Strache: Comeback in
zwei bis drei Jahren?

Politik-Experte: "Es ist alles möglich" - Strache-Präsenz auf Facebook "wahlkampftaktisch das beste"

Eigentlich ist Heinz-Christian Strache am Samstag von seinen politischen Ämtern zurückgetreten. Doch richtig still ist es um den ehemaligen FPÖ-Chef nicht geworden. Er fällt vor allem durch seine große Aktivität auf Facebook auf. Ob das der FPÖ hilft oder eher schadet bzw. wie groß der Gesamtschaden nach der Ibiza-Affäre für die Partei ist, versucht Thomas Meyer, Politikwissenschaftler der Universität Wien für News.at einzuschätzen.

von Strache © Bild: APA/Halada

Seine Person dürfte nach der Ibiza-Affäre nicht der Grund sein, dass das Regierungsprogramm nicht weiter umgesetzt werde, sagte Heinz-Christian Strache am Samstag, und trat deshalb als Vizekanzler der Republik Österreich sowie als Bundespartei-Obmann der FPÖ zurück. Eine Entschuldigung gab es in der Rücktrittsrede vor allem für seine Frau, Philippa Strache. Auch sonst zeigt Strache wenig Reue für seine mehr als fragwürdigen Äußerungen auf Ibiza. Vielmehr sieht er sich als Opfer der „geheimdienstlich inszenierten Lockfalle“, was er auch seither mehrmals unterstrich in seiner auffallend großen Präsenz auf Facebook.

Straches Opferstrategie

So schrieb er gestern etwa, dass er „die Hintermänner des kriminell erstellten Videos und Dirty Campaignings ausfindig machen“ wird, denn abseits der „betrunkenen Peinlichkeiten“ und der „prahlerischen Aussagen“ habe er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er habe ein reines Gewissen, dafür kämpfe er. Ein Posting, das inzwischen über 30.000 „Gefällt mir“-Angaben hat und über 11.000 Kommentare. (Es wurde von Strache übrigens achtmal umformuliert. Aus „kriminelles Video“ wurde „kriminell erstelltes Video“ und aus „Unschuld bewiesen wurde etwa „ich bin unschuldig“. )

Alles für die "freiheitliche Familie"

Auch postete Strache sowohl ein Bild mit Norbert Hofer als auch mit Dominik Nepp, seinen Nachfolgern als Parteichef bzw. FPÖ-Wien-Chef. Er bat die blauen Anhänger, diese Männer zu unterstützen, denn man sei ja „weiterhin eine starke freiheitliche Familie“.

Im Video: Zukunftspläne der zurückgetretenen Minister

Nichts zu verlieren

Diese Postings und der offensichtliche Spin, sich als Opfer zu inszenieren, sei „wahlkampftaktisch, das Beste, was er machen kann“, bewertet Politikwissenschaftler Thomas Meyer von der Uni Wien im Gespräch mit News.at den großen Einsatz Straches auch nach dem Rücktritt. Es mache „aus strategischer Sicht Sinn“, da FPÖ-Anhänger ohnehin tendenziell ein geringeres Vertrauen ins System haben, als andere Wähler. Es sei also gar nicht so wichtig, dass diese Anschuldigungen (zum Beispiel dass er vom Ausland betrogen wurde, Tal Silberstein, dass auch Gudenus eine schwierige Phase im Leben hatte,…) jetzt ganz der Wahrheit entsprächen, solange es Strache nicht übertreibe. Doch selbst dann, wenn er also dem potenziellen FPÖ-Wähler für „zu blöd verkauft“ und behaupten würde, er habe gar nichts gemacht, habe Strache nicht viel zu verlieren. Außer wohl, so die Einschätzung Meyers, dass die Wähler zuhause bleiben. Dass sie dadurch zur Konkurrenz wie der SPÖ abwandern würden, daran glaubt der Politik-Experte nicht.

»Klar wird die FPÖ bei der Europawahl verlieren, aber nicht brutal einbrechen«

Überhaupt wird der FPÖ trotz der enormen Krise, die Strache und Gudenus mit dem Ibiza-Video ausgelöst haben, kein Totaleinsturz drohen, glaubt Meyer. Auch nicht bei der Europawahl am kommenden Sonntag. „Klar wird die FPÖ bei der Europawahl verlieren, aber nicht brutal einbrechen.“

"Wahl zwischen Pest und Cholera"

Liegt das (auch) am guten Krisenmanagement der Partei? „Also im Moment ist das ja eine Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt Meyer auf dieses angesprochen. „Die FPÖ kann aus dem ganzen natürlich nicht gestärkt hervorgehen, darum wird geschaut, wie man den Schaden minimieren kann.“ Der Umgang mit der Krise in der FPÖ sei jedenfalls kohärent für ihn; es gäbe keine großen Streitigkeiten oder Abspaltungsbewegungen. Es werde „mit einer Stimme“ kommuniziert. Leichte Zwischentöne sieht er nur zwischen Norbert Hofer und Herbert Kickl, doch selbst die seien wohl eher hilfreich, da beide ein unterschiedliches Wählersegment vertreten und ansprechen würden.

Schätzung: FPÖ verliert leicht, ÖVP gewinnt leicht

Ob das bis dato also gut funktionierende Krisenmanagement und auch die „Hilfe“ Straches die FPÖ bis zur Neuwahl im Herbst wieder zu alten Höhen führen werden, das lässt sich laut Meyer zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht einschätzen: „Das ist die 1-Millionen-Euro-Frage.“ Der beste Stimmungstest sei jetzt die Europawahl, dann müsse man Anfang Juni einmal sehen, wie der Stand der Dinge sei (Meyers „beste Schätzung“: die FPÖ verliert leicht, die ÖVP gewinnt leicht) und dieser wird sich, schätzt der Experte, dann bis zur Wahl im Herbst ungefähr so halten.

»Es ist alles möglich; dass er sich ganz zurückzieht, dass er im Hintergrund beratend tätig bleibt oder sogar, dass er in zwei bis drei Jahren wieder als potenzieller Spitzenkandidat auftaucht«

Und wie sieht die Rolle Straches in Zukunft in der FPÖ aus? „Das ist schwer zu sagen“, ist Meyer zum jetzigen Zeitpunkt noch unschlüssig. „Es ist alles möglich; dass er sich ganz zurückzieht, dass er im Hintergrund beratend tätig bleibt oder sogar, dass er in zwei bis drei Jahren wieder als potenzieller Spitzenkandidat auftaucht“, glaubt der Politikwissenschaftler. Das hänge aber unter anderem auch davon ab, wie sich die Ibiza-Affäre nun weitertwickle. Kommt es etwa zu Anklagen aufgrund der Aussagen im Video und werden diese niedergeschlagen, dann wäre Straches juristische Unschuld bewiesen. In dem Fall würde, so Meyer, „die Opferstrategie noch besser funktionieren.“