Das Ortnerprinzip von

Wir sind im Showgeschäft

Julia Ortner über das Showtalent Sebastian Kurz. Warum die Zuseher ihn lieben.

Julia Ortner © Bild: News

Unser weltberühmter Außenminister Sebastian Kurz zu Gast bei der deutschen Talkshowkönigin Anne Will, und das schon zum zweiten Mal, wie cool ist das denn! Wir Österreicher sind wieder wichtig. Das professionelle Publikum war schon enthusiasmiert, bevor Kurz überhaupt bei Frau Will sitzen und die deutsche Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik kritisieren durfte. So einen Aufruhr um die Einladung in eine Diskussionssendung hat man hierzulande selten erlebt. Und erst der Begeisterungssturm nach Kurz’ souveränem Auftritt. Sogar die Deutschen mögen uns jetzt, wegen ihm, „Sebastian Kurz, Liebling der deutschen Medien“.

Jetzt ist der Außenminister ohne Frage ein begabter Politiker. Mit einer Vorstellung von Politik, ob sie einem nun gefallen mag oder nicht. Doch vor allem ist Kurz auch ein Medienauskenner, der weiß, wie es im Fernsehen läuft. Und jetzt müssen bitte alle stark sein, die das noch nicht wissen: Fernsehen ist Showbusiness. Im besten Fall Showbusiness mit Geist, Frau Will kriegt das zum Beispiel gut hin.

Das Showgeschäft funktioniert nach einfachen Regeln, das wissen Profis. „Es geht maximal zu sieben Prozent um Inhalt, entscheidend sind für die Zuseher Präsenz, Aussehen, Mimik, Gestik der handelnden Personen“, sagt Michael Karnitschnigg, Kameratrainer und Coach vieler Fernsehleute. Wichtig ist, was die Zuseher in jemandem sehen wollen, nicht unbedingt, was er ist. Im Fall von Kurz sei das eben ein eloquenter, manierlicher, junger Mann, der trotz juveniler Ausstrahlung die Botschaft vermittle, er habe Leadership, er habe die Lösung, von ihm aus wäre das alles ruckzuck erledigt, sagt der Experte. Beweisen muss man das ja auch nicht im Studio, sondern erst, wenn man tatsächlich Chef ist, zum Beispiel von der ÖVP. Oder vielleicht Bundeskanzler.

Kurz ist sich bewusst, dass er eine Projektionsfläche für die Zuseher ist. Und diese Rolle erfüllt er mit einer gewissen Lust, das Medium muss einem Spaß machen, Unbehagen vor der Kamera teilt sich gnadenlos mit. Übrigens, ein anderes Modell TV-Showstar hatten wir ja schon. Karl-Heinz Grasser durfte auch dann noch auf deutschen Diskussions-Sofas seine Weisheiten verbreiten, als man sogar bei uns bereits dachte: Naja, der Herr Grasser, vielleicht doch nicht so ein Held.

Ganz konträr hat da jener alte Showprofi agiert, der jetzt die Bühne verlässt. Fritz Neugebauer, einflussreicher Beamtengewerkschafter, war vielleicht ein Mann aus Beton, aber er ist immer bei sich geblieben. Nicht elegant, nicht smart wie ein Sebastian Kurz, doch in seiner Attitüde unerschütterlich. Ein Spielverderber, ein Bösewicht für die Reformwütigen. Denn auch so einen braucht jede gute Fernsehshow.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: ortner.julia@news.at

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