"Zu Diensten Ihrer Majestät": Historiker untersuchen "das Unternehmen" Wiener Hof

"Zu Diensten Ihrer Majestät": Historiker untersuchen "das Unternehmen" Wiener Hof © Bild: Hofburg

Wie bekamen die Habsburger-Kaiser am Wiener Hof ihr Mittagessen an den Tisch? Und wer wusch danach das Geschirr ab? Fragen wie diese versuchen Martin Scheutz und Jakob Wührer von der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät zu klären, indem sie im FWF-Projekt "Zu Diensten Ihrer Majestät" die Organisationsgeschichte am Wiener Hof in der Frühen Neuzeit erforschen. Denn mit rund 3.000 beschäftigten Personen lässt sich der Wiener Hof am Beginn des 19. Jahrhunderts mit einem internationalen Unternehmen von heute vergleichen.

Der Kaiserhof in Wien war ein europäisches Entscheidungszentrum mit einem multinationalen Einflussgebiet. Um zielorientiert und erfolgreich handeln zu können, wurde ständig nach einer optimalen Organisationsstruktur gesucht, innerhalb derer das "Unternehmen" verschiedenste Aufgaben bewältigen musste: Einerseits die Versorgung des Kaisers und seiner Familie, andererseits die zunehmend komplexer werdende Administration im politischen Zentrum Wien.

Für die Bewältigung dieser Aufgaben entwickelte sich rund um den Kaiser eine Organisationsstruktur, in der im 17. Jahrhundert bereits über 1.000 Personen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon über 3.000 Menschen beschäftigt waren. Alleine die Koordination der Beschäftigten auf den verschiedenen Ebenen war ein gewaltiger Aufwand.

Organisation (auch) als Inszenierung
"Effiziente Abläufe, zunehmende Transparenz zur Vermeidung von Korruption und funktionierende Kontrollmechanismen bestimmten die Organisation", erklärt der Historiker Martin Scheutz. Dabei standen der Kaiser und seine Inszenierung sehr stark im Mittelpunkt: "Die Organisation hatte Züge eine Choreographie, die einer kontinuierlichen Theateraufführung glich", sagt Scheutz. Wenn der Kaiser beispielsweise seine Residenz im Frühjahr nach Laxenburg verlegte, bedeutete der Umzug eine umfangreiche Planung von Mobiliar, Personal und anderen Ressourcen, aber auch die gleichzeitige Inszenierung dieses Umzugs für das "einfache" Volk, das am Straßenrand den Tross des Hofes bei seiner Reise beobachtete.

"Instruktionsbücher" als Nachschlagewerke
Als Quelle für ihre Forschungsarbeit dienen Martin Scheutz und seinem Mitarbeiter Jakob Wührer sogenannte Instruktionsbücher, also frühneuzeitliche Handschriften, die sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv befinden. Die vier Bücher umfassen auf rund 1.600 Seiten Dienstanweisungen für über 80 verschiedene Ämter bei Hof. Die Bücher datieren aus der Zeit zwischen 1720 und 1808. In ihrer Gesamtheit waren die Instruktionen das normative Rückgrad für die Verwaltung des Hofs. "Diese Instruktionen würden OrganisationsexpertInnen heute wohl als Arbeitsplatzbeschreibungen charakterisieren. Für oberste Ämter existierten in diesen Instruktionen also quasi Handbücher, die festlegten, welche Arbeitsabläufe zu erledigen und wie Untergebene zu kontrollieren waren", beschreiben die Historiker.

Als rasches Nachschlagewerk fixierten sie den Zuständigkeitsbereich von Hofbeamten, nicht aber den Namen bestimmter Amtsträger. Letzteres auch deshalb, da mit dem Tod des jeweiligen Herrschers in der Regel auch das "Führungspersonal" des Amtsinhabers entlassen und durch Vertrauensleute des neuen Regenten ersetzt wurde.
Klarerweise seien die Instruktionsbücher als rein normative Quelle nicht hundertprozentig aussagekräftig. Jakob Wührer: "Die theoretischen Anforderungen an eine Person oder ein Amt verraten noch nichts über die alltägliche Praxis. Aber sie bieten eine Annäherung an ein gelebtes Organisationsmodell."

Bild der Praxis des Wiener Hofes
Ziel des FWF-Projekts ist es, in einem ersten Arbeitsschritt die vier Instruktionsbücher der Forschung durch eine Edition zugänglich zu machen. In einem weiteren Arbeitsschritt erfolgt die Auswertung und Interpretation der edierten Quellen. "Wir wollen über eine statische Beschreibung der Organisationsstruktur auch ein Bild der Praxis vom Funktionieren des Wiener Hofes zeichnen", sagt Jakob Wührer. Möglich sei dabei die Erstellung eines Organigramms der verschiedenen Hierarchieebenen sowie die Beschreibung der Tätigkeitsprofile von Ämtern oder exemplarischen Karriereverläufen.

Seit 1. Jänner 2008 forschen Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Scheutz und sein Mitarbeiter Mag. Jakob Wührer am Institut für Österreichische Geschichtsforschung das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierte Projekt "Zu Diensten Ihrer Majestät. Geschichte der Organisation des Wiener Hofes in der Frühen Neuzeit" durchgeführt. Das Projekt läuft noch bis Jänner 2011.

Quelle: Redaktion/Institut für Österreichische Geschichtsforschung