Zum Wohle des Kindes: Experten wollen Schulnoten und Sitzenbleiben abschaffen

Zensuren soll es erst ab der vierten Klasse geben "Lernstandsgespräche" mit Eltern als Alternative

Gegen eine Vergabe von Ziffernnoten in den ersten drei Klassen der "Neuen Mittelschule" (NMS) spricht sich ein - vorläufig noch nicht akkordierter - Zwischenbericht einer Arbeitsgruppe in der Expertenkommission zur Schulreform aus. Stattdessen soll es unter anderem zweimal im Jahr "Lernstandsgespräche" mit Schülern und Eltern geben. Erst in der vierten Klasse wird ein Ziffernzeugnis ausgestellt. Verzichtet werden soll auch auf das "Sitzenbleiben", weil es "keine positive Wirkung auf Leistung und Lernverhalten von SchülerInnen hat, vielmehr zu Beschämung und Langeweile der Betroffenen führt". Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) hat sich bereits für die Beibehaltung der Noten in allen Klassen ausgesprochen.

"Ziffernnoten sind - das ist wissenschaftlich sehr gut untersucht - kein geeignetes Mittel, um Schülern detailliert und präzise Rückmeldungen zu geben über ihre Leistungen, vor allem sagen sie nichts aus über Lernfortschritte. Dagegen wird mit der Vergabe von Ziffernnoten regelmäßig die Rangfolge in einer Lerngruppe abgebildet, wodurch genauso regelmäßig gute Schüler belohnt und schwache Schüler bloßgestellt und entmutigt werden", heißt es in dem der APA vorliegenden Papier.

"Lernstandsgespräche" statt Noten
Stattdessen solle es "Eingangsdiagnosen, Förderpläne, Lernpläne, die Aufteilung des Lernstoffs in Kompetenzraster und Module und die sorgfältige Dokumentation des Leistungsstands der Schüler" als Grundlage für regelmäßige Rückmeldungen an die Schüler und Eltern geben. Zweimal im Jahr sollen die Lehrer mit ihnen ausführliche "Lernstandsgespräche" führen über die Lernentwicklung und das Verhalten der Schüler in der Schule.

Der Stoff bestimmter Fächer und die Anforderungen an das fächerübergreifende Projektlernen werden gegliedert in Kompetenzstufen, die ein Schüler schneller oder langsamer erreichen kann. Zum Selbstlernen soll es geeignete Materialien geben, so dass ein Schüler auch selbst entscheiden kann, was er in welcher Zeit erarbeiten will. Alle Schüler sollen ab der 1. Klasse ein Portfolio führen, in dem die Ergebnisse ihrer Arbeit gesammelt werden. Auch die Tests zur Überprüfung von Kompetenzen, die Rückmeldungen zu Projekten, Praktika und Arbeitsgemeinschaften werden abgeheftet. "Wichtiger als Ziffernnoten ist die Erreichung der nationalen Bildungsstandards am Ende der NMS." Über den Zugang zu weiterführenden Schulen entscheidet ein aus mehreren Lehrern bestehendes "Klassenteam" aufgrund der erreichten Leistungen bei Bildungsstandard-Testungen und den Kompetenzstufen.

"Jahrgangslehrerteam" für Schüler
In der "Neuen Mittelschule" soll es nach Ansicht der Arbeitsgruppe in jedem Jahrgang ein die Schüler vier Jahre begleitendes "Jahrgangslehrerteam" geben, das weitgehend über die Gestaltung des Alltags entscheidet. Denkbar sei auch, dass ein Lehrerteam von ca. acht bis zehn Pädagogen (Hauptschul- und AHS-Lehrer, zusätzlich Pädagogen mit Sonderschulausbildung) zwei Jahrgänge übernehme, damit eine genügende Zahl an Fachlehrern vorhanden sind und manche Vorhaben jahrgangsübergreifend organisiert werden können. Die Pädagogen fungieren weniger als "Fachspezialisten", sondern mehr als "Erzieher und Berater". Zur stärkeren Individualisierung ist von Fall zu Fall ein zweiter Lehrer für die Betreuung einzelner Kinder oder einer kleinen Gruppe vorgesehen (Team Teaching).

Kerngedanken des Konzepts sind unter anderem die Förderung der Selbstständigkeit der Schüler, die Individualisierung des Unterrichts sowie die Ermöglichung fächerübergreifenden Arbeitens. Jeder Schüler soll demnach in bestimmten festgelegten Stunden der Woche nach einem mit dem Lehrer abgestimmten Plan mit Übungsaufgaben, Wiederholungen und kreativen Aufgaben zu den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik selbstständig arbeiten. Schwächere Schüler sollen so bestimmte Dinge nochmals wiederholen, begabte Kinder die Möglichkeit zu besonders anspruchsvollen Arbeiten erhalten. Ziel bleibt aber, dass am Ende der Schulzeit alle Schüler die vorgesehenen Bildungsstandards erreichen.

(apa/red)