Youtube von

Die größten Stars der Welt ...

... von denen Sie noch nie gehört haben

Youtube Stars © Bild: Ricardo Herrgott

Youtuber sind die Popstars ihrer Generation. Ein Blick in eine seltsame Welt zwischen harmlosem Hobby und knallhartem Geschäft - mit Millionen von Fans im Internet.

Berat ist sauer auf seinen Chef. Er ist heute um 5 Uhr aufgestanden, hat sein hellblaues Arbeitsshirt angezogen, ist eine Stunde mit der S-Bahn zur Kölner Lanxess Arena gefahren und hat mit zwei Kollegen dort seinen Arbeitsplatz aufgebaut. Sechs Stunden ist das jetzt her. Mit seinen Kollegen sollte Berat an einem Infostand Studenten Handyverträge andrehen. Stattdessen lehnt der 24-Jährige an einem Baumstamm im Schatten, zündet sich mit einem Streichholz eine Zigarette an und sagt "Nicht ein Student weit und breit." Er schnippt das Streichholz durch die Luft; dort, wo es zu Boden fällt, liegen schon drei weitere abgebrannte Zeugnisse der Langeweile. Am Stand gegenüber der riesigen Halle bleibt endlich jemand stehen. Ein alter Mann will wissen, ob die jungen Leute das Display seines Handys tauschen könnten. Berat muss lachen: "Wo sind wir hier nur gelandet?"

Ein paar Meter weiter versuchen Arbeiter in gelben Shirts gerade, einen roten Teppich um eine 90-Grad-Kurve zu rollen. In einer Stunde werden hier Hunderte Teenager stehen und vor allem eines tun: kreischen. Superstars werden über den Teppich spazieren und Menschen wie Berat das Gefühl geben, schlagartig wahnsinnig alt zu sein. Die Superstars heißen Bibi, Apecrime, Celina Blogsta oder Julien Bam, und sie sind nicht älter als diejenigen, die sie anhimmeln. Sie sind Youtube-Stars, die Beatles ihrer Generation.

Youtube Stars
© Ricardo Herrgott

Unter Teenagern lösen sie einen Wallfahrtstrieb aus und tragen zur Befriedung der Wohnzimmer bei, weil man mit Kindern schon lange nicht mehr um die Fernbedienung streiten muss. Willkommen bei den Videodays in Köln, Europas größter Youtube-Messe.

Sabrina ist gerade 13 Jahre alt geworden und weiß ganz genau, wo sie hier gelandet ist. Ganz nah an den Zwillingen Lisa und Lena, die mit selbst gebastelten Musikvideos im Internet Popstars wurden. Alleine auf Instagram haben die beiden 13-Jährigen 1,5 Millionen Fans. Sabrina ist mit ihrem Vater aus Linz hergefahren. Jetzt, wo sie nur Meter entfernt von ihren Idolen steht, zögert sie. Die Fotografen, das Gekreische, die Tränen in den Augen der anderen Kinder. Ihre Augen sind trocken, aber ihr Blick ist verunsichert.

"Es ist schon etwas seltsam da draußen", sagt Celina Blogsta. Österreichs Shootingstar auf Youtube lief gerade über den roten Teppich; für jeden Fan eine Umarmung, dann ein wenig Platz neben sich lassen, Handy raus, grinsen, Selfie. Immer wieder. Umarmung, Selfie, weiter geht's. "Es ist schon Routine geworden", sagt die 16-Jährige nüchtern. Dann muss sie lachen, als wäre sie von ihrer eigenen Abgeklärtheit überrascht. "Es macht schon viel Spaß." Im Backstage-Bereich nimmt sie auf einem roten Sofa Platz und wartet auf das nächste Interview. Aus der Halle dröhnen der Bass und das Gekreische von 14.000 ekstatischen Teenagern durch die Wände.

Knallhartes Geschäft

Youtube-Star zu sein macht Spaß, aber vor allem ist es harte Arbeit. Celina geht noch zur Schule, nebenbei gibt es für sie aber nur Youtube. Bis zu zwei Tage arbeitet sie an einem ihrer etwa zehnminütigen Videos, in denen sie über Mode, Kosmetik und typische Teenager-Probleme spricht. "Ich überlege mir eine Geschichte, dann filme und schneide ich alles selbst", sagt sie. Mindestens dreimal pro Woche lädt die Youtuberin ein neues Video hoch und erreicht damit bald 200.000 Abonnenten - so viele Menschen wie der Publikumshit "Bist du deppert!" auf Puls 4.

Hannah Thalhammer sitzt ein rotes Sofa weiter und ist noch nicht ganz so weit. Ihren Comedy-Kanal auf Youtube hat sie "Klein aber Hannah" genannt, und der ist derzeit 150.000 Menschen einen Klick wert. "Eigentlich wollte ich eine Kochshow machen", erzählt die Wienerin, "aber da ich gar nicht kochen kann, wurde das ungewollt komisch." Seither macht sie eben Comedy.

Youtube Stars
© Ricardo Herrgott

"Das Wichtigste ist, dass du du selbst bist", sagt Hannah. Diesen Satz hört man hier immer wieder: Sei du selbst. Bleib authentisch. Sei glaubwürdig. Youtuber scheinen dasselbe zu tun wie normale Menschen, nur hängen sie das Wort "Star" hintendran. Hannah ist der Pausenclown-Star. Celina ist der Große-Schwester-Star. Andere sind Stars im Spielen von Videospielen, im Modetipps-Geben oder Tagebuch-Führen.

Was das Publikum will

Authentizität ist ein rares Medien-Gut und Youtube ein knallhartes Business. Celina, Bibi und Co. sind kleine Firmen, hinter denen große Firmen stehen. Netzwerke nennen sich diese Vermarkter, die junge Youtube-Talente unter Vertrag nehmen. Sie beraten und fördern Jugendliche (und deren Eltern), schlagen Themen vor, sorgen für größtmögliche Reichweite -und sie fädeln die begehrten Werbedeals ein. Durch Werbung und Produktplatzierungen verdienen Youtuber mitunter wie echte Popstars, wie viel von dem Geld aber bei den Vermarktern landet, darüber will hier niemand sprechen. Wer eine Million Abonnenten hat, so die brancheninterne Faustregel, hat vorerst ausgesorgt.

Der erfolgreichste Youtube-Star, der US-Videospieler Pewdiepie, soll 2015 gut 14 Millionen Dollar verdient haben -bei 47 Millionen Abonnenten. Einer Studie zufolge sind die fünf größten Stars der US-Jugendlichen unter 20 Jahren allesamt Youtuber. Österreich ist davon noch weit entfernt, so gibt es mit "Diego 5" erst einen Youtube-Vermarkter, bei dem auch Celina Blogsta unterschrieben hat. In Deutschland ist der Markt umkämpfter -obwohl der Boom bereits einen ersten Rückschlag verkraften musste. Im Vorjahr verließen gleich mehrere Stars den größten Vermarkter Mediakraft und machten ihrem Unmut über das Netzwerk teils lautstark Luft -auf Youtube. Geschäftsführer Christoph Krachten verließ das Unternehmen.

Heute ist Krachten Veranstalter der Videodays und bemüht, wie der Vater der Szene zu wirken. Er begrüßt jeden Youtuber herzlich, Umarmung hier, Small Talk da, nur die Selfies fehlen. "Viele Youtube-Talente sind schüchtern, die würden es nie in ein TV-Casting schaffen", sagt er. Dabei wüssten die Teenager besser als jeder TV-Direktor, was ihr Publikum wolle. Aber warum schauen Kinder anderen Kindern beim Schminken zu?"Weil sie lernen wollen. Gleichzeitig werden die Stars auf diese Art selbst zum Medienprodukt", erklärt Krachten. Für ihn liegt darin auch die Gefahr, denn die Authentizität birgt Risiken: "Die Stars spielen keine Rollen, sie sind sie selbst und im ständigen Dialog mit ihren Fans."

Lob und Kritik, Liebe und Hass prallen nicht an einem PR-Büro ab, sondern gehen ihnen direkt unter die Haut. "Deshalb müssen wir auf diese Kids aufpassen", sagt Krachten und blickt in den Raum. Er meint sie alle hier, Vermarkter, Veranstalter, Journalisten und Fans.

Philipp Betz geht nicht über den roten Teppich, er tritt auch nicht in der Halle auf, denn er hat keine Songs zu singen und auch keine Gags zu erzählen. Auch er will die Szene beschützen, er war schließlich schon vor sechs Jahren mit dabei, die ersten Videodays waren seine Idee. "Das war eine Party mit ein paar Leuten, ein kleiner Treffpunkt einer kleinen Szene", sagt Betz, der sich auf Youtube Mr. Trashpack nennt und so etwas wie die "Bravo" des Portals ist. "Aber die ,Bravo' ist doch scheiße", sagt er trocken.

Seine Show widmet sich dem Klatsch und Tratsch anderer Youtuber. "Alle haben Vermarkter, es bilden sich einzelne Gruppen und es ist ein riesiges Business geworden", sagt Betz. Er erinnert sich gerne an die Zeiten, als Youtube noch Do-it-yourself war: "Wir haben gelernt, auf unsere Botschaft zu achten." Die Kids heute wüssten davon oft gar nichts mehr. Binnen Wochen werden sie mithilfe von Vermarktern zu Superstars, losgelassen auf Millionen und Millionen losgelassen auf sie. Doch kann man ihnen das vorwerfen? Wenn Manager ihnen versprechen, Ferraris in ihre Wissenslücken zu parken? Und war das nicht schon immer so?

Weitreichende Folgen

"Es stimmt, dass Jugendliche immer Stars wollen, die die ältere Generation nicht kennt", sagt Philipp Ikrath. Dass Aufstieg und Fall, angetrieben von einer Vermarktungsmaschinerie, mitunter rasend schnell gehen können, sei ebenfalls nicht neu. "Doch Youtube ist nicht dasselbe wie die Backstreet Boys in den 90ern." Ikrath arbeitet beim Verein für Jugendkulturforschung in Wien und beobachtet das Phänomen seit Jahren. Zwar verläuft auch im Fall der Begeisterung um Youtube eine strikte Grenze zwischen jenen unter 20 und den über 20-Jährigen, doch seien es eben keine gecasteten Superstars, makellos und unerreichbar, die hier verehrt würden. Dem Fantum wohne eine gewisse Obsession inne, doch stünde Youtube für einen Wandel, der alle Teile der Gesellschaft betreffe, meint Ikrath. "Egal ob Netflix oder Mediatheken, Youtube hat auch die Älteren schon jetzt verändert."

Und das Portal wächst mit seinen Nutzern. Schon heute hat jeder zweite 30-Jährige zumindest einen Youtube-Kanal abonniert -besonders interessant für die Werbebranche. "An Schleichwerbung werden wir uns gewöhnen müssen", sagt Ikrath. "Vor allem Kinder nehmen die Produkte, die Youtube-Stars in die Kamera halten, nicht als störend wahr, ganz im Gegenteil. Sie finden es cool, wenn Menschen wie sie so viele tolle Dinge geschenkt bekommen, die sie eh kaufen würden." Sei du selbst. Bleib authentisch. Sei glaubwürdig. Sabrina, die mit ihrem Vater extra nach Köln gereist ist, ist das alles egal. Die 13-Jährige strahlt bis über beide Ohren. Das Gekreische am roten Teppich erreichte vorhin seinen schrillen Höhepunkt, als Beauty-Youtuberin Bibi vor die Halle trat. Videos mit mehr als elf Millionen Aufrufen machen Bibi zur Madonna der Szene. Für eine Sekunde schaute niemand mehr auf Lisa und Lena, die Lieblinge von Sabrina. Sie rannte los und brach dabei alle Regeln: Statt ein Selfie zu erbetteln, wollte sie ein Autogramm; nicht wie früher auf Papier, sondern auf ihre Handy-Hülle.

"Ich will jetzt auch anfangen, Youtube zu machen", sagt sie und präsentiert stolz die beiden Unterschriften. Ob sie denn auch mal ein Publikum haben will, größer als jenes von Armin Wolf oder gar den Backstreet Boys? Ihre zusammengekniffenen Augen und das verlegene Grinsen verraten für einen Augenblick ihre Unsicherheit. Dann fragt sie, ganz leise: "Welchen Channel machen die?"

Top-Youtuber

Youtube Stars
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MrTrashpack
Nachrichten aus der Video-Welt: Wer wissen will, was auf Youtube los ist, muss ihn abonnieren
733.000 Abonnenten 1,6 Millionen Klicks auf ein Video


Youtube Stars
© Ricardo Herrgott

Celina Blogsta
Österreichs Shootingstar auf Youtube macht alles von Mode bis zu einer Art Tagebuch
183.000 Abonnenten 760.000 Klicks auf ein Video


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Klein aber Hannah
Comedy mit Hirn: Hannah verbindet aktuelle Nachrichten und Themen mit Klamauk und kreativem Humor
153.000 Abonnenten 950.000 Klicks auf ein Video


Videodays auch bald in Österreich: Auftakt in Wien
Die Videodays in Köln sind das größte Youtuber-Treffen Europas. Neben einer Bühnenshow der bekanntesten Stars werden Awards für kreative Kanäle und Künstler mit mehr als einer Million Fans vergeben, zudem gibt es Workshops für angehende Youtuber. Was 2010 als kleine Party begann, geht heuer erstmals in vier deutschen Städten über die Bühne. Die Veranstalter arbeiten mit dem österreichischen Netzwerk "Diego 5" bereits an den ersten Videodays in Wien -mit ein wenig Glück sogar noch 2016.

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