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Die Vertreibung aus dem Paradies

Chronik - Die Vertreibung aus dem Paradies © Bild: APA/Gindl

Der Fremdenverkehrsort Zell am See ist auf arabische Touristen spezialisiert. Die könnten aber ausbleiben, wenn das Verschleierungsverbot in Kraft tritt

Eine ältere Dame mit kurzen, blonden Haaren schlendert die Seepromenade entlang. Dahinter eine mit grauem Pagenkopf. Dann eine Familie, die Mutter mit brünettem Zopf. Die Eisverkäuferinnen schauen gelangweilt. Ein paar Spatzen hüpfen vor dem Musikpavillon herum. Es ist ruhig. Man sieht viel Haar derzeit in Zell am See und viel Gesicht: Falten, Krähenfüße, Grübchen, verwischter Lippenstift und Schweißperlen vom Radfahren, alles da.

Voll verschleiert, also geschlossen, sind derzeit nur die auf Araber spezialisierten Lokale. Kein Kopftuch oder Niqab weit und breit. Liegt es an dem im Herbst in Kraft tretenden Vollverschleierungsverbot? Überlassen die arabischen Urlauber ihr Paradies "Selamse" jetzt wieder den Deutschen, Holländern und Spatzen?

Nein. Noch nicht zumindest. Ein Schild an der Tür des Cafés "Ali Baba" klärt auf: "Betriebsurlaub von 29. Mai bis 25. Juni." Bis dahin dauert der islamische Fastenmonat Ramadan, dann geht die Saison los.

Und sie sollte normal verlaufen. Laut Touristikern hat es noch keinen Rückgang bei den Buchungszahlen arabischer Gäste gegeben. Ob sich das ändern wird, könne man erst nach der Saison sagen, meint Eurotours-Geschäftsführerin Helga Freund. Ähnlich die Einschätzung von Andreas Berger von den Austria Trend Hotels: "Die Saison muss abgewartet werden, dann können Aussagen über mögliche Auswirkungen getroffen werden."

In heißen Phasen dreht sich in Zell am See alles um die (finanzstarken) Touristen aus dem Nahen Osten. Ergebnis des touristischen Experiments, das vor über zehn Jahren begann und seitdem viele Zeitungsschlagzeilen produziert hat, ist ein merkwürdiges Nebeneinander der Kulturen. Alpin-Kitsch trifft Morgenland. Verschleierte Frauen flanieren in Begleitung ihrer T-Shirt-tragenden Männer die Promenade entlang, fahren in Elektrobooten auf dem See herum. Es ist laut, voll, hektisch. Sportwagen mit Kuwaiter Kennzeichen brausen durch die engen Gassen.

Die Gastronomen und Geschäftsleute passen sich den Bedürfnissen der arabischen Gäste an. Bleiben sie weg -ticken die Uhren auf einmal wieder so wie immer. Die in und vor den Souvenirgeschäften aufgebauten Schätze, seit Jahrzehnten gefühlt unverändert, beugen sich fremdländischen Moden und Sitten nicht. Authentizität ist alles, Schnaps und Speck Teil des touristischen Erbguts.

Und zur Jause ein gutes, heißes Leberkässemmerl

Derzeit seien vor allem ältere Niederländer und Deutsche in Zell am See, erzählt eine Feinkostgeschäft-Verkäuferin. Ob das Vollverschleierungsverbot Auswirkungen haben wird? "Es kann sein, dass manche wegbleiben, aber dafür kommen andere." Ein junger Kellner will schon in den letzten Jahren einen Rückgang arabischer Touristen um 20 bis 30 Prozent wahrgenommen haben. Dafür seien jetzt besonders viele Inder da. "Schauen wir, wenn die Saison losgeht", sagt der Mitarbeiter eines anderen, auf Araber spezialisierten Lokals, dem sein Chef eigentlich verboten hat, mit den Medien zu sprechen. "Bisher merkt man keinen Unterschied. Voll verschleiert sind eh vor allem die Omas."

Nicht gern mit den Medien reden derzeit auch die Tourismusverantwortlichen in Zell am See. Zuletzt hatte Bürgermeister Peter Padourek das Außenministerium dazu aufgefordert, in den betroffenen Ländern darüber aufzuklären, dass es sich bei dem Vollverschleierungsverbot um ein Bundesgesetz handle, an dem nicht die Zeller "schuld" seien. Ein Wegfall oder zumindest starker Rückgang der Reisenden aus arabischen Ländern, die etwa ein Drittel der Nächtigungen in der Region ausmachen, wäre schmerzlich.

Katz-und-Maus-Spiel

Erfahrungswerte aus anderen Ländern fallen unterschiedlich aus. Während das Burkaverbot in Frankreich und Belgien 2011 den Tourismus im angrenzenden Deutschland belebt haben soll, gibt es im Schweizer Kanton Tessin offenbar keine Probleme. Dort ist das Verhüllungsverbot seit Juli 2016 in Kraft und wurde von der saudischen Botschaft in der Schweiz aktiv kommuniziert. Ausländerinnen seien gut informiert und würden sich mehrheitlich anpassen, berichten Schweizer Medien, ein Rückgang der Urlauberzahlen sei bisher nicht zu verzeichnen.

Problematisch und in Österreich bis dato ungeklärt ist die Frage der Kontrollen. Zuständig sein werde vermutlich die Polizei, sagte der Zeller Bürgermeister. Touristinnen, die nicht auf die Vollverschleierung verzichten wollen, werden sich kaum auf ein Katz-und-Maus-Spiel mit der lokalen Polizei einlassen, sondern einfach nicht mehr nach Österreich kommen.

Oder, meint Hazem Hamza, sie arbeiten mit einem Trick. Kürzlich habe er eine Frau beim Einkaufen beobachtet, die sich einen Zipfel des Kopftuchs vor Mund und Nase hielt. "Wenn ein Kontrolleur kommt, kann sie es einfach fallen lassen."

Der Ägypter Hamza lebt seit 15 Jahren in Österreich und hält seit einiger Zeit Kurse in Zell am See, in denen er den richtigen Umgang mit arabischen Gästen vermittelt. Inzwischen brauche ihn niemand mehr, sagt er. Die anfänglichen Missverständnisse zwischen Gästen und Gastgebern seien weitgehend ausgeräumt.

Höflicher Hinweis

Höflich formulierte Hinweise in den Hotels klären mittlerweile darüber auf, dass es zum Beispiel ratsam ist, die Duschkabine beim Duschen zu schließen, weil es nicht, wie in arabischen Ländern, einen Abfluss im Boden gibt. Oder dass man in Apartments besser keine heißen Töpfe auf den Holzboden stellen sollte, weil sonst ein schwarzer Fleck entsteht. Eine in Haushaltsdingen unerfahrene Frau aus Saudi-Arabien, die zu Hause von drei, vier Dienern unterstützt wird, wisse das eben nicht, meint Hamza. Die Zeller hätten wiederum gelernt, dass ein paar arabische Floskeln Herzen öffnen. Und die Geldbörsen: "Der Araber hat Gefühl und Beobachtung," sagt Hamza. "Er spricht nicht viel, aber er beobachtet alles. Wer sein Herz trifft, kann alles von ihm haben."

Früher sei das Unverständnis zwischen den Kulturen "extrem" gewesen. In den vergangenen zwei Jahren habe er eine Annäherung zwischen europäischen und arabischen Touristen beobachtet, erzählt Hamza. "Der Grund ist, glaube ich, dass so viele Flüchtlinge gekommen sind, denen die Europäer geholfen haben. Dadurch ist mehr Kontakt entstanden." Was das Verschleierungsverbot bringen soll, verstehe er aber nicht. "Integration für Flüchtlinge: ja, natürlich. Integration für Touristen, die eine Woche bleiben? Nein."

Die Zeller -tourismuserfahren seit Generationen, wendig und bereit, sich anzupassen -haben, scheint es, damit das geringste Problem. Auch wenn einige Einwohner murren, der Euro rollt. Und falls "Salamse" (Zell am See), das Paradies arabischer Urlauber, weil es dem im Koran beschriebenen Paradies -See, Berge -ähnelt, die Gunst der Gäste aus dem Nahen Osten verliert? Dann wird man sich nach Nachschub umsehen. Inder sind ja offenbar interessiert. Außer es kommt ein Sari-Verbot.