Gastkommentar von

Wir sind unregierbar geworden

Es wird Zeit, das Hirtenprinzip hinter uns zu lassen

Gastkommentar - Wir sind unregierbar geworden © Bild: shutterstock/Alessandro Cristiano

Die wahre Spaltung in unserer Gesellschaft wird in den nächsten Jahren die zwischen jenen sein, die die Hirtensysteme stützen und verteidigen auf der einen Seite, und jenen, die die Hirten vom Sockel holen wollen auf der anderen Seite. Establishment gegen Anti-Establishment.

In ganz Europa wird uns gerade sehr anschaulich das Dilemma zentraler Steuerung vorgeführt. Die Debatten zentrifugieren regelrecht, der Meinungsgegner wird mit Häme überschüttet und die Politik soll es gefälligst richten. Das Ganze ist wie der Ruf der Herde nach dem Hirten.

Doch Klimaschutz oder das Autonomiebestreben eines Volkes entziehen sich rigoros jeder zentralen Steuerung. Jeder gut gemeinte Eingriff birgt die Gefahr, die Situation noch zu verschlimmern.

Die großen Vertrauenskrisen unserer Zeit – Flüchtlingskrise, die französischen Gelbwesten, die Renten, Dieselgate usw. – zeigen uns, dass das Hirtenprinzip zunehmend versagt. Wir sind unregierbar geworden.

Mit Sicherheit verunsichert

Schauen Sie noch Talk-Shows? Ertragen Sie das? Ich tue mich sehr schwer mit der Häme, die das große Leitsymptom dieser Nationalrat-Ersatzrunden ist. Auch wenn die Schulhofkloppereien mit viel Pathos und Emotionen geführt werden, es bleiben Schulhofkloppereien – moralisch aufgeladenes Kampfgetöse, aggressiv, populistisch von allen Seiten, undifferenziert, Gehabe und Gehetze, letztlich immer nur mit dem Ziel, die Zustimmungsergebnisse ein wenig zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen.

Es wirkt auf mich wie ein verzweifelter Versuch von der grundsätzlichen Unsteuerbarkeit abzulenken, sei es eines Landes, eines Großunternehmens, einer Vereinigung oder eines ganzen Staatenverbundes.

Die paternalistischen, hierarchischen Hirtensysteme versagen überall. Und zwar deshalb, weil sie generell auf zentrale Steuerung und die kausale Abfolge von Ursache und Wirkung setzen.

Der niedliche Schutzmann

Die Realität verhält sich aber nicht geordnet, lässt sich nicht steuern und folgt schon gar nicht Kausalitäten. Sie verhält sich eher wie eine Kreuzung in einer ostasiatischen Großstadt. Die Fußgänger, Mopeds, Rikschas, Fahrräder, Lastenräder, Kleinwagen und Laster strömen dort aus fünf oder sechs Richtungen auf die Kreuzung unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln. Sie drosseln einfach das Tempo und fahren so schnell wie möglich und so langsam wie nötig, um anderen Verkehrsteilnehmern ausweichen zu können. Jedes einzelne Vehikel sucht sich seinen Weg und insgesamt entsteht ein riesiges Kuddelmuddel, das aber fließt und sich kontinuierlich bewegt. Es gibt keinen Stau bis zum Stillstand. Die Verkehrsteilnehmer kommen auf wunderbare Weise unfallfrei auf der anderen Seite der Kreuzung wieder heraus.

Nun stellen Sie sich einen Schutzmann aus den Fünfzigerjahren vor und stellen Sie ihn in Uniform und mit weißen Handschuhen auf sein Podestchen mitten auf die ostasiatische Kreuzung: Er winkt und gestikuliert, trillert hilflos auf seinem Pfeifchen und versucht, das Chaos zu regulieren – und die ganze Welt ignoriert ihn. Denn sein Einfluss ist gleich null. Höchstens bringt er ein paar Mopedfahrer durcheinander, weil er im Weg steht oder einen Unfall verursacht, indem er einen Fahrradfahrer anhält.

In allen heutigen Politikfeldern gibt es so viele Einflussfaktoren, die niemand unter Kontrolle haben kann – aber die Hirten erheben den Anspruch der Kontrolle, dem sie dann nicht gerecht werden. Nicht gerecht werden können!

Die falschen Schuldigen

Die Fehler, die dann passieren, werden allerdings von der Öffentlichkeit personalisiert und einzelnen Hirten als individuelles Versagen zugeschrieben. Deswegen zeigen alle mit dem Finger hämisch aufeinander und machen sich Vorwürfe. Was dabei übersehen wird: Nicht die Hirten versagen. Die Hirtensysteme versagen!

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger sagte in einem Interview mit dem Medienportal meedia im Juli 2018: "Was wir momentan erleben: Leadership-Modelle lösen sich auf, in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien, sie werden durch neue Leitbilder und Formen ersetzt. Das zeigt: Die alte Garde ist am Ende – und zwar überall."
Diesen Eindruck teile ich: Politik ist größtenteils zur systemstabilisierenden Praktik verkommen, weil sie mit dem rasanten Tagesgeschehen und den Dynamiken unserer Zeit nicht mehr zurechtkommt.

Die alte Garde ist am Ende

Döpfner fährt fort: "Die Bürger haben ein Gespür dafür, wenn Politiker Politik für sich selbst machen. Wähler fühlen sich als nützliche Idioten, die ab und an mal ein paar Kreuze machen dürfen. Ob in Amerika, Osteuropa, Großbritannien oder auch im eigenen Land: Die Leute haben darauf keine Lust mehr und suchen nach einem anderen Typus. Wenn es gut geht, sind es Leute, die ohne extremistisches, nationalistisches oder populistisches Gedankengut auskommen. Wenn es schlecht geht, wackelt die Demokratie."

Ich bin sicher, dass Döpfner damit richtig liegt, nur glaube ich, dass die Leute schon lange nicht mehr nach einem "anderen Typus" suchen, weil sie bei dem auch nichts anderes vermuten. Aber sie wählen trotzdem, alleine schon, weil sie "Demokratie" als moralisch irgendwie wichtig empfinden. Und dann wählen sie vermehrt das Gegen-Establishment, weil es ja die minimale Chance vertritt, etwas Grundsätzliches zu ändern.

Die wahre Spaltung in unserer Gesellschaft wird in den nächsten Jahren die zwischen jenen sein, die die Hirtensysteme stützen und verteidigen auf der einen Seite, und jenen, die die Hirten vom Sockel holen wollen auf der anderen Seite. Establishment gegen Anti-Establishment.

Die Konservativen, Libertären und Rechten sind eine neue Gegenkraft, die all den Linken egal welcher Partei die Hirtenstäbe in der ganzen Gesellschaft entreißen wollen. Dabei ist nicht klar, was sie stattdessen wollen. Die Progressiven von einst, die etablierten Politiker inklusive der Journalisten und Lehrer, sind die Machtbesitzstandswahrer von heute, die krampfhaft die Hirten stützen, bis es absurd wird. Oder die wenigstens Zeit gewinnen wollen, um den Status quo zu verteidigen. Die Frage ist: Wie soll man ein solches Land noch regieren?

Wo ist der Ausweg?

Wir lösen das Problem nicht, indem wir fragen: Wie regieren wir innerhalb des Systems besser? Oder: Wer könnte innerhalb des Systems besser regieren? "Muss Kurz, Merkel oder Juncker weg?" – Derartige Fragen führen uns völlig in die Irre, wenn wir nicht das Regieren als solches infrage stellen.
Meine Frage ist daher: Haben wir das richtige System, um die Probleme von heute zu lösen?

Die Krux an dieser Frage ist, dass sie für viele einen Tabubruch darstellt. Und dieser Tabubruch bewirkt, dass viele sich nicht trauen, auf diese Diskussion einzuschwenken und sich ihr zu stellen. Aber gerade diese Diskussion ist die eigentliche, zentrale Diskussion in unserer Gesellschaft!
Wenn wir sie nicht führen, dann fummeln und doktern wir weiter an den Symptomen herum, während wir uns weiter voneinander entfernen und uns entfreunden – und schlagen uns irgendwann die Köpfe ein.

Nicht der Erhalt des Systems sichert den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Sondern die Debatte über das System wird den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sichern.

Zur Person

© intrinsifyVerlag

Lars Vollmer, Jahrgang 1971, promovierter Ingenieur und Honorarprofessor der Leibniz Universität Hannover, ist Unternehmer, Bestsellerautor und Begründer von intrinsify, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt im deutschsprachigen Raum. Vollmer spielt Jazzpiano, trinkt gerne Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona.

Über sein Buch

In seinem neuen Buch "Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist" (intrinsifyVerlag, 2019) bietet Lars Vollmer einen neuen konstruktiven Blick auf die Krisen von Politik und Gesellschaft, jenseits von besorgten Bürgern und Gutmenschen. Ein Plädoyer für Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritt.

Das Buch "Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist" gibt es hier*

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Kommentare

Roland Mösl

Wenn man die Entwicklung von Lebensstandard und politischen Klima in den letzten Jahrzehnten verfolgt, dann endet es mit der Vorstellung über eine Meinungsumfrage in China mit der Frage was ist Ihnen lieber: "Pest, Cholera oder Demokratie nach deutschen Vorbild".

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