Wirtschaft von

Höchste Zeit für höhere Gehälter

Martin Kwauka über die schwindende Kaufkraft in Österreich

Ein Werbeslogan der Wirtschaftskammer verspricht vollmundig: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.“ Damit soll signalisiert werden: Wir, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sitzen alle im selben Boot und teilen gerecht. Die Reali tät sieht leider etwas anders aus. In den vergangenen zehn Jahren ist die Kaufkraft der Löhne und Gehälter praktisch unverändert geblieben, während die Gewinne kräftig zulegten.

Zwar werden heuer die Pro-Kopf-Gehälter laut Schätzung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) um durchschnittlich 2,7 Prozent steigen. Doch das sagt letztlich wenig aus. Nach Abzug vonInflation und Steuern sinkt nämlich das Einkommenum 0,8 Prozent.

Zwei negative Jahre
2011 ist übrigens schon das zweite Jahr in Folge, in dem die Kaufkraft sinkt. Bereits 2010 verringerten sich die Nettogehälter im Schnitt um 0,7 Prozent. Und für 2012 erwartet das Wifo auch nur ein mikroskopisches Plus von 0,3 Prozent. Die breite Masse kann sich also im nächsten Jahr immer noch weniger leisten als im Krisenjahr 2008.
Das ist nicht nur ungerecht, sondern langsam auch ein Problem für weite Teile der Wirtschaft. Der Konsum entwickelt sich so schwach, dass der Aufschwung selbst an vielen Unternehmen spurlos vorbeigeht, beispielsweise am Einzelhandel und am privaten Wohnbau. Vor kurzem forderte sogar Wifo-Chef Karl Aiginger, dass die nächste Gehaltsrunde üppiger ausfallen muss. Das ist endlich mal ein klares Wort. Normalerweise raten nämlich Wirtschaftsforscher immer nur zu Lohnzurückhaltung.
Es reicht nicht, wenn bei den Gehaltsabschlüssen im Herbst gerade mal ein Dreier vor dem Komma steht. Erst wenn sich die Lohnerhöhungen in Richtung vier Prozent bewegen, hält der Werbespruch der Wirtschaftskammer, was er verspricht.