Zwiespältige Bilanz der Person Haider:
Filzmaier und Plasser über den Rebellen

Verkrustung des politischen Systems aufgebrochen Radikalität der Worte brachte Polarisierung im Land

Zwiespältige Bilanz der Person Haider:
Filzmaier und Plasser über den Rebellen © Bild: APA/Robert Jäger

Eine durchaus zwiespältige Bilanz ziehen von der APA befragte Politikwissenschafter über die Karriere Jörg Haides. Der verunglückte Politiker habe zwar verkrustete Strukturen aufgebrochen, gleichzeitig aber auch ganz bewusst die Radikalität der Worte betrieben, sagte Peter Filzmaier von der Donau-Uni Krems. Auch für den Innsbrucker Politologen Fritz Plasser hat Haider durchaus "Strukturprobleme" aufgezeigt, gleichzeitig aber "Bedrohungsgefühle überzeichnet" und eine "außergewöhnliche Polarisierung" der Politik bewirkt.

Sowohl Plasser als auch Filzmaier betonen die Rolle Haides beim Aufbrechen des Zweiparteien-Proporzes. Dieses System habe in der Nachkriegszeit durchaus Sinn gemacht, weil man ideologischen Spannungen wie in den 30er Jahren vermeiden wollte, betont Filzmaier. In den 80er Jahren sei der Proporz allerdings anachronistisch geworden, was Haider im Gegensatz zu den Großparteien erkannt habe. Auch Plasser verweist darauf, dass Haider "wie niemand anderer das österreichische Parteiensystem in Bewegung gesetzt" habe. Die Wahlen 1986 und 1990 habe die FPÖ noch mit Kritik an der "Parteibuchwirtschaft" gewonnen und ohne das später dominante Ausländerthema.

Ständiger Tabubruch
Beide Politikwissenschafter verweisen allerdings auch darauf, dass Haider in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich war. "Das durchgängige Prinzip ist jenes des Tabubruchs gewesen", betont Filzmaier - und zwar sowohl im Positiven, etwa beim Aufzeigen der Parteibruchwirtschaft, als auch im Negativen, etwa beim Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und im Umgang mit Gegnern. Haider habe bewusst auf die "Radikalität der Worte" gesetzt, so Filzmaier.

Auch Plasser verweist auf die Radikalität, mit der Haider Probleme angesprochen habe, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle allerdings, ohne Lösungen anzubieten. Das habe "zu einer außergewöhnlichen Polarisierung" geführt. "Das war sein Stil: Genau durch diese Polarisierung hat er mobilisiert", betont Plasser. Außerdem habe Haider zwar das "bedrohte Lebensgefühl" sogenannter Modernisierungsverlierer angesprochen, dabei aber nicht nur vorhandene Ängste aufgegriffen, sondern auch "Bedrohungsgefühle überzeichnet" und Ängste verstärkt. Plasser beurteilt Haider daher - "sehr vorsichtig gesagt" - als "außergewöhnlich ambivalente Person".

Wie es nach Haiders Tod mit dem BZÖ weitergeht, will Filzmaier noch nicht beurteilen. Mangels entsprechender Daten wären Spekulationen zu diesem Zeitpunkt unseriös, meint der Politikwissenschafter. Platters verweist darauf, dass laut Nachwahlbefragungen zwei Drittel der spontanen Wahlmotive der BZÖ-Wähler direkt oder indirekt auf Haider bezogen waren. "Das BZÖ war eine Haider-Partei", meint Plasser, der Tod des Parteichefs sei daher ein "politischer Schicksalsschlag" für die Partei. Plasser rechnet daher damit, "dass es gar nicht so lange dauern wird, bis die getrennte Wählerschaft von FPÖ und BZÖ zusammenfindet".
(apa/red)