"Wunderkind nur poetische Umschreibung": Innauer und das Schlierenzauer-Phänomen

Arrivierte ÖSV-Adler warten noch auf die Höchstform "Fall Jacobsen": Vom Installateur zum Springer-Star

"Wunderkind nur poetische Umschreibung": Innauer und das Schlierenzauer-Phänomen

Toni Innauer, seit 1993 Nordischer Rennsportdirektor im Österreichischen Ski-Verband, gewann 1980 als 21-Jähriger Olympisches Gold von der Normalschanze in Lake Placid. Vier Jahre davor hatte er in Innsbruck im Alter von 17 Jahren die Silbermedaille auf der Großschanze geholt, besiegt wurde Innauer nur von seinem Teamkollegen Karl Schnabl.

Im Interview mit der APA spricht Innauer über das Phänomen Schlierenzauer, analysiert das bisherige Abschneiden der "Arrivierten", beurteilt die Chancen der in Innsbruck antretenden jungen ÖSV-Garde - darunter sein Sohn Mario - und erklärt, warum es in Österreich einen Fall "Anders Jacobsen" nicht geben kann.

APA: Warum wird ein Skisprung-Bewerb bei Bedingungen wie in Garmisch-Partenkirchen durchgeführt?

Toni Innauer: "Weil das Neujahrsspringen einer der wichtigsten Termine des gesamten Jahres ist. Und dieser Tatsache wurde am Montag nachgegeben. Ich bin glücklich, dass die Tournee nicht so entschieden wurde, es ist noch alles offen. Mit Andreas Küttel hat es schließlich auch einen verdienten Sieger gegeben."

APA: Ist Gregor Schlierenzauer ein Wunderkind?

Innauer: "Wunderkind ist nur die poetische Umschreibung dafür, dass man es mit einem vor allem motorisch hoch begabten Menschen zu tun hat. Gerade Gregors Leistung in Garmisch ist sehr hoch zu werten. Ganz anders als in Oberstdorf hatte er es nämlich nicht selbst in der Hand, konnte nicht alles selbst entscheiden. Und das ist für so einen Himmelsstürmer nicht leicht."

APA: Wird Schlierenzauer die Tournee gewinnen?

Innauer: "Ich gehe von meiner ursprünglichen Meinung auch jetzt nicht ab. Wenn er in den Wettkämpfen souverän auftritt, bin ich sehr zufrieden. Sicher kann er die Tournee gewinnen, bis jetzt hat er alles super gemacht. Aber man muss abwarten, wie er die kumulativen Belastungen verarbeitet. Man wird sehen."

APA: Das ehemalige Wunderkind Toni Nieminen hat eine Organisation wie im ÖSV, die er nicht genossen hat, als großes Plus von Schlierenzauer bezeichnet.

Innauer: "Damit hat er sicher nicht unrecht. Gregor ist bei uns in einer guten Gruppe. Wir helfen ihm dabei, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Was den Rummel um seine Person betrifft, wollen wir beides: Einerseits die Öffentlichkeit, denn ein solches Phänomen ist für den Sport natürlich sehr wertvoll. Andererseits soll es aber in einem kalkulierbaren Ausmaß bleiben."

APA: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der "Arrivierten" wie Thomas Morgenstern, Andreas Kofler und Co.?

Innauer: "Sie spielen momentan das alte Spiel aller hochtrainierten Sportler - das Warten auf die Höchstform. Es geht aber spürbar aufwärts. Gerade Morgenstern hat bei der Tournee bisher einen großen Schritt vorwärts gemacht. Sein Sprung in Garmisch war eigentlich ein Podestsprung."

APA: In Innsbruck ist die junge Garde um Mario Innauer, Arthur Pauli und Manuel Fettner mit von der Partie. Was erwarten Sie von ihnen?

Innauer: "Es geht in erster Linie darum, sich für den Hauptbewerb zu qualifizieren. Und das traue ich ihnen unter normalen Bedingungen zu. Sie befinden sich jetzt im Bereich der erweiterten Weltspitze."

APA: Sind Sie für Ihren Sohn Mario Vater, Trainer und Ratgeber in einer Person?

Innauer: "Nein, seine Trainer begleiten die Geschichte wie bei jedem anderen auch. Wenn er das Gefühl hat, dass er mit mir über manche Sachen reden will, dann macht er das. Es ist dann aber mehr ein Meinungsaustausch. Ein 17-jähriger Sportler hat ja schon eine ganz eigene Persönlichkeit."

APA: In Norwegen wurde der Installateur Anders Jacobsen bei einer Kadersichtung entdeckt. Wäre ein solcher Fall in Österreich denkbar?

Innauer: "Zur Zeit sicher nicht, weil wir in unseren Kadern sehr viele Leute sehr lange begleiten und betreuen. Mit unserer speziellen Kaderstruktur würden wir solche Leute auffangen."

(apa/red)