Wohlklingende Farbmelodien: "Der Blaue Reiter"-Austellung in der Wiener Albertina

Kandinsky-Aquarelle sind ab sofort zu bestaunen Werkschau läuft vom 4. Februar bis zum 15. Mai

Wohlklingende Farbmelodien: "Der Blaue Reiter"-Austellung in der Wiener Albertina © Bild: Albertina

Wohlklingende Farbmelodien und wirbelnde Tänze der Formen in der Wiener Albertina: Ab sofort ist "Der Blaue Reiter" mit mehr als 250 Werken der "wahrscheinlich bedeutendsten und einflussreichsten Künstlergruppe des 20. Jahrhunderts" zu Gast, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder bei einer Pressekonferenz betonte. Zum 100. Jahrestag der Gründung bietet die bis 15. Mai laufende Schau kostbare Kandinsky-Aquarelle aus dem Lenbachhaus in München aber auch einen aufregenden Rahmen für die Albertina-Bestände von Alfred Kubin oder Paul Klee.

Am 1. Jänner 1911 begegneten sich Wassily Kandinsky und Franz Marc zum ersten Mal. Am 2. Jänner 1911 besuchten sie gemeinsam ein Konzert von Arnold Schoenberg in München, das einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterließ. Nach kurzer, intensiver Zusammenarbeit standen sie zu Jahresende im Zentrum der ersten gemeinsamen Ausstellung des "Blauen Reiter", so der Titel jenes Almanach, in dem Kandinsky und Marc das theoretische Gerüst ihrer lose verbundenen Künstlervereinigung darlegten. Heinrich Campendonk, August Macke, Gabriele Münter, Lyonel Feininger, Alexej Jawlensky, Paul Klee, Alfred Kubin, Marianne von Werefkin und andere schlossen sich ihnen an - Werke dieser zehn Künstler setzt die Ausstellung in Dialog.

Wertvollste Aquarelle ausgeliehen
Sie suchten Geist und Vielfalt und "Freiheit von dem, was das Auge sieht", so Schröder. Paul Klee war überzeugt: "Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar." Eine Auffassung, mit der er bei den Naturalisten seiner Zeit auf wenig Gegenliebe stieß. Die umfangreichste Sammlung seiner Werke besitzt nach einer Schenkung durch Kandinskys Lebensgefährtin Gabriele Münter das Lenbachhaus in München. 150 Papierarbeiten, darunter wertvollste Aquarelle, nach Wien auszuleihen, sei auch für das Haus in München "etwas ganz Besonderes", so dessen Leiter Helmut Friedel. Als Tauschgeschäft werden im Lenbachhaus mehr als 100 Schiele-Blätter aus der Albertina gezeigt. Ironie der Kunstgeschichte: Egon Schiele hatte sich eine Aufnahme in den "Blauen Reiter" gewünscht, blitzte aber ab.

"Geburtsstunde der Moderne"
Dabei waren die Proponenten der in München konzentrierten - wenn auch aus zahlreichen russischen Mitgliedern bestehenden - Gruppe alles andere als dogmatisch, was die Wahl ihrer Motive und Techniken betraf: Vom Kubismus zur Kinderzeichnung, von den idyllischen Landschaften August Mackes über abstrakte Farbstudien wie Kandinskys bunten "Quadraten mit konzentrischen Ringen" bis zu den gespenstischen Alpträumen Alfred Kubins - die Propter Homines Halle im Obergeschoß der Albertina führt eindrucksvoll durch die Vielstimmigkeit und Vielsinnigkeit des "Blauen Reiters". Sie versammelt die fantastischen Postkarten, die Franz Marc an Kandinsky und Münter sendete und mit seinen charakteristischen Tieren zierte und dokumentiert in Wandtexten die entscheidenden Jahre der Künstlerfreundschaften - und damit für Schröder eigentlich die "Geburtsstunde der Moderne".

Alfred Kubin mittendrin
Nicht zuletzt bietet die Ausstellung, die den Auftakt zu einer neuen Partnerschaft der Albertina mit der Bank Austria macht (jährlich wird die Bank eine Ausstellung sponsern), in der Weite ihres Angebots und der Stimmigkeit des Kontexts eine seltene Gelegenheit für die Präsentation eigener Bestände: Vor allem Alfred Kubin, von dem die Albertina über mehr als 2.000 Blätter verfügt, tut es gut, in einem Saal zwischen jenen für Kandinsky und Marc aufgehoben zu sein. Seine düsteren Todesfantasien werden vom farbigen Blauen Reiter wie von einem guten Fabelwesen wohltuend in Schach gehalten.

(apa/red)