Brasilien 2014 von

Fußball WM 2014: "Nicht die besten
Schiedsrichter der Welt bei der WM"

Österreichs Schiri-Chef im Interview über die massive Kritik an den WM-Referees

WM-Schiedsrichter Wilmar Roldan. © Bild: APA/EPA/Armando Babani

Seit dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2014 stehen nicht nur die sportlichen Leistungen, sondern auch die Schiedsrichter im Mittelpunkt. Nicht gegebene Tore, gegebene und nicht gegebene Elfmeter, Abseitsentscheidungen, ungeahndete, schwere Fouls - die Referees haben bei dieser Endrunde kaum ein Fettnäpfchen ausgelassen. Österreichs oberster Schiedsrichter Robert Sedlacek erklärt im NEWS.AT-Gespräch, warum in Brasilien nicht die besten Schiedsrichter der Welt im Einsatz sind, warum es so wenige Verwarnungen gibt und warum kein Österreicher bei der Endrunde pfeift.

NEWS.AT : Sind bei der Weltmeisterschaft die besten Schiedsrichter der Welt im Einsatz?
Sedlacek: Ich sage, es sind wahrscheinlich die besten aus ihren Kontinenten dort. Darüber kann man natürlich diskutieren, denn wir haben in Europa sicher noch einige, die besser sind als die besten von anderen Kontinenten.

NEWS.AT : Warum schickt man nicht einfach die besten der Welt?
Sedlacek: Aus meiner Sicht ist das eine Frage der Philosophie. Und die Philosophie der FIFA ist derzeit, dass sie Schiedsrichter aus allen Erdteilen dabei haben will. Das bringt natürlich die Problematik mit sich, dass die Einheitlichkeit der Entscheidungen leidet und das Niveau nicht unbedingt ident ist. Und Einheitlichkeit ist wichtig, damit sich jeder auskennt.

»Es wird immer schwieriger«

Zusätzlich werden aber auch die Teams immer gleichwertiger und damit wird es auch für die Referees immer schwieriger. Es gibt kaum mehr leichte Spiele, man braucht für jedes Spiel einen top ausgebildeten Schiedsrichter. In Europa sind wir da, etwa durch die Champions League, gut gerüstet. Und ich glaube, dass die Schiedsrichter aus Europa und Südamerika, die es gewohnt sind, vor großen Massen und unter intensiver medialer Beobachtung zu pfeifen, mit diesem Druck besser umgehen können. Wobei das auch nicht vor Fehlern schützt, wie man immer wieder sieht.

NEWS.AT : Sehen Sie die Gefahr, dass Schiedsrichter aus wirtschaftlich schwächer entwickelten Ländern leichter zu bestechen sein könnten?
Sedlacek: Nein, die sehe ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass die Selektion in Europa objektiver erfolgt als woanders. Aber ich kann mir nicht vorstellen – und es wurde auch noch nie bekannt -, dass ein Schiedsrichter mit dem Vorsatz, ein Spiel zu manipulieren, zu einer Weltmeisterschaft fährt.

Nishimura im Eröffnungsspiel.
© APA/EPA/Sebastiao Moreira Yuichi Nishimura eröffnete die Fehlpfiff-Orgie bereits im Eröffnungsspiel.

NEWS.AT : Ex-FIFA-Schiedsrichter Thomas Steiner hat in einem Interview kritisiert, es gebe keine Linie der Schiedsrichter bei der WM. Würden Sie dem beipflichten?
Sedlacek: Es gibt wahrscheinlich schon eine Linie, aber die ist nicht ident mit dem, was man aus Europa kennt. Ich weiß auch nicht, welche Vorgaben FIFA-Schiedsrichter-Chef Massimo Busacca vor dem Turnier gemacht hat. Aber ich habe mir bei manchen Entscheidungen gedacht, dass offensichtlich nicht alle die richtige Linie eingeschlagen haben.

NEWS.AT : Eine deutsche Zeitung hat behauptet, es gebe eine Anweisung von Busacca, möglichst wenig gelbe Karten zu zeigen. Die FIFA hat das dementiert.
Sedlacek: Über Karten kann man immer zweigeteilter Meinung sein. Auch wir sagen unseren Schiris, was ist zu verwarnen, was ist nicht zu verwarnen. Da kannst du entweder sagen, alles muss Gelb sein, oder du gibst mehr Freiraum. Wir wollen, dass in den Graubereichen die Persönlichkeit eingesetzt wird, soweit das möglich ist. In Brasilien ist die Vorgabe offensichtlich, es muss wenig Gelb sein.

»Es werden zu viele Vergehen toleriert«

NEWS.AT : Warum will man so wenig gelbe Karten wie möglich?
Sedlacek: Vielleicht will man vermeiden, dass die Superstars wegen relativ geringer Vergehen pausieren müssen. Aus meiner Sicht werden jedenfalls zu viele Vergehen toleriert. Diese Linie, was ist Foul und was nicht, die liegt dort einfach zu weit oben. Auch der deutsche Schiedsrichterchef Fandel hat in einem Interview gesagt, wenn einmal ein Vergehen nicht geahndet wird, ok, das passiert. Aber wenn das laufend passiert, dann irritiert das die Spieler und die Zuschauer. Weil der Spieler wartet bei einem gewissen Vergehen auf einen Pfiff. Und wenn der ausbleibt, dann passt etwas nicht.

NEWS.AT : Passen sich die Spieler in so einem Fall an, sprich nutzen sie dann automatisch diesen Freiraum und das Spiel wird härter?
Sedlacek: Na sicher, das ist normal. Es gibt seit jeher bei wichtigen Spielen den Spruch „wehret den Anfängen“. Das bedeutet, was der Schiedsrichter einmal hat durchgehen lassen, ist schwer wieder einzufangen. Egal, ob es sich um eine Unsportlichkeit, um Kritik oder um ein Foul handelt.

NEWS.AT : Thomas Steiner hat ebenfalls kritisiert, die Schiedsrichter hätten mehrfach rücksichtslose Attacken nicht geahndet. Auch angesichts ihrer vorigen Aussagen: Musste dann bei diesem Turnier früher oder später eine schwere Verletzung wie die von Neymar folgen?
Sedlacek: Es kann passieren. Eines ist klar: Wenn der Toleranzlevel höher liegt, passieren mehr Vergehen. Dann ist der Stil generell rustikaler und dann kommt es natürlich auch leichter zu einer Verletzung oder sogar einer schweren Verletzung.

Neymar wird gegen Kolumbien verletzt.
© APA/EPA/Tolga Bozoglu Nach der Attacke an Neymar gab es nicht einmal Freistoß.

NEWS.AT : Der ehemalige Schweizer Top-Referee Urs Meier hat im ZDF Profi-Schiedsrichter gefordert. Stimmen Sie ihm zu?
Sedlacek: Wir brauchen nicht unbedingt Vollprofis, aber wir brauchen professionelle Schiedsrichter, die sich intensiv mit dem Schiedsrichterwesen beschäftigen. Das erfordert aber auch eine gewisse Grundsicherung in Form von Bezahlung. Jemand, der als Schiedsrichter hundert Prozent geben soll, muss beruflich Abstriche machen. Daher muss man einen Ausgleich finden, damit er zumindest gleich viel verdient wie vorher. Auch die Top-Leute in Österreich arbeiten nur mehr 20 oder 25 Stunden in der Woche und verzichten etwa auf Führungspositionen, um genug Zeit für Training, Fortbildung und die Spiele zu haben.

»Wir müssen aufpassen«

Dass bei uns seitens der Bundesliga nicht so viel Geld zur Verfügung steht wie in den großen Ligen ist klar, aber wir müssen aufpassen. Derzeit sagt der ÖFB, wir möchten im Schiedsrichterwesen wieder an die Spitze kommen. Dann müssen wir aber auch dabei sein, wenn über die UEFA und über die großen Verbände Neuerungen eingeführt werden. Wenn wir das nicht tun, wird das Gegenteil passieren. Dann haben wir vielleicht national Erfolge, aber das andere wird es nicht spielen. Und wenn ich sage, ich will in vier oder sechs Jahren bei einer Endrunde jemanden dabei haben, dann muss ich in das investieren. Zeit und auch ein bisschen Geld.

NEWS.AT : Woran liegt es, dass es derzeit keinen Top-Schiedsrichter aus Österreich gibt?
Sedlacek: Wir haben in der Vergangenheit die Philosophie der UEFA nicht ganz mitgemacht. Wir haben immer versucht, Leute mit einem gewissen Status möglichst lange zu halten. Das ist heute zu wenig. Die UEFA hat eine andere Philosophie und sagt, wir brauchen gute Leute, solange es für sie nach oben geht. Und wenn es für einen nicht mehr weiter nach oben geht, sollte er nach zwei, drei Jahren Platz für den nächsten machen.

Thomas Einwaller.
© GEPA pictures/ Oliver Lerch Thomas Einwaller war Österreichs letzter Top-Schiri.

Aber heute sind wir sehr gut aufgestellt. Wie haben viele gute Junge, die durch die zusätzliche Erfahrung jede Saison besser werden. Harald Lechner ist kürzlich in Topf 1 (die zweithöchste Kategorie für UEFA-Schiedsrichter, Anm.) aufgestiegen, jetzt steht ihm der Weg nach oben offen, wenn er die entsprechenden Leistungen bringt. Und auch dahinter haben wir Leute wie Alexander Harkam oder Manuel Schüttengruber, bei denen die Entwicklung so verläuft, wie man sich das vorstellt.

NEWS.AT : Ein Thema, das auch die Schiedsrichter betrifft, ist das Freistoßspray, das bei der WM erstmals zum Einsatz kommt. Was halten Sie davon?
Sedlacek: Bei der WM funktioniert es sehr gut. Es ist sicher ein Hilfsmittel, das den Schiedsrichter von ein paar Problemstellungen befreit und das niemandem schadet. Ich habe jedenfalls noch niemanden getroffen, der gesagt hat, das ist ein Blödsinn.
Auch die Torlinientechnik hat sich ja allen Ankündigungen zum Trotz– zumindest einmal – bewährt. Aber da stellt sich natürlich eine Kostenfrage, die beim Spray wegfällt.

Freistoßspray im Einsatz.
© APA/EPA/CJ Gunther Das Freistoßspray im Einsatz.

NEWS.AT : Schiedsrichter stehen häufig im Mittelpunkt der Kritik. Haben Sie Mitleid, wenn einer nach einem Spiel öffentlich zerrissen wird?
Sedlacek: Mitleid ist das Falsche. Ein Schiedsrichter braucht eine dicke Haut, sonst ist er fehl am Platz. Er befindet sich in einer Position, in der er nicht viele Freunde finden wird. Und ein gewisses Level an Kritik, auch ungerechtfertigter, muss man einfach aushalten. Da kann man keine Mimose sein. Aber teilweise nimmt es Ausmaße an, bei denen sich ein Mensch die Frage stellen muss, habe ich das notwendig? Vor allem, wenn ich von dem Prinzip ausgehe, dass jemand versucht hat, etwas gut zu machen, auch wenn es einmal nicht gelungen ist.

Auf der anderen Seite fehlt vielen Schiedsrichtern die nötige Erfahrung, weil sie aus verschiedenen Gründen in immer jüngerem Alter eingesetzt werden. Wenn du das erste Jahr in der Bundesliga bist, ist der Umgang mit den Medien das schwierigste. Wenn nach einem Spiel dein Name in der Zeitung steht und daneben, was du alles falsch gemacht hast, ist es sehr schwierig, damit zu leben.

Österreichs Schiedsrichter-Chef Robert Sedlacek.
© GEPA pictures/ Felix Roittner Robert Sedlacek bei einem Schiedsrichter-Lehrgang im Juli 2014.

Robert Sedlacek ist Präsident des Wiener Fußballverbandes und Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Österreichischen Fußball-Bunds. Damit ist er der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Chef der rund 2.500 österreichischen Unparteiischen.

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