Wirtschaftsspionage erschüttert Renault:
Drei führende Manager müssen Hut nehmen

Fall trifft den Elektroauto-Vorreiter mit voller Wucht Industrieminister Besson warnt vor "Wirtschaftskrieg"

Wirtschaftsspionage erschüttert Renault:
Drei führende Manager müssen Hut nehmen © Bild: AP/dapd/Frank Augstein

Der französische Autobauer Renault spricht von einem Angriff auf sein "strategisches, intellektuelles und technologisches Eigentum", der Pariser Industrieminister Eric Besson warnt gar vor einem "Wirtschaftskrieg". Gemeint ist ein mutmaßlicher Fall von Wirtschaftsspionage, der Frankreichs Pionier bei der Entwicklung von Elektroautos mit voller Wucht trifft. Drei führende Manager wurden suspendiert und mussten ihre Büros räumen.

Details über die Affäre sickerten bisher nur tröpfchenweise durch. Renault sprach lediglich von "sehr ernsten Vorgängen". Die suspendierten Manager hätten in dem Unternehmen "besonders strategische Positionen" innegehabt. Nach übereinstimmenden Quellen gehörte einer von ihnen zu den 30 Mitgliedern des Direktoriums, die unmittelbar Konzernchef Carlos Ghosn unterstellt sind. Ein anderer war demnach an der Entwicklung der Elektroautos beteiligt, dem Vorzeigeprojekt des Unternehmens.

"Es scheint, dass es um Elektroautos geht", bestätigte Besson dem Privatsender RTL - ohne nähere Angaben. Dafür spricht in der Tat sehr viel: Schließlich haben Renault und sein japanischer Partner Nissan bereits gut 4 Mrd. Euro in die Entwicklung von Elektroautos investiert, jährlich sind für diesen Bereich Ausgaben von 200 Millionen Euro geplant.

Zwei Modelle in der Warteschleife
Mitte dieses Jahres will das Unternehmen zwei Modelle mit Elektromotoren auf den Markt bringen, das Familienauto Fluence und das kleine Nutzfahrzeug Kangoo Express. Bis spätestens Mitte 2012 sollen zwei andere Elektro-Modelle folgen, der Kleinwagen Twizy und die zur unteren Mittelklasse gehörende Limousine Zoe. Nissan verkauft sein erstes elektrisches Auto für den Massenmarkt, den Leaf, bereits in den USA und Japan.

Renault und Nissan setzen angesichts steigender Spritpreise und immer strengerer Umweltauflagen für Verbrennungsmotoren auf eine wachsende Nachfrage nach Elektroautos. Nach Einschätzung von Renault könnten diese Fahrzeugtypen bis zum Jahre 2020 in Frankreich zehn Prozent des Marktes ausmachen.

Die Affäre trifft das französisch-japanische Duo umso härter, als es einem immer schärferen Wettbewerb ausgesetzt ist. Auch die Konkurrenz arbeitet an Elektrofahrzeugen, sei es in Frankreich, Deutschland oder China.

Autoindustrie besonders anfällig
Die Autoindustrie ist besonders anfällig für Wirtschaftspionage: Es dauere gut zehn Jahre, ein neues Modell zu entwickeln, erläutert der französische Abgeordnete Bernard Carayon, der sich seit längerem mit der Problematik befasst. "Da ist die Versuchung, Technologie zu plündern, natürlich groß."

Die französische Regierung will dem nun entgegenwirken. Unternehmen, die wie Renault für ihre Forschung öffentliche Zuschüsse erhielten, müssten ihre Geheimnisse künftig besser schützen, sagte Besson. Dazu sollten die entsprechenden Auflagen verschärft werden.

Frankreich nicht zimperlich
Andererseits scheint Frankreich selbst in Sachen Wirtschaftsspionage nicht gerade zimperlich zu sein - dies geht jedenfalls aus einem diplomatischen Notenwechsel hervor, den die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte. Demnach hat Berry Smuty, Chef des deutschen Satellitenherstellers OHB Technology, Frankreich vorgeworfen, regelmäßig "Technologien zu klauen". Dies habe der deutschen Industrie mehr Schaden zugefügt als die Wirtschaftsspionage durch China oder Russland, wird Smuty in einer Note vom 20. November 2009 zitiert.

(apa/red)