose, zerstörte Stadtviertel, Straßenzüge und Brücken, lautet die Prognose.

Als Chefin der Rettungsdienste von San Francisco schärft Annemarie Conroy den Einwohnern der Westküstenstadt ein, dass sie auf einem Pulverfass sitzen. "Wer das Glück hat, das schwere Beben zu überleben, muss sich darauf einstellen, die ersten drei Tage alleine klar zu kommen".

Warnrufe treffen derzeit auf offene Ohren. Seit Wochen werden die Bürger am San-Andreas-Graben an das Trauma von 1906 erinnert. An jenem 18. April vor 100 Jahren riss die berüchtigte Verwerfung auf einer Länge von 470 Kilometern auf. Das schlimmste Beben in der Geschichte der USA legte das "Paris des Westens" in Schutt und Asche, tötete 3.000 Menschen und machte die Hälfte der Bevölkerung obdachlos. San Francisco war mit 400.000 Einwohnern damals die größte Stadt westlich des Mississippi, Bankenzentrum, Hafen und Tummelplatz für Abenteurer und Genießer.

Heute leben rund sechs Millionen Menschen in der Bay Area um San Francisco, Oakland und San Jose. Am Jahrestag des Bebens startet das Rote Kreuz das ehrgeizige Projekt "Prepare Bay Area": Eine Million Menschen sollen in Erster Hilfe geschult werden, Notfallvorräte anlegen und einen Evakuierungsplan für den eigenen Haushalt ausarbeiten.

"Earthquake-Kit" als Überlebenshilfe
Die 109-jährige Lucille Meyer zählt zu den etwa 80 Prozent der Anrainer, die noch kein "Earthquake-Kit" mit Wasser, Notproviant und Taschenlampe griffbereit am Eingang stehen haben. Die älteste Überlebende des Bebens von 1906 wohnt mit ihrer 81-jährigen Tochter in einem Vorort von San Francisco. Sie war neun Jahre alt, als ihr Elternhaus in Flammen aufging. Sie erinnere sich noch gut, mag aber nicht darüber sprechen.

Die Stadt feiert ihre Überlebenden wie Berühmtheiten. Die immer kleiner werdende Gruppe der "Survivors" - jetzt noch ein gutes Dutzend - trifft sich alljährlich im Morgengrauen an einem Brunnen in der Innenstadt, der damals das Beben überstand. Zum 100. Gedenktag werden 20.000 Schaulustige, viele in historischen Kostümen, erwartet. Das Palace Hotel lockt mit einem Erdbeben-Paket für 1.500 Dollar, Übernachtung und Galadinner. Über eine Million Dollar lässt die Stadt für die Jahrhundert-Feier springen.

Auch 1989 bebte die Erde Kaliforniens
17 Jahre sind seit dem schwächeren Loma-Prieta-Beben vergangen, das 67 Menschenleben forderte und eine Fahrspur der Bay Bridge zwischen San Francisco und Oakland zum Einsturz brachte. Die erdbebenanfällige Brücke sollte bis zum Jahr 2004 durch eine neue Konstruktion ersetzt werden, doch noch sind täglich 200.000 Autos auf der alten, reparierten Brücke unterwegs.

Die Kosten für den Neubau sind auf sechs Milliarden Dollar (4,95 Milliarden Euro) gestiegen. Vor 2013 ist kaum mit der Fertigstellung zu rechnen.

(apa/red)