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Radikale Reduktion: HGM eröffnet Ausstellung "Gewalt - Gesellschaft"

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Nachfolge-Schau zum umstrittenen Saal "Republik und Diktatur"
Ein neues Farbdesign, viel Raum für Vertiefung und eine - Achtung! - gekippte Dollfuß-Couch. Am Donnerstag eröffnet das Heeresgeschichtliche Museum (HGM) nach dreijähriger Neukonzeption die Ausstellung "Gewalt - Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955", die die stark in die Kritik geratene Vorgängerin "Republik und Diktatur" ablöst. Die stark reduzierte Schau, die auf die Erkundung von Gewalt aus verschiedensten Perspektiven setzt, überzeugt.

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Für Direktor Georg Hoffmann ist die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ein wesentlicher Meilenstein in der Reform des Hauses, das er vor drei Jahren von M. Christian Ortner übernommen hat. Schließlich wurde von den beiden Kuratoren Niko Wahl (extern) und Thomas Edelmann (HGM) nicht nur an der Neuaufstellung gearbeitet, sondern Hoffmann setzte wirtschaftliche, strukturelle und infrastrukturelle Maßnahmen. So stieg die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 75 auf 104, der Frauenanteil in Leitungspositionen von 15 auf 42 Prozent und die Anzahl der Vermittlungsprogramme von 2.185 auf 2.709 Veranstaltungen.

Das war es dann aber mit den Steigerungen: In "Gewalt - Gesellschaft" setzt man auf radikale Reduktion. Über 900 Objekte hatten sich in der alten Ausstellung, die über die Jahre immer wieder erweitert und deren mangelnde Kontextualisierung von Experten kritisiert wurde, angesammelt. Nunmehr treffen die Besucher auf 154 Objekte, davon 85 Fotos und Dokumente. Hinzu kommen 32 audiovisuelle, teils interaktive Medienstationen. Eingebettet ist diese luftige Präsentation von fast 40 Jahren Geschichte in sechs Kapiteln in die betont reduzierte Ausstellungsgestaltung von Marc Schuran und Virgil Widrich. Im Zentrum der Halle findet sich eine lange, in Signalorange gehaltene Sitzbank, die zum Verweilen und Lesen einlädt, während die Wände in einem zurückhaltenden Olivgrau gehalten sind, das je nach Lichtsituation zwischen grau und braun changiert.

Apropos Lichtsituation: Ein wenig dunkel ist das kühle Licht gehalten, das den Blick auf die Objekte lenkt, wobei Schatten als Teil der Inszenierung verstanden wird, wie es auf Nachfrage hieß. Die Objektbeschreibungen sind ebenso wie jene Tafeln mit insgesamt 42 Biografien, die auch persönliche Geschichten im Rahmen der Geschichte greifbar machen sollen, in gebürstetem Metall gehalten, was je nach Lichtsituation zu Spiegelungen führt. Dass der Fokus hier stark auf jenen Menschen liegt, die die titelgebende Gesellschaft bilden, wird bereits beim Betreten der Ausstellung deutlich: Auf einer Wand werden Fotos von jenen Menschen (Opfer, Täter, Widerstandskämpfer und Mitläufer) gezeigt, deren Geschichten hier (auch) erzählt werden sollen.

"Wir fragen nicht nur, wie Kriege geführt wurden, sondern wie Gesellschaften in Gewalt geraten", erläuterte Hoffmann beim Presserundgang am Dienstag. Die betreffenden Jahrzehnte würden zeigen, "dass Krieg, Diktatur und Verfolgung nicht plötzlich entstehen. Sie wachsen dort, wo demokratische Institutionen geschwächt, Menschen ausgegrenzt und Gewalt schrittweise normalisiert wird." Wie fragil diese Gesellschaft nach Ende des Ersten Weltkriegs tatsächlich war, erkundet man im ersten Kapitel "Verwundete Gesellschaft".

Die erste Vitrine ist drei Büsten gewidmet: Kaiser Karl I. blickt in die Ferne, auf ihm ruht der Blick von Karl Seitz, dem ersten Staatsoberhaupt der jungen Republik. Der dritte im Bunde ist die Gipsskulptur eines kriegsversehrten Soldaten (eine Leihgabe aus dem Josephinum). Ende steht neben Neuanfang, daneben der hohe Preis, den diese Wende gekostet hat. Passend dazu etwa ein Haufen nutzlos gewordener Orden und Abzeichen oder ein Filmausschnitt von der Ausrufung der Ersten Republik.

Auf das Kapitel "Gewalt auf der Straße", das verschiedene Uniformen, Plakate und Propaganda versammelt, folgt die Auseinandersetzung mit dem "autoritären Staat", in dem die Gewalt der verschiedenen Lager eskalierte. Exemplarisch für die Militarisierung der Gesellschaft stehen verschiedene Uniformen paramilitärischer Organisationen und das Maschinengewehr Schwarzlose M1907/12. Auch jene Sitzbank, auf der Engelbert Dollfuß nach dem nationalsozialistischen Putschversuch im Juli 1934 gestorben sein soll, findet sich als eines der wenigen Objekte aus der alten Ausstellung hier wieder.

Mit der Frage, wie man ein Objekt wie dieses im heutigen kuratorischen Kontext zeigen könne, habe man sich lange beschäftigt, erklärten die Kuratoren. Geworden ist es nun eine Neigung, bei der man unweigerlich an die ebenfalls in dieser Woche präsentierte Kippung des Lueger-Denkmals denken muss, auf die man jedoch nicht Bezug genommen habe, wie auf APA-Nachfrage versichert wurde.

Über "Österreich im Nationalsozialismus" (hier werden etwa Fluchtgeschichten aufgearbeitet und Karteikästen der so genannten "Muff-Kommission" gezeigt) geht es in das wohl schwierigste Kapitel "Krieg und Verbrechen": Um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, Holocaust, Besatzungsterror und Widerstand zu erkunden, müssen auf einer mehrere Meter langen Wand Schubladen aufgezogen werden, in denen auf Displays durchaus explizites Foto- und Videomaterial zu sehen ist, das durch Interviews auch akustisch eingeordnet wird. Im Rücken finden sich in Vitrinen ausgewählte Kleidungsstücke von Opfern wie Tätern, die einem beim Eintauchen in die dunkelsten Kapitel über die Schulter zu schauen scheinen.

Was nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen war - nämlich der Aufbau einer stabilen demokratischen Ordnung -, steht schließlich im Fokus des letzten Kapitels "Ende - Anfang - Weiterleben". Anhand persönlicher Erinnerungen, Fotoalben und späten Formen des Gedenkens (zu sehen ist etwa das Entwurfsmodell des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz) zeichnet man eine Nachkriegszeit zwischen Staatsvertrag und Wiederaufbau, aber auch der Nachwirkung von Gewalt. Man steht am Ende einer Schau, die alles andere ist als "analytische Heereskunde" (Kurator Edelmann). Statt von unendlich vielen Objekten erschlagen zu sein, hat sich der Raum dazwischen angefüllt. Und er lädt dazu ein, sich immer wieder neu zu vertiefen.

Auf eine begleitende Publikation muss man bis zum nächsten Jahr warten, aber es bleibt genug Zeit. Die Ausstellungsdauer ist für fünf Jahre angegeben. Über die Gesamtkosten der Reform des HGM gab das Verteidigungsministerium auf APA-Anfrage keine genaue Auskunft. Für die Neugestaltung der Ausstellung standen jedenfalls rund 1 Million Euro zur Verfügung, die aus den Budgetzuweisungen für das Museum finanziert wurden. Zusätzliche Reformschritte, die aus Mitteln des Ministeriums außerhalb des Budgets des Museums finanziert wurden, beinhalten u.a. die Sanierung von drei Ausstellungssälen und des Museumsvorplatzes, die Schaffung eines neuen Veranstaltungs- und Vermittlungsraumes oder die Übersiedlung des Depots. Auch der Ausbau der Personalstruktur und Aufbau neuer wissenschaftlicher und musealer Fachbereiche fällt in diesen Bereich.

Da das Projekt noch nicht abgeschlossen ist - es folgen etwa noch die Sanierung des Mitteltraktes und des Heizungssystems, die Neugestaltung weiterer Ausstellungssäle und die weitere Modernisierung der Infrastruktur des Museums - werde eine Gesamtkostenübersicht erst am Ende des Prozesses feststehen. Für das Verteidigungsministerium ist klar: "Die Weiterentwicklung des HGM ist als langfristiger Prozess angelegt und wird auch in den kommenden Jahren fortgesetzt."

(S E R V I C E - "Gewalt - Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955) im Heeresgeschichtlichen Museum. 11. Juni bis 15. Juni 2031. www.hgm.at )

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