Woody Allen im Interview von

Wien im Visier

Der Star-Regisseur verrät im NEWS-Talk, weshalb er gerne in Österreich drehen würde.

Woody Allen im Interview - Wien im Visier © Bild: Reuters

Dass Woody Allen ein Faible für Welthauptstädte hegt, ist seit seinen betörenden Hommagen an New York geläufig. In jüngster Zeit orientiert er sich indes immer öfter in die europäischen Metropolen: London, Paris und demnächst Rom. Wien, wo die Neurose erfunden wurde, fehlt noch. Das allerdings soll sich ändern, reklamiert Woody Allen im NEWS-Interview.

Die dekadente Aura der Stadt fordere sein Schaffen förmlich heraus – er warte bloß auf Einladung und Zuschuss. Im Satire-Band „Pure Anarchie“ ließ der Fünfundsiebzigjährige Alma Mahler, Klimt und die anderen unter dem Titel „Singt, ihr Sachertorten!“ schon literarisch paradieren.

Im aktuellen Werk entführt uns der Großmeister in den Pariser Salon der ikonenhaften amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein: Ein Amerikaner zecht und disputiert dort mitternachts mit den Herren Hemingway und Picasso.

NEWS: Ihr Film spielt in Paris, der nächste in Rom. Wollen Sie nicht in Wien filmen?
Woody Allen: Ja, sehr gern. Zur Jahrhundertwende war das ein prächtiger Ort: für Komponisten, Autoren, Maler. Freud, die Psychoanalyse, Philosophie, moderne Musik, eine großartige Atmosphäre, eine intensive Art zu leben, dazu spektakuläre Selbstmorde – alles außerordentlich. Außerdem ist Wien schön anzuschauen, sehr elegant. Weshalb sich des Jahrhunderwende-Wiens kaum ein Regisseur angenommen hat, ist mir ein Rätsel.

NEWS: Darf man also darauf hoffen, dass Sie Ihren nächsten Film in Wien drehen?
Woody Allen: Nein, denn niemand in Wien hat bis jetzt zu mir gesagt: Kommen Sie, machen Sie einen Film bei uns. Sie müssen bedenken: Das erfordert Kostüme, und die kosten Geld. Nicht viel, aber es kostet. Ich wollte den Film in Frankreich schon vor fünf Jahren machen, aber es war eben lange kein Geld da.

NEWS: Wie wird eine Stadt denn nun Drehort für einen Ihrer Filme?
Woody Allen: Ich ging nach London, weil sie meinen Film finanzierten, aus einem wurden vier. Paris sprach mit mir, Spanien. Ich bin völlig unvoreingenommen. Ich bin genauso glücklich, einen Film in N.Y. zu machen wie in all diesen europäischen Großstädten. Also ich sage Ihnen, wie das abläuft: Jemand aus einem Land ruft mich an– sagen wir aus Kroatien – und fragt, ob ich in dem Land filmen will. Ich war da noch nie, also weiß ich es nicht. Aber wenn es ein seriöses Angebot ist, fahre ich hin und schaue, ob es sinnvoll ist, dort einen Film zu machen. Das Problem mit den US-Filmstudios ist: Sie wollen ein Skript und dazu noch wissen, wer spielen wird, sonst finanzieren sie den Film nicht. So will ich aber nicht arbeiten. Diese Leute wollen eben nicht nur Banker sein, während sie in Europa damit durchaus zufrieden sind. Das ist es ja, wofür sie da sind: Ich mache den Film, sie kümmern sich um die Finanzierung. Ich will mein Skript keinem Executive aushändigen, der dann Leute hineininterveniert.

NEWS: Ihr nächster Film spielt also in Rom. Was erwartet uns da?
Woody Allen: Penélope Cruz spielt eine Italienerin. Wir wollten auch Ruby Rubacuori casten, eine selten attraktive Frau.

NEWS: Werden Bunga-Bunga-Partys im Film stattfinden?
Woody Allen: Nein, ganz in Gegenteil, der Film wird sehr spröde. Ich wollte eigentlich im Vatikan filmen, aber man sagte mir, das sei unmöglich. In Cinecittà gibt es jedoch einen Sektor, in dem eine Replik aufgebaut ist.

NEWS: „Midnight in Paris“ hingegen ist ein Fest der Romantik und der Nostalgie.
Woody Allen: Das Leben ist brutal, grausam und tragisch. Also versucht man immer, zu entkommen, in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort. „Ach, könnte ich doch nur in Paris leben oder in Ägypten. Alles wäre besser für mich.“ Die Wahrheit ist: Es ist nirgends besser! Die Welt ist hart. Wenn man in Nostalgie der Belle Époque verfällt, denkt man ans Maxim, an Champagner, Pferdekutschen. Wenn man genauer hinschaut, war es nicht so toll. Die Kinder starben an Polio und Tuberkulose. Ideal wäre, wenn man kurz dahin könnte und wieder zurück.

NEWS: Wie es in „Midnight in Paris“ geschieht. Wie entwickelten Sie die Idee?
Woody Allen: Ich dachte an einen Film, den Billy Wilder geschrieben hatte, „Midnight“. Er spielt in Paris. Ich erinnerte mich an das Ritz und die Place Vendôme. Das ist so romantisch. Jetzt hatte ich schon einen tollen Titel und brauchte nur noch den Film dazu. Normalerweise habe ich zuerst eine Story und dann den Titel. Ich ging es so an wie in meinen Anfängen als Gagschreiber beim Fernsehen. Da kamst du montagmorgens hinein und hattest zu produzieren, keine Zeit, auf die Muse zu warten. Ich musste es sozusagen erzwingen. Ich setzte mich hin und schrieb. Die Idee kam: Es sollte jemand um Mitternacht in eine andere Zeit, eine andere Welt entführt werden. Dann war alles leicht.

NEWS: Die Kindheit ist auch so ein Ort der Nostalgie.
Woody Allen: Wenn ich in New York an einem Restaurant vorbeigehe, wo einmal ein kleiner Laden war, erinnere ich mich an meine Kindheit. Wie nett es war, wenn ich dort ein Spielzeug bekam. Aber Kindheit ist nicht nur schön, sie ist auch schmerzhaft. Nostalgie ist eine Falle.

NEWS: Was holt einen auf den Boden?
Woody Allen: Wenn man vor den Problemen steht, als Vater Kinder großziehen zu müssen. Wenn man mit den Problemen der Kinder konfrontiert ist, ihren Schulen, ihrem Aufwachsen, landet man sehr schnell in der realen Welt. Es gibt viel, was meine Frau und ich nicht mehr tun können, seit die Kinder geboren wurden. Vorher war viel mehr möglich. Sie erfordern echtes Verantwortungsgefühl von dir.

NEWS: Was würden Sie vorziehen – ein literarisches Meisterwerk zu fertigen oder Ihren nächsten Film?
Woody Allen: Ich würde immer beim Film bleiben! Als ich jung war, habe ich nichts gelesen. Erst als ich viel älter war, habe ich damit begonnen. Selbst mit 18 hab ich nur Comics gelesen. Ich bin nicht sehr belesen. Ich lese, um zu überleben. Ich muss lesen. Aber nie hat mir ein Buch so viel Freude bereitet wie ein Film.

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