Zwölf-Stunden-Tag von

12 Stunden durcharbeiten

Reizthema Mehrarbeit: Wer profitiert, wer verliert

Büro © Bild: Istockphoto.com/Chonlachai

Der Acht-Stunden-Tag war gestern. Ein zentrales Vorhaben der neuen Regierung ist es, die Arbeitszeit künftig auf zwölf Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche anzuheben. Auf freiwilliger Basis, so betont man. Doch wer kann sich in welcher Branche wirklich davor drücken?

Na und?" Marcel versteht die Welt nicht mehr: "Wenn es notwendig ist, dann arbeite ich halt auch bis in die späte Nacht hinein. Ein Zwölf-Stunden-Tag schreckt mich wirklich nicht." Der 32-jährige IT-Techniker kann ohne Weiteres entspannt sein. Er ist alleinstehend und arbeitet für ein burgenländisches Familienunternehmen. Fällt mehr Arbeit an, als vorgesehen war, macht sich das fünfköpfige Team untereinander aus, wer länger bleibt. Die anfallenden Überstunden nimmt Marcel meist noch im selben Monat als Zeitausgleich. Geht sich das nicht aus, zahlt ihm die Firma die Mehrarbeit innerhalb von drei Monaten in Geldform aus.

Dieser Luxus einer Kombination aus persönlicher Flexibilität, gutem Betriebsklima und korrektem Abrechnungsverhalten ist in Österreich jedoch selten. Weit häufiger beklagen heimische Arbeitnehmer, dass zwar ihr Arbeitsaufwand immer stärker wächst, die Bezahlung jedoch gleich bleibt.

Das bestätigen auch die nackten Zahlen: Laut Gewerkschaft werden hierzulande jedes Jahr 300 Millionen Überstunden geleistet. 68 Millionen davon unbezahlt und ohne Freizeitausgleich -das bestätigt das Wirtschaftsforschungsinstitut in seiner letzten aktuellen Studie aus dem Jahr 2013. "Die Dunkelziffer dürfte allerdings weit höher liegen", ist der Personalverantwortliche eines großen Konzerns überzeugt. "Viele Firmen, die ich kenne, akzeptieren Stundenaufzeichnungen von ihren Mitarbeitern nur noch dann, wenn die darin vermerkte tägliche Arbeitszeit zehn Stunden nicht überschreitet -unabhängig davon, wie lange tatsächlich gearbeitet wurde."

Ihm und seinen Kollegen wird der von der neuen Regierung geplante Zwölf-Stunden-Tag (und die daraus resultierende 60-Stunden-Woche) die Arbeit deutlich vereinfachen. Nicht nur, dass der scharfe Blick auf die Höchstarbeitszeit von zehn Stunden künftig wegfällt, wird die Regelung auch in der Praxis weit einfacher als bisher umzusetzen sein.

Zwar waren auch bisher schon in Ausnahmefällen bis zu 13 Stunden Arbeitszeit pro Tag möglich, genutzt hat diese Möglichkeit freilich kaum jemand. Das hat auch damit zu tun, dass meist Kollektivverträge der einzelnen Branchen dazwischengeschaltet waren. Der neue Zwölf-Stunden-Tag kann und soll aber zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat oder - wenn es keine Personalvertretung gibt - zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter ausgemacht werden. Bei betrieblicher Notwendigkeit und ohne Zwang, heißt es.

»Da haben Firmenchefs schnell einmal die Drohung einer Massenkündigung bei der Hand«

"Ein Schelm, wer sich dabei nichts Böses denkt", so ein hoher Arbeitnehmervertreter. "Wie sehr wird sich ein Mitarbeiter wehren können, wenn er gebeten wird, länger zu arbeiten? Spätestens beim dritten Mal droht ihm doch die Kündigung." Auch ein Betriebsrat müsse bei aller Verpflichtung für die Mitarbeiter auch das Unternehmenswohl im Auge haben: "Da haben Firmenchefs schnell einmal die Drohung einer Massenkündigung bei der Hand." Und eine solche würde auch den härtesten Betriebsrat umstimmen.

Kein Platz für Flexibilität

Dabei liegt es häufig gar nicht in der Macht des jeweiligen Mitarbeiters, spontan länger zu bleiben. Vor allem Frauen reißt es zwischen der vereinbarten - vermeintlich fixen - Arbeitszeit und den Betreuungspflichten bei jüngeren und manchmal auch älteren Verwandten hin und her. "Wenn der Kindergarten um 17.30 Uhr zusperrt, bleibt kaum Platz für Flexibilität", erzählt eine Betriebsrätin von der Arbeitsrealität in einem Wiener Dienstleistungsunternehmen.

Dass die wenigsten Arbeitnehmer wirklich Freude mit einer willkürlichen Verlängerung ihrer Arbeitsstunden haben, zeigt auch eine aktuelle Umfrage auf news.at. Danach gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, ab sofort jeden Montag zwölf Stunden zu arbeiten, fiel das Votum recht eindeutig aus: Fast die Hälfte der Teilnehmer hält dieses Ansinnen für schlicht unmöglich. Auch bei guter Organisation sei das für die meisten nicht zu schaffen.

Viel Platz für Gespräche

Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, ist trotzdem überzeugt vom Zwölf-Stunden-Tag. Immerhin seien die Änderungen "aus Sicht der Industrie ein kluger und fair gestalteter Schritt", so der Industrievertreter: "Die tägliche und wöchentliche Normalarbeitszeit bleibt gleich, ebenso die geltenden Überstundenregelungen, keine Überstunde geht verloren." Zudem werde in Summe auch nicht länger gearbeitet. "Hier wird eine unbürokratische Möglichkeit geschaffen, Arbeitszeit flexibler und individuell auf Betriebsebene zu gestalten", sagt Neumayer: "Vor Ort - und im guten Einvernehmen mit den Mitarbeitern -lassen sich erfahrungsgemäß die besten, sinnvollsten und praxistauglichsten Lösungen erzielen." Zudem könnten die Unternehmen "besser auf die Anforderungen des modernen Weltmarktes reagieren, indem sie Auftragsspitzen zeitnah abdecken". Und Neumayer ist sicher, dass sich auch die Arbeitnehmer "mehr Flexibilität, längere Freizeitblöcke und mehr Zeit mit der Familie wünschen".

Hier widerspricht allerdings der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Erich Foglar. Für ihn ist das Regierungsprogramm "in weiten Teilen fast wortgleich dem Forderungskatalog der Industriellenvereinigung". Das zeige deutlich, so Foglar weiter, "dass wir uns mit einer wirtschaftsliberalen und unternehmerfreundlichen Politik konfrontiert sehen".

Der Zwölf-Stunden-Tag sei hiefür ein besonders gut geeignetes Beispiel: "Hier hat die neue Regierung eindeutig vor, durch Verlagerung von Durchrechnungsmodellen (die Verlängerung der Geltungsdauer der angefallenen Überstunden, Anm.) auf die betriebliche Ebene einen billigen Zwölf-Stunden-Tag für die Unternehmer zu ermöglichen." Denn erfahrungsgemäß sitzt der Unternehmer, wenn nicht mehr verhandlungserfahrene Gewerkschafter, sondern Betriebsräte oder gar der einzelne Mitarbeiter selber um bereits geleistete Überstunden streiten müssen, meist am längeren Ast.

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Besonders sauer stößt dem Arbeitnehmervertreter auf, dass die Höchstarbeitszeit von generell zwölf Stunden am Tag und 60 Stunden in der Woche nicht bloß noch eine Ausnahme in wohlbegründeten Fällen ist, so, wie es das Arbeitszeitgesetz bisher vorsieht: "Von Freiwilligkeit ist im Regierungsprogramm ebenfalls keine Rede mehr."

Für Foglar und andere entspricht die Maßnahme einem Rückschritt. SPÖ-Nationalratsabgeordnete Nurten Yılmaz etwa verweist auf Facebook darauf, dass am 1. Mai 1890 insgesamt 100.000 Menschen im Wiener Prater für den Acht-Stunden-Tag demonstriert hätten. Ihr Ziel damals: acht Stunden Lohnarbeit, acht Stunden Schlaf und acht Stunden selbstbestimmte Freizeit. "Es hat jahrzehntelange Kämpfe im Interesse der Arbeitnehmer gebraucht, um die Ausbeutung am Arbeitsplatz zurückzudrängen", schreibt Yılmaz. Nun scheint der Zeitgeist wieder in die Gegenrichtung zu laufen.

Das überrascht allerdings nicht besonders. Für die 500.000 heimischen Unternehmen bedeutet der Ausstieg aus dem jahrelang scharf kritisierten engen Arbeitszeitkorsett zweifellos einen Vorteil. "Es muss nun einmal dann gearbeitet werden, wenn die Arbeit da ist", formuliert ein Firmenchef. Dass sich das nicht immer mit den persönlichen Interessen jedes einzelnen Mitarbeiters vereinbaren lässt, "ist traurig, aber leider nicht zu ändern". Die Forderung der Arbeitnehmervertreter nach einer Arbeitszeitverkürzung und damit nach Neuaufnahmen lehnt der Manager gänzlich ab: "Die Wirtschaft erholt sich zwar langsam wieder, aber so gut, dass wir zusätzliches Personal beschäftigen könnten, geht es uns noch lange nicht."

Abhängig vom Arbeitsplatz

Ob ein unselbstständig Beschäftigter die verlängerten Arbeitszeiten nun wirklich gut oder schlecht findet, hängt vor allem von der Branche, in der er arbeitet, sowie von seiner persönlichen Lebensgestaltung ab. Bei 3,6 Millionen Arbeitnehmern gibt es da zahlreiche verschiedene Varianten. "Es gibt bereits jetzt Gruppen, die vom regulären Arbeitsrecht ausgeschlossen sind, wie Polizisten und Ärzte", sagt die Arbeitsmarktexpertin des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), Hedwig Lutz.

Doch auch andere Branchen haben ihre Besonderheiten. So wird sich in der Industrie aller Voraussicht nach nicht viel ändern. In den großen Werkshallen gibt es bereits seit Jahren Regelungen, die dem Arbeitsanfall und der damit verbundenen höheren Arbeitszeit Rechnung tragen. Allein im Stahlkonzern Voest gibt es dazu rund 500 Betriebsvereinbarungen, erzählt ein Gewerkschaftsfunktionär. Diese würden durch die Gesetzesänderung nun quasi legalisiert. "Wir hatten schon bisher regelmäßig Zwölf-Stunden-Schichten über zehn Tage hinweg", sagt Martin, der am Hochofen arbeitet. Da die Mehrarbeit aber auch anstandslos mit allen Überstundenzuschlägen bezahlt wird, sind alle zufrieden.

Ganz anders könnte sich die neue gesetzliche Regelung im kaufmännischen Bereich auswirken. Im Büro wurde überall dort, wo es keine Gleitzeit gibt, bisher immer penibel darauf geachtet, die zehn Stunden Höchstarbeitszeit pro Tag nicht zu überschreiten. Ist Not am Mann oder an der Frau, wird diese noble Zurückhaltung aber sehr schnell verschwinden. "Dass ich dann einfach länger bleiben muss, macht mir wirklich Sorgen", sagt die 21-jährige Teamassistentin Rosa: "Wie soll das funktionieren, wenn ich Kinder bekomme?"

Abhängig vom Leben

Auch Einzelhandelskauffrau Jacqueline weiß nicht recht, was sie vom Zwölf-Stunden-Tag halten soll. Sie ist eine der wenigen Mitarbeiterinnen im Handel, die einen Vollzeitjob ergattert haben. Und während ihre Kolleginnen in Teilzeit sich Gedanken machen, ob die Gesetzesänderung nun bedeutet, dass auch sie mehr arbeiten müssen, denkt Jacqueline weiter: "Von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends durchzuarbeiten ist aber nicht erlaubt, oder?" Doch genau das ist bald der Fall - zuzüglich einer ganzen Stunde an gesetzlich vorgeschriebener Pause, die zu dieser Zeitspanne dazugerechnet werden muss.

Wer in der Gastronomie arbeitet, hat es diesbezüglich einfacher. Hier gelten schon länger ganz offi ziell Regelungen, die mit dem Arbeitszeitgesetz wenig zu tun haben. So ist es seit einiger Zeit erlaubt, dass ein Kellner die Gäste beim Abendessen bedient und am nächsten Morgen auch für das Frühstück bereitsteht. Ähnlich wie damit die Ruhezeiten quasi ausgehebelt wurden, wird es auch mit den Arbeitszeiten geschehen. Für Koch Manfred ist das kein Problem: "Viele von uns sind Saisonarbeiter. In diesen Monaten arbeitet man sowieso sieben Tage lang rund um die Uhr." Nachsatz: "Dafür habe ich dann später auch monatelang frei."

Überhaupt ist es so, dass die Bereitschaft zu langer und flexibler Arbeitszeit unabhängig von der Branche, in der man tätig ist, primär von den persönlichen Lebensumständen des einzelnen Arbeitnehmers abhängt.

Der Junggeselle, der daheim am liebsten vor dem Computer sitzt, ist wahrscheinlich eher bereit, länger in der Arbeit zu bleiben, als die zweifache Mutter, die zusätzlich jedes Wochenende zu ihren Pferden in den Reitstall fährt. Andererseits ist es vielleicht der Familienvater, der am Traumhaus baut, dem das zusätzliche Geld aus den Überstunden gerade recht kommt, während der Berufsanfänger in seiner Freizeit lieber an seinem eigenen Start-up bastelt.

Arbeiten mit Alkohol

Allen gleich ist jedenfalls, dass der Zwölf-Stunden-Tag aus medizinischer Sicht vollkommen abzulehnen ist. Anfang dieses Jahres veröffentlichte die Medizinuniversität Wien eine Studie, wonach sich der Körper nach einem Zwölf-Stunden-Tag gar nicht ausreichend erholen kann. Zwei Zwölf-Stunden-Tage hintereinander würden anschließend sogar gleich drei Tage Freizeit nötig machen. "Ab der zehnten Stunde ist bei praktisch jedem Menschen ein Leistungsknick zu verzeichnen", schreibt Studienautor Gerhard Blasche, "weshalb unsere derzeitige Regelung eines Acht-Stunden-Tages eine gesunde Basis ist." Arbeitet jemand jahrelang 50 Stunden pro Woche oder sogar mehr, steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme und psychische Erkrankungen zudem rapide an. "Das gilt besonders für Frauen - vermutlich wegen der höheren Belastung durch Kinderbetreuung", so Blasche.

Solche medizinischen Fakten haben in der Beurteilung des geplanten Zwölf-Stunden-Tages freilich keine Rolle gespielt. Auch nicht die Tatsache, dass Produktivität und Konzentration nach einer gewissen Stundenanzahl sinken. "Auf diese Weise wird ein lange arbeitender Mitarbeiter aber auch unwirtschaftlich für jedes Unternehmen", sagt Alexander Heider, Gesundheitsexperte der Arbeiterkammer Wien (AK).

Dazu kommen häufig Arbeitsunfälle, Krankenstände und Unfälle auf dem Weg von und zur Arbeit: "Der Körper reagiert nach einer solchen Stundenanzahl so, als ob jemand Alkohol getrunken hätte." Besonders gefährdet sind laut Heider "Menschen, die am Bau oder in der Montage arbeiten". Aber auch jene, die Dienstleistungen verkaufen oder Tätigkeiten verrichten, wo besondere Konzentration gefragt ist. "Selbst jemand, der vor dem Bildschirm sitzt, wird auf Dauer Probleme bekommen, weil die vorgesehenen Pausen (Vorgeschrieben sind zehn Minuten pro 50 Minuten Arbeit, Anm.) von niemandem eingehalten werden."

All das schwächt aber nicht nur den Körper des Arbeitnehmers, sondern auch das Staatsbudget. "Schon bisher kosten Arbeitsunfälle die Gesellschaft 1,4 Milliarden Euro im Jahr", sagt Arbeiterkammer-Experte Heider. Wird der Zwölf-Stunden-Tag zur Normalität, "dürfte diese Zahl massiv ansteigen".

Eine politische Richtungsänderung ist freilich nicht in Sicht. Immerhin wird der Zwölf-Stunden-Tag seit Jahren von der Wirtschaft dermaßen lautstark gefordert, dass sich selbst im Plan A von SPÖ-Chef Christian Kern ein entsprechender Passus findet. Bis kurz vor dem Neuwahlantrag haben die Sozialpartner intensiv darüber verhandelt. Nun ist es eben ein Projekt der neuen türkis-blauen Regierung.