Neuer Roman von

Brennerova? "Eh gut"

Wolf Haas macht wie immer Spaß, doch es mangelt an Biss und Drive

Wolf Haas © Bild: APA/Pfarrhofer

"Eh gut." So könnte man die Frage beantworten, ob einem der neue Roman von Wolf Haas gefallen habe. Ganz glücklich macht die "Brennerova" nämlich nicht. Weder den Brenner, der mit seiner russischen Internetbekanntschaft doch nur die von der Fremdenpolizei vermutete Scheinehe eingeht, obwohl Nadeshda hübsch und Brenner willig wäre. Noch den Leser, der den Autor an seiner eigenen Erfolgslatte misst.

Ein Teil der Startauflage von 100.000 Stück wurde bereits gestern im Haupthof des Wiener Museumsquartiers verkauft, als am Vorabend des ersten offiziellen Verkaufstages Wolf Haas mit der ersten Lesung aus seinem neuen Buch die O-Töne-Reihe beendete. Wie immer bei Haas-Auftritten waren die Zuhörerreihen dicht gefüllt, und wie immer bewies der 53-Jährige nicht nur seine Entertainerqualitäten, sondern auch sein Gedächtnis. Auch wenn die auswendig rezitierten Passagen diesmal nicht seinem achten Brenner-Roman, sondern seinem Kinderbuch "Die Gans im Gegenteil" galten.

In die Jahre gekommen

Simon Brenner ist in die Jahre gekommen. 1996 hatte er in "Auferstehung der Toten" als Mittvierziger seine literarische Geburt gefeiert, nun ist er über 60 und überlegt lange, was er in seinem Internet-Profil als Berufsbezeichnung angeben soll. Imponiert "Kriminalpolizist" die heiratswilligen Russinnen mehr, oder vielleicht "Bundesbeamter in Ruhe"? Brenner entscheidet sich für "Kriminalpolizist i. R.": "Das war die Wahrheit, aber doch mit der Hoffnung verbunden, dass die Russin die Abkürzung nicht versteht oder vielleicht sogar glaubt, es ist ein besonders hoher Rang. In Regierungsfunktion!"

Weg mit der Lockerheit

Wolf Haas ist der Witz nicht ausgegangen. Noch immer gibt es funkelnde Passagen, sorgsam gedrechselte Wendungen und einen souveränen Umgang mit Sprache. Die Lockerheit von einst ist jedoch vorbei. Natürlich lässt sich ein originelles Idiom wie das Haas'sche, das für eine halbe Generation von Germanisten die reinste Arbeitsplatzbeschaffung war, nicht ständig neu erfinden und sind gewisse Abnützungserscheinungen nur natürlich. Doch auch eine gewisse Altersmüdigkeit des Helden geht nicht spurlos an der Tonlage des Buches vorbei. Statt geradlinige Konsequenz mehr: anything goes.

Wie ja der Widerspruch ohnedies das Markenzeichen des Mannes im fortgeschrittenen Alter zu sein scheint. Einerseits betreibt Brenner sein eigenes russisches Roulette in Form des Besuchs einschlägiger Partnerwahl-Plattformen, andererseits ist er glücklich, der Exfreundin und Exlehrerin Herta über den Weg zu laufen (und dabei nur um Haaresbreite einer vom Hausdach fallenden Blechschere zu entgehen). Der ist ihre Frühpension nämlich derart vorteilhaft bekommen, dass dem Brenner auskommt: "Russinnen schön und gut, aber die einheimischen Weiber auch nicht zu verachten." Einerseits düst er auf den ersten Wink der schönen Nadeshda bis nach Nischni Nowgorod, anderseits lässt sich der Ex-Polizist schon beim Zwischenstopp in Moskau von einer Kindergang brutal ausrauben. Doch nicht nur an die Wolga, sondern auch nach Ulan Bator führen Brenners Wege. Als Geldbote mit zwei Millionen Dollar im Gepäck.

Irgendwie ein Krimi

Denn natürlich ist "Brennerova" ja auch irgendwie ein Brenner-Krimi. Es geht um das Wiener Rotlichtmilieu und internationalen Mädchenhandel, um Terrorismus, diplomatisches Krisenmanagement und die Auswirkung des Stockholmsyndroms in der Mongolei. Es geht um einen geheimnisvollen Tätowierer mit kulturphilosophischem Anspruch und um eine Gangsterbande namens Wu Tan Clan, die sich in ihrer Geschäftsphilosophie am babylonischen Herrscher Hammurabi orientiert: Aug um Aug, Zahn um Zahn. Was aber nicht zu Zahnausfall, sondern zu gleich vier abgehackten Händen führt, die beim kunstvollen Wieder-Annähen beinahe vertauscht werden.

Mehr möglich gewesen

Wer "Eh gut" sagt, weiß aber auch: Reklamation zwecklos. Ansprüche auf Nachvollziehbarkeit und Spannungsaufbau durften bei Haas ohnedies noch nie eingefordert werden. Dass er, auch wenn es dem neuen Buch mitunter an Biss und Drive mangelt, dennoch gut zu unterhalten versteht, darf bei einem Autor dieses Formats vorausgesetzt werden. Haas macht Spaß. Dennoch beschleicht einem bei genauer Beschäftigung mit "Brennerova" das unbestimmte Gefühl, dass da mehr drinnen gewesen wäre. Dass man sich das Ganze irgendwie anders vorgestellt hat. Spritziger, vielleicht. Origineller. Bezaubernder. Ein Gefühl, dass bei Partnerbörsen im Internet möglicherweise keine Seltenheit ist.

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